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GRAUSAMES SCHICKSAL von Jannett TEIL 1 -- TEIL 2 -- TEIL 3 -- TEIL 4 -- TEIL 5 -- TEIL 6 -- TEIL 7 -- TEIL 8 -- TEIL 9 -- TEIL 10 -- TEIL 11 -- TEIL 12 -- TEIL 13 -- TEIL 14 TEIL 15 -- TEIL 16 -- TEIL 17 -- TEIL 18 -- TEIL 19 -- TEIL 20 -- TEIL 21 -- TEIL 22 -- TEIL 23 -- TEIL 24 -- TEIL 25 -- TEIL 26 -- TEIL 27 -- TEIL 28 -- TEIL 29 TEIL 30 -- TEIL 31 -- TEIL 32 -- TEIL 33 -- TEIL 34 -- TEIL 35 -- TEIL 36 -- TEIL 37 -- TEIL 38 -- TEIL 39 -- TEIL 40 -- TEIL 41 -- TEIL 42 TEIL 43 -- TEIL 44 -- TEIL 45 -- TEIL 46 -- TEIL 47
Feedback bitte an: Jannett Kommentar: Warum soll eigentlich immer Taku der Leidtragende sein? Mal sehen, ob ich es schaffe die Charaktere beizubehalten.
TEIL 1In einem weiträumigen Raum mit schweren Teppichen und verschiedenen Waffen an den Wänden standen zwei Männer. Der eine arrogant mit erhobenem Haupt, die Kleidung wohl gewählt und aus edlen Stoffen. Der Andere in leicht abgetragenen Gewand, in etwas geduckter unterwürfiger Haltung, mit verschränkten Armen vor den Oberschenkeln und auf Anweisungen wartend. Der gut Gekleidete ging zu dem Schreibtisch der sich vor dem Fenster befand und setzte sich. Dann öffnete er eine der Schubladen, holte ein Schriftstück und ein Foto heraus und legte beides auf die Kante vom Tisch. „Das wirst du vielleicht brauchen. Finde ihn und töte ihn.“ „Ja.“ „Ich wünsche, dass es so schnell wie möglich und ohne großes Aufsehen erfolgt. Niemand darf erfahren, dass der Auftrag hierzu aus diesem Hause stammt. Es soll so aussehen, als ob er weggelaufen sei, dann sein Leben nicht mehr ertragen hat und es beenden wollte. Allerdings ... muss seine Leiche spätestens nach drei Tagen gefunden werden und zwar in einem Zustand, dass man ihn noch erkennen kann. Alles andere überlass ich dir.“ „Sehr wohl. Ich verstehe. Ich werde alles in die Wege leiten, um ihn so schnell wie möglich zu finden und aus dem Weg zu räumen.“ Hirose erhob sich aus seinem lederbesetzten schwerem Lehnstuhl, der hinter einem ebenfalls monströsen Schreibtisch stand und maß den Mann der vor ihm stand, mit einem kalten verächtlichen Blick. Einem Blick, der den Nanjo’s eigen war. Diese Familie war zwar sehr reich, aber auch absolut skrupellos, sogar gegen ihre eigenen Familienmitglieder. Die jüngste Familienangehörige Nadeshiko, seine Schwester, war bereits als Säugling versprochen worden. Sie sollte, wenn sie alt genug dazu wäre, den Erben eines benachbarten reichen Clans heiraten, um die freundschaftlichen Beziehungen auch familiär zu bestärken. Die Mitgift hatte man bereits ausgehandelt und ausgehändigt. So fiel sie aus dem Testament des Vaters heraus, als das Oberhaupt des Nanjo - Clans starb. Zur allgemeinen Überraschung vermachte das Oberhaupt das gesamte Erbe, seinem seit 12 Jahren ‚verschollenen’ Sohn. Am Ende des Testamentes standen dann noch Bedingungen, die erfüllt werden mussten, um das Erbe offiziell in Hirose’s und Akihito’s Hände zu legen. Was der Vater nicht wusste - war, dass am Verschwinden seines jüngsten Sohnes Kojiro, seine beiden älteren Söhne die Schuld trugen. Hirose Nanjo hatte solange der Erbe „nicht zufinden“ war, die Geschäfte der Familie stellvertretend übernommen, und er war nicht bereit, dass so mühsam Erworbene wieder herzugeben oder sich aus den Händen reißen zu lassen. Er war eiskalt, wie sein Vater. Wenn er mal lächelte, was selten genug vorkam, dachte jeder der ihm dabei ins Gesicht sah, er müsste jeden Moment erfrieren. Ohne Kurauchi eines weiteren Blickes zu würdigen, ging er zu einem wuchtigen Tisch hinüber, setzte sich daran und schnitt mit einem Dolch dessen Schaft vergoldetet war und den er immer mit sich herum trug, eine Keule von dem köstlich angerichteten großem Vogel, welcher auf dem Tisch stand. Er fing an zu essen und dabei wanderten seine Gedanken in die Vergangenheit, während Kurauchi lautlos das Schriftstück und das Foto an sich nahm und sich damit zurück zog, um die Anweisungen seines Herrn zu erledigen. *** ‚Eines Tages hatten er und sein jüngerer Bruder Akihito mit Leuten, welche aus einem entfernt lebenden anderem Clan, auf Geschäftbesuch bei ihrem Vater gewesen waren, beim Spiel einen hohen Betrag verloren. Eigentlich war es Akihito. Ich hatte schon vorher kein Geld mehr in den Taschen und hatte mich mit einem Mädchen zurückgezogen. Als ich wieder den Raum betrat, war der Schuldenberg von Akihito so hoch gewachsen, dass er nicht mehr wusste, wie er alles bezahlen sollte. Der Vater hatte uns, seinen älteren Söhnen, auf Grund unserer Verschwendungs- und Spielsucht die Geldmittel stark gekürzt. Es sah nicht so aus, als ob er bereit wäre, darauf einzugehen und einem von uns die Schulden zu begleichen. Nach einigem hin und her - zwischen Akihito und mir - schmiedeten wir einen gemeinen Plan, da wir wussten, dass zwei der Spieler zu einem Ring zählten, der mit Kindern handelte. Und so wurden die Spielschulden mit dem Leben von einem kleinem 5jährigem Jungen bezahlt. Der Pakt wurde mit einem von mir abgefassten Schreiben besiegelt, das lautete, dass die Fremden für unbestimmte Zeit zu den neuen „Eltern“ eines 5jährigen Jungen, mit Namen Koji, gemacht wurden. Sie konnten mit dem Kleinen machen was sie wollten: ihn für sich arbeiten lassen, verprügeln, töten und auch weiter >verkaufen<. Das war Akihito und mir völlig egal. Nur durfte der Junge nie wieder in dieser Gegend gesehen werden. Damit erklärten die Leute sich einverstanden. Niemand von den Leuten hatte damals geahnt, dass dieser Koji in Wirklichkeit ihr eigener Halbbruder war.’ Und so nahm das Schicksal des Jungen seinen Lauf. Ja, sie hatten ihren verhassten Bruder damals „verkauft“. Beide... waren sie froh, ihn nie wiederzusehen und erhofften sich auf diese Art und Weise die Liebe und somit auch das Erbe ihres Vaters wieder zu erlangen, wenn sie dafür sorgten, dass Kojiro für immer unauffindbar bleiben würde. Viele Schmiergelder hatten sie an die Männer gezahlt, die ihr Vater auf der Suche nach seinem jüngsten Sohn aussandte, damit sie Kojiro nicht finden. Doch inzwischen war der alte Mann tot und wie zum Trotz sollten sie noch zehn weitere Jahre in Kojiro’s Schatten leben, wenn seine Leiche nicht bis dahin gefunden wurde. ‚Also gab es nur diesen einen Ausweg. Er musste auftauchen. Aber er durfte nicht leben!’
TEIL 2 - RückblendeDer Junge lebte indes unter dem Namen Koji in der Familie Izumi. Koji lebte dort als Spielgefährte des ältesten Sohnes, verrichtete auch kleinere Arbeiten mit im Haus, lernte gemeinsam mit Takuto lesen und schreiben und wurde wie ein Sohn behandelt, obwohl er nur vorrübergehend im Haus bleiben sollte. Ein sehr entfernter Verwandter hatte den Izumi’s den Jungen - mit einer rührenden Geschichte - damals ins Haus gebracht, und sie gebeten auf ihn aufzupassen. Auf dem Nachhauseweg war er von der Polizei geschnappt worden, und saß noch immer fest. Warum, wussten sie nicht. Sie erhielten keine Auskunft. Niemand fragte nach dem kleinen Jungen. Also behielten sie Koji bei sich. Takuto und er waren Freunde geworden, obwohl Koji niemanden so ohne weiteres an sich heran ließ. So verbrachte er hier vier unbeschwerte Jahre. Das Oberhaupt dieses Clans lag schon lange Zeit in einer Blutfehde mit einem benachbartem Clan. Koji erlebte die ständigen Streitereien des Clans oft mit. Im Alter von 9 Jahren geschah dann das großes Unglück, was sowohl seins als auch das Leben der Izumi’s veränderte. Sowohl der Vater als auch die Mutter wurden bei einem Anschlag getötet. Der Vater war zwar noch in der Lage den Angreifer, das Oberhaupt des anderen Clans niederzustrecken, erlag dann aber seiner tödlichen Verletzung. Da dieser Mann keinen direkten männlichen Erben hinterließ, endete die Fehde in einer blutigen Tragödie und die jetzigen Waisenkinder entkamen dadurch weiteren Anschlägen. Der Clan wurde von den Horiuchi’s übernommen, Verwandten ihrer Mutter. Koji wurde von diesem anderen Verwandten abgeholt, da er gerade sein Zeit im Knast abgesessen hatte. Und die drei Kinder der Izumi’s wurden von den Horiuchi’s aufgenommen. Noch bevor Takuto was dagegen unternehmen konnte, hatte der Mann Koji fortgebracht. Und wieder kam Koji zu neue Personen. Doch diesmal geriet er an keine guten Menschen. Er wurde herumgestoßen, wegen jeder Kleinigkeit verprügelt, bekam nicht genug zu essen und lernte darum das Nötigste zu stehlen, um nicht zu verhungern. Eines Abends wurde er sogar von seinem betrunkenen „Besitzer“, der eine Art Bordelle mit Spielhölle führte, missbraucht. Zwei Tage später, erneut. Doch diesmal nicht nur von seinem Besitzer, sondern anschließend noch von drei Trunkenbolden, die sich seine Freunde nannten. Koji dachte schon, dass sein letztes Stündchen geschlagen hat, als er so von seinem eigenen Blut besudelt auf dem Boden lag. Doch er wurde von einer anderen Mitbewohnerin des Hauses, mit der er sich in diesen schrecklichen Zeiten etwas angefreundet hatte, versorgt. Sie hatte miterlebt, wie aus dem fröhlichen und lebhaften Jungen, durch die Brutalität, der er tagtäglich ausgesetzt gewesen war, ein eisiger, berechnender und mitleidloser junger Mann wurde, der den Kinderschuhen - trotz seines jugendlichen Alters - schon längst entwachsen war; der die Schmerzen die ihm zugefügt wurden, still ertrug - ohne einen Laut von sich zu geben - und der jede Möglichkeit zur Flucht nutzte. All das machte Koji noch härter und gefühlsloser anderen gegenüber. Als er wieder in der Lage war, auf eigenen Beinen zu stehen, lief er nochmals davon. Doch leider war seine Flucht auch diesmal nicht sehr glücklich. Er wurde aufgespürt und zurückgebracht. Man peitschte ihn zur Strafe mit einer Pferdepeitsche durch und die Qualen begannen anschließend wieder aufs Neue. Mehrmals versuchte er seinen peinigenden Besitzern zu entfliehen, aber jedes Mal wurde er gefasst. So gingen 7 weitere Jahre ins Land. Koji war inzwischen 16 Jahre alt, und hatte sein vergittertes Zimmer schon seit Ewigkeiten nicht mehr alleine verlassen dürfen. Musste er zu einem Kunden oder einer Kundin, wurde er geholt und hinterher hier wieder eingesperrt. Viele seiner Gefährten waren inzwischen verstorben, da sie die Tortour nicht ausgehalten hatten. Aber ihn hatte dies nur noch härter und verschlossener gemacht. Er wusste, dass er durch diese Leute keine Chance hatte zu entkommen, da er und auch die Anderen ständig durch eine Kamera - bei den perversen Spielchen ihrer Kunden - beobachtet wurden. Einerseits um die „Ware“ im Auge zu behalten - bzw. besser gesagt, um sich an den Spielchen der anderen zu ergötzen -, andererseits legten sich ihre Besitzer durch Erpressungsgelder noch einen kleinen Nebenverdienst zu. In all der Zeit musste er immer wieder an die schöne Zeit bei den Izumi’s denken. Er fragte sich immer öfter, was aus seinem Spielgefährten Takuto geworden ist. Aber dadurch, dass die Familie fortgezogen war und die drei Kinder mitgenommen hatten, hatte er nichts mehr von ihnen gehört. Es war, als ob es sie nie gegeben hatte. Nach und nach verblasste ihr Bild immer mehr, nur Takuto konnte er nicht vergessen. Eines Abends, als sein „Besitzer“ wieder einmal mit Freunden beim Spiel zusammen saß, hatten sie, - wie sie glaubten - zwei neue „Opfer“ gefunden. Da das Spiel nicht so lief, wie sie es sich erhofft hatten, verschwand einer nach dem anderen für einige Zeit in den angrenzenden Nebenraum. Die Beiden wunderten sich, was die Anderen taten und sahen sich fragend an. Einmal hörten sie einen entsetzlichen Aufschrei, der aber sofort wieder verstummte. Sie sprangen auf und in der nächsten Sekunde waren sie schon an der Tür zu dem Raum, doch die Männer wollten sie daran hindern hineinzugehen. Sie meinten es handele sich nur um einen Bediensteten, dessen Leben sowieso bald vorbei sei. Aber Katsumi Shibuya ließ sich nicht davon abhalten. Er schlug die angetrunkenen Kerle - gemeinsam mit seinem Freund Taka - zusammen und stürmte hinein. Was er sah, verschlug ihm glatt die Sprache. Mit offenem Mund starrten sie das, was sie vor sich sahen an. Der Abschaum, der wenige Minuten vorher in diesen Raum verschwunden war, reagierte offensichtlich seinen Unmut - über die verlorenen Gelder - an einem gefesselten jungen Mann auf eine Art und Weise ab, über die sich Katsumi nur empören konnte. Die Stellung in der er sich gerade befand und der Gesichtsausdruck des Jungen ließ keinen Zweifel bei Katsumi daran aufkommen, dass es gegen seinen Willen geschah. Sein Magen drehte sich um. Ihm dämmerte nun, mit was für Menschen er es hier zu tun hatte. Katsumi sprang auf den Kerl zu und riss ihn von dem Jungen weg. „Wie viel?“ „Wie viel - wofür?“ „Für ihn.“ Damit zeigte er auf dem am Boden liegenden Jungen. „Ihr kennt ja sicher nur das Gesetz des Geldes. ALSO?“ „Du willst deinen Spaß mit ihm?“ „Du Hund, sag schon! Oder soll ich erst die Polizei rufen?“ „Tja..., du kannst ihn haben, wenn... du mir alle Spielschulden erlässt. Aber viel Freude wirst du an ihm nicht haben. DER HIER ist bald hinüber.“, sagte er im verächtlichen Ton. „Das lass meine Sorge sein. Hau ab hier! RAUS! Ich will ihn sofort mitnehmen.“ Der Mann beeilte sich und Katsumi verließ nach ihm den Raum. Aber nicht ohne noch einen mitleidigen Blick auf das zitternde magere Etwas auf dem kalten Boden zuwerfen. Der Junge blieb alleine zurück. Als er das Schriftstück in seinen Händen hielt, warf Katsumi den anderen Männern vernichtende Blicke zu. Am liebsten hätte er sie getötet, aber dass ließe sich noch nachholen. Erst einmal musste er sich um den Jungen kümmern und ihn in Sicherheit bringen. Er steckte den Brief ein, ging zu ihm, befreite ihn von seinen Fesseln und nahm ihn mit sich.
TEIL 3Katsumi hatte mit Takasaka schon seit längerem eine Reise durch ganz Afrika geplant. Eigentlich war alles vorbereitet, doch im letzten Moment musste Taka absagen. Also entschloss sich Katsumi Koji mitzunehmen. ‚Der Junge könnte die Abwechslung gut vertragen. Sieht was von der Welt, und könnte in der Zeit wieder lernen, dass es auch noch andere Menschen gab, als die mit denen er die letzten Jahre verbracht hatte.’, dachte er sich. Also beantragte er die Änderung der nötigen Papiere und los ging’s. Zuerst hielten sie sich an die gebuchten Veranstaltungen, doch nach drei Wochen beschlossen sie die Gegend auf eigene Faust zu erkunden. Sie kauften einen bequemen Geländewagen, in dem sie auch mal schlafend die eine oder andere Nacht verbringen konnten. Unterwegs beobachteten sie Giraffen, die von den Bäumgipfeln Blätter zupften. Einmal trafen sie an einem Wasserloch auf eine Gruppe Elefanten. Weiter ging’s mit dem Jeep durch die unberührte Landschaft. Hin und wieder trafen sie auf ein Eingeborenendorf. Stiegen aus und gaben den Dorfbewohnern kleinere Geschenke. Dafür wurden sie dann von ihnen zum Essen eingeladen oder konnten im Dorf übernachten. Katsumi bemerkte erfreut Koji’s Entwicklung, als er ihn so mit den fremden Menschen beobachtete. Er schien ihm wieder etwas lebenslustiger und aufgeweckter als in der ersten Zeit. Er fing langsam wieder an, auf Menschen zu zugehen, obwohl er oftmals noch sehr aggressiv und abweisend reagierte. Aber nirgends hielten sie sich lange auf, damit er nicht groß Freundschaften schließen konnte, um dann anschließend wieder den Abschiedsschmerz ertragen zu müssen. Doch all die Zeit, ihre Erlebnisse, die Schönheit der Natur und auch die Armut und Bescheidenheit der Leute konnten Koji’s trübe Gedanken nicht ganz vertreiben. Und so hatte Koji immer noch Alpträume des Nachts und je länger sie währten, um so länger glaubte Katsumi sie würden nie vergehen. So manches mal, hatte er Koji aus seinen Träumen gerissen, ihn geweckt und dann beruhigt, dass alles vorbei sei. Den zitternden Jungen in seinen Armen gehalten, ohne doch in der Lage zu sein, ihm wirklich helfen zu können. Die Erinnerungen an das Gewesene würden zwar nie ganz aus seinem Gedächtnis verschwinden, aber er hoffte, dass sie mit der Zeit noch etwas mehr verblassen würden. Nicht mehr ganz so bedrohlich auf ihn wirkten. Nach und nach schaffte Koji es, diese Bilder durch ein anderes zu ersetzen. Wie schon unzählige Male vorher, wenn er am Leben verzweifelte und er nicht wusste wie es weiter gehen soll... wenn wieder ein Fluchtversuch misslungen war und man ihn brutal zusammengeschlagen oder zur Arbeit gezwungen hatte... wenn er hinterher zusammengekrümmt blutig in einer Ecke lag... all die unzählige Male die er sich wünschte für immer verschwinden zu können, sich plötzlich in Luft aufzulösen und an einem schöneren Ort erst wieder aufzutauchen, wenn er sich nichts sehnlicher als den Tod erbat... dann tauchte ein Bild vor ihm auf, was ihm wieder Mut machte. Und dieses Bild, dass wie ein guter Geist durch seine Träume spukte, war – Takuto Izumi. Später schaffte Koji es sogar, seine Angstträume mit Izumi’s Bild zu vertreiben. Immer häufiger gelang es ihm. Aber selbst diese Träume endeten nicht so, wie er sie sich erhoffte. Aber was erhoffte er sich eigentlich von ihnen? Er wusste es nicht. Immer wieder grübelte er darüber nach, was er eigentlich für seinen Freund empfand. Warum sein Bild vor ihm auftauchte, wie ein rettender Engel, den er nicht erreichen konnte. Nacht für Nacht träumte er manchmal so von ihm. Statt das die Erinnerungen an ihn in all den vielen Jahren verblasste, wurde sie von mal zu mal stärker und seine Fantasie fing inzwischen an, Ereignisse die so nie stattgefunden hatten, zu erfinden. So sah er ihn erst, wie sie als Kinder zusammen spielten. Wie sie gemeinsam mit der Familie der Izumi’s einen Ausflug in die Berge machten. Sah wie sie zwischen den Felsen umhertobten, versuchten sich laut lachend gegenseitig zu fangen. Dann... war er plötzlich dunkel. Sie hockten mit der Familie vor den Zelten – rund um ein loderndes Feuer – und hielten Stöcke mit verschiedenen Lebensmitteln über die Flamme, rösteten Kartoffeln in der Glut. Alles außer dem Feuer und Izumi sah nur noch schattenhaft aus. Die Konturen der Anderen verschwanden immer mehr. Sie lösten sich wie im Nebel auf. Koji war plötzlich mit ihm allein. Der Hintergrund war nur noch ein schwarzes Loch. Doch rund um Izumi herum, tauchte aus dem Nichts eine Korona aus goldenem Licht auf. Koji konnte nicht mehr still sitzen bleiben. Irgendwas zog ihn zu diesem Licht hin, dass die Dunkelheit stärker erhellte als das Feuer. Viel stärker. Viel heller. Immer mehr. Der Sog dorthin war so stark, dass er spürte: ‚Es gibt KEIN ENTKOMMEN. ENTWEDER ich berühre dieses Licht, lass mich von ihm aufsaugen, sogar verbrennen, wenn es sein muss, ODER ich sterbe.’ Er näherte sich ihm. Jeder Schritt dauerte so lange wie eine kleine Ewigkeit. Es war als ob die Zeit in Zeitlupe ablief, ja fast so als ob sie beschlossen hatte, jeden Moment stehen zu bleiben... Wie der Moment... kurz davor... kurz bevor sie wirklich stehen blieb. Der Drang ihn zu berühren wurde stärker. Es zerriss ihn fast. Doch der Weg war so weit, obwohl sie nur wenige Schritte von einander entfernt waren. Er sah wie Izumi größer wurde. Erwachsener. ‚Ja, es waren inzwischen einige Jahre vergangen. Als er ihn zum letzten mal sah, war er neun. Doch nun musste er älter sein. Die Zeit war nicht stehen geblieben. Er war ja auch älter geworden.’ Izumi’s Gesichtszüge lösten sich auf – doch die Augen blieben. Alles was er noch wahrnahm, waren seine unvergesslichen Augen. Der Ausdruck in ihnen. Das Funkeln, wenn er etwas wollte oder bekam und dieser wilde Ausdruck, wenn er mit Koji und den anderen Kindern Fußball spielte. Aber er spielte hier nicht. Hier war kein Ball. Kein Ball den er sehen konnte. Den Ausdruck den er sah... ja er war... flehend... so als ob Koji zu ihm kommen sollte. ... Zu ihm... Das Licht war inzwischen gleißend weiß! Es blendete. Er konnte nicht mehr direkt hineinsehen, ohne sich die Augen zu verblitzen. Aber er konnte auch nicht wegsehen, konnte nicht stehen bleiben. Er musste weiter zu ihm. Musste ihn durch das Licht hindurch berühren. Berühren um zu LEBEN oder um endlich Ruhe zu finden. Ruhe um zu sterben. Ruhe um all das Leid - für immer und ewig – vergessen zu können, was sie ihm angetan hatten. Ruhe um wieder ein normales Leben führen zu können. Oder gab es vielleicht noch etwas, was ihm jetzt noch nicht bewusst war? Was er erst erfuhr, wenn er den Lichtschein wirklich berührte? Ihn durchdrang? ‚Noch zwanzig Zentimeter... fünfzehn Zentimeter... zehn Zentimeter... fünf Zentimeter... vier Zentimeter... drei Zentimeter... zwei Zentimeter... ein Zentimeter... ... Gleich...!’ Koji’s Herz pochte laut, drohte zu zerspringen. ‚Gleich hab ich es geschafft. Gleich weiß ich es...!’ Er wollte das Licht gerade berühren, als er erwachte. Ein Schrei hallte noch durch den Raum. Sein Schrei! Sein Puls raste. Seine Atmung ging flach und viel zu schnell. Er zitterte am ganzen Leib! ‚Wieso? Wieso kann ich es nicht berühren? Fünfzig Mal - Hundert Mal – vielleicht auch schon öfter, hatte ich diesen Traum. Doch ich schaffe es nie. Doch auch noch nie war ich ihm so nah, wie dieses Mal... Warum kann ich es nicht durchdringen, ihn nicht erreichen? So nah bin ich ihm und doch jedes Mal so unendlich fern. Ich spürte den Luftzug seines Atems. Spürte das Lächeln auf seinen Lippen. Sah seine wundervollen aber dennoch traurigen Augen, seine bronzefarbene Gestalt vor mir, doch es war irgendwas bei uns, was es mir jedes mal erschwert ihn zu erreichen. Es zieht mich magisch zu ihm und doch verhindert es jede Berührung...’ Eine Träne lief ihm über das Gesicht. Er fühlte sich leer. Vermisste was. Das Licht und die Wärme die von Izumi ausgegangen waren, waren nicht wirklich gewesen. Die Nacht war nur schwarz und kalt. Voller Dunkelheit. Nicht einmal Sterne waren zu sehen. Er fühlte wie Kälte von ihm Besitz ergriff, höher und höher stieg, ihm eine Gänsehaut an den Stellen hinterließ. Das Zittern verstärkte. Spürte wieder die Einsamkeit seines Herzens, als die Kälte in seiner Brust ankam. Fühlte sich von Izumi verlassen... einsam... zurückgelassen... verloren. Katsumi war wieder neben ihm erwacht. Der Schrei den Koji dieses Mal ausgestoßen hatte, war so laut, so herzzerreißend, dass es ihm einen Stich versetzte. Er rutschte an ihn heran und nahm ihn beschützend in die Arme. Dann wiegte er ihn wie ein kleines Kind hin und her, um ihn zu beruhigen. Er fühlte sich auch dieses Mal hilflos, so elend. Wusste nicht, wie er Koji helfen konnte. Wusste nicht, wovon er Nacht für Nacht wirklich träumte. Was sich in seinen Träumen abspielte. Wusste nicht, dass die einen Alpträume inzwischen durch andere abgelöst worden waren. Das aus dem guten Geist, der Koji in der ganzen Zeit beschützt hatte, inzwischen etwas Unerreichbares geworden war, was er mit seiner ganzen Seele erstrebte. ES WOLLTE! IHN WOLLTE! Wusste nicht, dass es schon fast an Besessenheit grenzte. Das er sich in all den Jahren ein Bild gemalt hatte, das wahrscheinlich so nie existierte. Das er sich ein Idol geschaffen hatte, das ihn erst vor allem Übel innerlich beschützte, ihm Hoffnung gab und nun dieses Innere auffraß. Ihn von innen her verzerrte. Schon bevor sie abgereist waren, hatte Katsumi beschlossen, Erkundigungen über Koji’s wahre Eltern einzuziehen. Er hatte sich mit Bekannten und Verwandten in Verbindung gesetzt, um über Koji’s Herkunft was in Erfahrung zubringen. Hatte verschiedene Detektive beauftragt und sie, falls sie was herausbekommen sollten, an Takasaka verwiesen, da er in jeder größeren Stadt mit ihm Kontakt aufnahm. Als sie sich wieder einmal auf den Weg machten, um in einer Stadt in Südafrika ihren Lebensmittelvorrat aufzufüllen, wunderte sich Koji, warum Katsumi immer solange im Hotel auf eine Verbindung mit Japan wartete. Er hätte viel lieber die Stadt unsicher gemacht. Wäre an den Schaufenstern vorbeigeschlendert und hätte den Mädchen nachgeschaut. Schließlich war er inzwischen 17. Katsumi erzählte ihm von seiner Suche und versuchte ab da, immer wieder in ihren Gesprächen, etwas von seinen kindlichen Erinnerungen hervorzulocken. Doch die Erinnerungen an seine Zeit als Fünfjähriger waren dürftig. Hin und wieder fiel ihm was ein. Aber erinnern konnte er sich eigentlich an nichts genaues. Nichts, was Katsumi wirklich weiter half. Also versuchte er erst einmal, alles über diesen Takuto Izumi - von dem er ihm erzählte - und dessen Familie in Erfahrung zubringen. Fast ein Jahr reisten sie so durch den Kontinent, bevor sie wieder nach Hause flogen. Das erste was Takasaka ihnen dort mitteilen konnte, war: Das man inzwischen was über Koji herausgefunden hatte. Das man durch Takuto Izumi’s Adoptiveltern, die Geschichte des Jungen bestätigt sah. Das man - mit Hilfe eben dieser Leute - sogar die wahre Familie in Erfahrung bringen konnte. Das Koji in Wirklichkeit eigentlich Kojiro hieß. Aber den Namen wollte er nicht. Seit 12 Jahren war er nur mit Koji angeredet worden. 12 lange Jahre und so wollte er dann auch weiter heißen. ‚Koji – denn nur unter diesem Namen kannte ihn Takuto Izumi! Wie sollte er ihn sonst finden, wenn er es je vorhaben sollte?’ Das andere wollte Taka Katsumi nur unter vier Augen mitteilen. Als er den Jungen so in Gedanken sah, versuchte er Katsumi durch einen Blick darauf aufmerksam zu machen, der hätte Wände sprechen lassen. Katsumi verstand Takasaka’s Blick und lud ihn ein, mit ihm einen kleinen Rundgang über das Anwesen zumachen, um – wie er sagte – zusehen, wie es in seiner Abwesenheit verwaltet wurde. Als sie sich unbeobachtet fühlten, teilte Takasaka Katsumi mit, das Koji ein Mitglied der Familie Nanjo sei. Katsumi starrte ihn mit großen Augen an. „Ein Familienmitglied der Nanjo’s? Hab ich richtig verstanden DER NANJO’S!? „Ja, genau DER Familie Nanjo.“ „Das gibt’s doch gar nicht. Wie kann das sein? Taka lass diese Scherze! Mir ist nicht zum Lachen zu muten.“ „Das ist nicht zum Lachen. Es ist die Wahrheit. Ich habe Familienfotos die bei den Izumi’s gemacht worden sind und Zeitungsausschnitte von damals miteinander vergleichen lassen. Es ist der gleiche Junge! ... Katsumi, du erinnerst dich doch vielleicht noch daran, dass vor einigen Jahren das Familienoberhaupt der Nanjo’s seinen jüngsten Sohn überall suchen ließ. In Zeitungen, sogar auf Plakaten und im Fernsehen war sein Gesicht eine Zeit lang zusehen.“ „Aber warum haben die Izumi’s das nicht bemerkt?“ „Keine Ahnung. Takuto erzählte, dass sein Vater Fernsehen nicht mochte. Lieber sind sie in die freie Natur gegangen - fischen, wandern, klettern - Camping halt. Deswegen hat niemand ferngesehen. Er stand zu Hause nur rum, ohne je eingeschaltet worden zu sein. Die Plakate mit Koji’s Abbild waren jeden Morgen in der gesamten Stadt unkenntlich gemacht worden. Die Schmutzfinken wurden nie gefasst. Tja und Zeitungen, keine Ahnung, warum er die Mitteilung darin nicht gesehen hat. Niemand in der Familie schien eine Ahnung zu haben, wer Koji wirklich war. Na ja auf jeden Fall schien ne Menge gekaufter Hände damit beschäftigt zu sein, Koji’s Identität zu verschleiern. Sein Auffinden unmöglich zu machen. Inzwischen ist das Familienoberhaupt verstorben und rate mal, wer der eingesetzte Erbe ist.“ „Koji...?“ „Erfasst! Und du wirst jetzt sicher lachen. Der alte Nanjo hat doch tatsächlich das Testament so abfassen lassen, dass... sollte Koji nicht innerhalb von 10 Jahren nach seinem eigenen Tod gefunden worden oder bereits verstorben sein, erst dann geht das Erbe zu gleichen Teilen an Koji seine beiden Brüder!“ „An - seine - Brüder...“, sagte Katsumi nachdenklich. „Dann ist also einer von Beiden... oder aber sie sind sogar Beide an Koji’s Tragödie nicht so ganz unschuldig.“ „Stimmt. Die Schriftproben, die ich von einem Vertrag der Nanjo’s entnehmen konnte, weisen daraufhin, dass der Vertrag, den du mir damals gegeben hast, von Hirose persönlich abgefasst wurde und auch Akihito’s Namenszug als Unterschrift trägt.“ „Also BEIDE!... Hm,... wenn ich das richtig verstanden hab, heißt das jetzt: Koji ist in Gefahr, sollten sie heraus bekommen, das er hier lebt. Sie werden sicher alles daran setzten um ihn endgültig aus dem Weg zuräumen, um sich das Erbe zu sichern. Hirose wird es sich nicht nehmen lassen, nachdem er damals schon so skrupellos versucht hat, ihn aus dem Weg zu räumen.“ „Ja, deshalb wollte ich nicht, dass Koji es erfährt. Verbotene Früchte schmecken bekanntlich süß und ich glaube er würde was unbedachtes unternehmen. Er ist noch nicht volljährig. Würde so lange unter der Vormundschaft seiner älteren Brüder stehen und dann wäre ein plötzlicher Unfall wahrscheinlich sein Ende. Falls sie nicht schon selbst schlimmeres geplant haben. Wir waren nicht die Einzigen, die sich für Koji interessiert haben. Mir wurde berichtet, dass seit kurzer Zeit - genauer gesagt, seit dem Tod des Familienoberhauptes - wieder jemand nach Koji sucht.“ „Seine Brüder!“ „Wahrscheinlich. Er hat noch eine jüngere Schwester, die erst geboren wurde, als Koji bereits nicht mehr bei den Nanjo’s lebte. Aber ich schließe aus, dass sie ihn sucht. Sie würde nicht so nachdrücklich darauf achten lassen, dass sie keine Spuren hinterlässt. Sie hat ihn nämlich bereits mit ihrem Vater zusammen suchen lassen. Also nicht heimlich.“ „Ja, dann ist es unwahrscheinlich, dass sie ihn sucht. Aber falls doch..., würde mich interessieren, was sie von ihm will. Sie kennt ihn nicht mal. Könntest du sie...“ „Na klar, lass ich machen.“ Taka räusperte sich und als Katsumi ihn entgeisterte ansah, deutete er mit dem Kopf auf Koji, der gerade heran kam. Schnell wechselten sie das Thema und unterhielten sich über den Zustand des Anwesens.
Einige arbeitsreiche Monate waren seit ihrer Ankunft vergangen. Katsumi hatte eine „kleine“ Feier organisiert, um das was er vorhatte zu vertuschen. Es sollte eine Überraschung für Koji werden. Die Besucher - die erwartet wurden - kamen vorgefahren. Die Tür sprang auf und ein kleiner lustiger Junge sprang heraus. Ihm folgte ein Mädchen mit langen dunklen Haaren, von etwa 14 / 15 Jahren und dann stieg ihr älterer Bruder aus. Koji besah ihn sich ein Weilchen. Seinem Aussehen nach konnte er nicht älter als er selbst sein. Zuerst sah Koji nur seinen Rücken, doch wie er sich umdrehte, stockte sein Herz. Er glaubte es würde jeden Moment stehen bleiben oder aber zerspringen vor Freude. Das dann die Eltern der Kinder ausstiegen bemerkte er nicht mehr. Er starrte nur auf den ältesten Sohn. Koji’s Herz fing auf einmal an schneller zu schlagen. Er hörte das unruhige Pulsieren. Sein dunkles Haar schimmerte im Licht der untergehenden roten Sonne und es sah aus als ob tausend Sternlein darauf funkelten. Seine Lippen waren schmal, aber wohlgeformt. Sie wirkten weich und sinnlich zugleich. Am auffallendsten war aber seine Haut. Sie schimmerte wie Bronze. Sein Blick war noch nach unten gerichtet. Seine Brauen waren perfekt geformt und seine Wimpern ... sie waren für die eines Mannes ungewöhnlich lang. Dann sah der andere Junge auf. Einen Moment kreuzten sich ihre Blicke. Jedoch seine Augen... seine Augen waren faszinierend. ‚Diese Augen...! Das konnte doch nicht wahr sein?! Die Besucher waren die Horiuchi’s, aber die Augen gehörten eindeutig zu Takuto Izumi. Wie kam das nur? War das die Familie, die die Kinder damals aufgenommen hatte?’ Er hatte die Eltern nie gesehen. War damals gleich irgendwie getrennt von den Kindern und weggebracht worden. Er hatte sich damals noch nicht einmal von Takuto verabschieden können. Es war alles sehr schnell gegangen. Koji wusste inzwischen was er wollte, als er Takuto nach all den Jahren endlich wiedersah. Ihm war schon vor einiger Zeit bewusst geworden, dass er sich in den Spielkameraden aus seinen früheren Kindertagen verliebt hatte. Nur das konnte der Grund dafür sein, weswegen er dessen Bild, in all den vielen Jahren der Hölle hindurch, ständig vor Augen hatte. Was ihn in all der Zeit am Leben erhielt. Was ihm auf der Reise mit Katsumi des Nachts den Schlaf raubte. Er wollte ihn immer schon wiedersehen, ihn für sich gewinnen. Deswegen hatte er ihn nie vergessen, so wie die Anderen der Familie, obwohl er sich mit allen gut verstanden hatte. Gedankenversunken träumte er vor sich hin und malte sich sein Wiedersehen mit ihm aus. Letztendlich war ihm klar, wie er es anstellen wollte. Koji wusste - durch Katsumi, dass der älteste Sohn der Horiuchi’s, damit müsste er Takuto gemeint haben -, also dass Takuto sich hier in der Nähe öfter mit einem gleichaltrigen Mädchen traf. Es seien nur freundschaftliche Gefühle, was die Beiden verbindet, meinte er weiter, aber die Eltern würden wohl einer Verbindung nicht ganz abgeneigt gegenüber sein. Also überlegte Koji nicht lang, sondern schrieb einen Liebesbrief, unter falschem Namen, genauer gesagt unterschrieb er ihn mit ihrem Namen, und lockte ihn so in der darauffolgenden Nacht hinaus in den kleinen Lustgarten der zum Haus gehörte. Takuto fühlte sich, seit er angekommen war, beobachtet. Irgendwas machte ihn nervös. Ständig hatte er das Gefühl, als ob ihm Augen folgten, bei allem was er tat, wo er auch hinging. Aber nirgends war jemand zu sehen. Einige Zeit verging... und Koji musste noch länger warten. Der Zeitpunkt war schon verstrichen..., als er ihn auf einmal den Weg durch den Park zu seinem kleinen Versteck im Pavillon kommen sah. „Ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr kommen.“ Takuto sah sich um. ‚Wen meinte er? Und vor allem, wer ist das? Ich denke ich bin hier alleine? Wo ist Minako?’ Star vor Entsetzen wurde Takuto plötzlich in eine leidenschaftliche Umarmung gerissen. Feste Lippen verschlossen seinen Mund mit einem fordernden Kuss. Erst nach einer Ewigkeit, wie ihm schien, hob der Fremde den Kopf. Doch als er empört protestieren wollte, presste dieser erneut seine Lippen auf Takuto’s Mund. Diesmal war der Kuss zärtlicher, lockender. Aber als Takuto merkte, dass der Andere seine Zunge drängend zwischen seine Zähne schob, erwachte er aus seiner Benommenheit und wehrte sich heftig. Sein Protest war allerdings nur von kurzer Dauer. Eine unerklärliche süße Wärme durchströmte seinen ganzen Körper und er fühlte, wie seine Knie weich wurden. Takuto schwankte. Er vermochte kaum zu atmen. Statt weiter dagegen anzukämpfen, klammerte er sich haltsuchend an den breiten Schultern fest. Flüchtig wurde er sich bewusst, dass der Andere ebenfalls ein Mann war. Zumindest gehörte diese sinnlich klingende Stimme, die zwischendurch immer wieder Koseworte hauchte keiner Frau und er wurde auch nicht an die erregenden weiblichen Formen eines Wesens des schönen Geschlechtes gedrückt. Gleich darauf verflogen aber diese Gedanken, denn Takuto’s Körper schien seinen eigenen Gesetzen zu folgen. Es war schön dieses Gefühl, einfach wunderbar, unbeschreiblich. Wohlige Schauer durchrieselten ihn, während Koji seinen Mund erforschte und seine erfahrenen Hände aufreizend langsam über Takuto’s Körper glitten. Ohne die Lippen von Takuto zu lösen, hob er ihn auf die Arme und trug ihn hinüber in die eine Ecke des Pavillons, wo er auf dem Boden eine Matte ausgebreitet hatte und an den geschlossenen Wänden ein paar Kerzen standen. Er schlief dort selbst manchmal, wenn ihn die Luft in seinem Zimmer zu erdrücken schien und ihn die Alpträume der Vergangenheit einholten. Dort bettete er ihn also behutsam in die Kissen, welche er vorsorglich darauf ausgebreitet hatte. Plötzlich stemmte Takuto die Hände gegen Koji’s breite Brust und stieß ihn von sich. Schwer atmend sprudelte plötzlich aus ihm heraus, was sein Verstand ihm selbst - schon die ganze Zeit über - versuchte klar zu machen. „Was soll das?... Warum machst du das mit mir?... Das darf nicht sein,... wir sind schließlich beides Männer.“ Koji ließ Izumi sofort los und dieser wich ein Stückchen von Koji zurück, bis sein Kopf gegen die Wand stieß und ihn am Entkommen hinderte. Aber was er dann in Koji’s Augen sah, erstaunte ihn doch. Er hatte ihn heute Nachmittag zum ersten mal gesehen, als er der Familie als Koji vorgestellt wurde, ohne Familiennamen, was alle verwunderte. Er selbst dachte, es sei ein Künstlername. Und so hatte er das Ganze längst schon wieder vergessen, da dieser Koji für seinen Aufenthalt hier nicht weiter von Bedeutung war. Er war dem Wunsch seiner Eltern, sie zu begleiten, nur nachgekommen, als sie ihm sagten, dass er Minako hier ebenfalls treffen würde. Ansonsten wäre er lieber zu Hause geblieben, hätte er lieber weiter trainiert. Dieser Koji hatte noch vor einer Stunde in der Halle bei Klavierbegleitung zur Unterhaltung der Gäste, ein paar sehr schöne Lieder, vorgetragen. Sein Stimme war sanft und einschmeichelnd, aber sein Blick hingegen eiskalt. So als ob er schon eine Menge durchgemacht hatte und er niemand Fremden an sich heranlassen wollte. Total auf Abwehr jedem Fremden gegenüber. Statt dieser Kälte, die er bei seinem musikalischem Vortrag aufsetzte hatte, sah Takuto nun einen warmen Glanz darin erstrahlen. Er besah ihn sich genauer. Koji war groß, mit breiten Schultern und schmaler Hüfte. Wie es aussah, war er größer als Takuto. Seine Haare hatte er sich lang wachsen lassen. Sie hüllten sein Gesicht ein, ließen es noch geheimnisvoller in der Dunkelheit erscheinen. Takuto wusste immer noch nicht, mit wem er es genau zu tun hatte. Deswegen versuchte er im dämmrigen Kerzenlicht, die Züge des Fremden zu entschlüsseln. Total in den Anblick seines Gesichtes versunken, tief in seiner Gedankenwelt, beachtete er nicht das, was um ihn herum geschah. Er war wie in einer Art Trancezustand, weil er nicht verstand was hier eigentlich passierte. Koji sprach bereits die ganze Zeit beruhigend auf ihn ein und hatte ihm, geschickt wie ein Dieb und unbemerkt von Takuto, die Oberbekleidung geöffnet. Und während Koji weiter sprach, drückte er ihn sanft in die Kissen zurück und legte sich zu ihm. Als er sich jedoch halb über ihn schob, hob Takuto wieder abwehrend die Hand, um ihn erneut fortzustoßen. Erschrocken schnappte er nach Luft, als er Koji’s bloße Haut unter seinen Fingern spürte, er hatte nicht darauf geachtet, das der Andere die Zwischenzeit ebenfalls genutzt hatte, um seinen Oberkörper zu entkleiden, da er sich nur auf dessen Gesicht konzentriert hatte. Als er die Hand hob, um den Anderen zu schlagen, ergriff Koji ihn kurzerhand am Handgelenk und presste ihn gegen seinen Körper. Ohne weitere Vorwarnung beugte er den Kopf und küsste Takuto – mit aller Brutalität, die der unbändigen Wut entsprach, die inzwischen von ihm Besitz ergriffen hatte – auf die Lippen. Doch plötzlich spürte Takuto wie Koji’s Kuss sich wieder veränderte. Dessen Wut wandelte sich wieder in Verlangen. Er umfasste ihn und streichelte mit dem Daumen spielerisch die rosige Brustwarze. Es war als ob Takuto ein Blitzstrahl durchfuhr. Eine Woge sinnlicher Empfindungen durchströmte ihn und ließ ihn aufstöhnen. Koji kostete derweil zärtlich seine Lippen, immer und immer wieder. Dann wanderten Koji’s Lippen, später dann seine Zunge, über seine Kehle hinab zu Takuto’s Brustwarzen. Viel später bedeckte er auch Takuto seine Augenlider, seine Schläfen und wiederum seinen Mund mit zärtlichen Küssen. Sein Kuss wurde immer inniger, so dass Takuto sich mit Leib und Seele nach ihm sehnte. Takuto war so entsetzt über seine Reaktionen auf ihn, dass er ihn nur mit weit aufgerissenen Augen stumm anstarrte. Plötzlich ließ Koji ihn los und setzte sich bequem hin. Seufzend streckte Takuto sich aus. Er fühlte sich plötzlich so kraftlos und fragte sich verwirrt, weshalb der Fremde ihn nicht länger berührte. „Brav! Dein Körper hat also doch schon gelernt nachzugeben. Komm, setz dich auf meinen Schoss.“, forderte er Takuto auf. Da dieser aber nicht auf seine Aufforderung hin folgte, streckte er den Arm aus und zog ihn mit einem festen Griff zu sich hinüber und auf seinen Schoss hinauf. Sein heißer Atem strich Takuto über den Rücken. Dabei war er sich mit jeder Faser seines Körpers Koji’s Nähe bewusst. – Seines Armes, der besitzergreifend um seine Taille lag und ihn daran hinderte aufzuspringen, seiner muskulösen Oberschenkel unter ihm, seiner Brust, als Koji sich zu ihm vorbeugte und mit den Fingern unbeholfen an den übrigen Kleidungsstücken fummelte. „Lass dass! Ich will das nicht! Wer bist du überhaupt? Und was fällt dir ein, mit zu küssen und zu streicheln.“ „Ich bin der, der dir den Brief geschickt hat.“, raunte er ihm zu. „Nein. Der kam von meiner Freundin.“ „Irrtum, der kam von mir, Takuto Izumi.“ Das amüsierte Lächeln war aus Koji’s Gesicht verschwunden. „Wieso hast du den Brief geschrieben?“ „Weil ich dich unbedingt wiedersehen wollte. Es mag egoistisch klingen, aber ich wollte dich haben. ... Erkennst Du mich nicht?“ „NEIIIIINN! Ich erkenn dich nicht und ich will das auch nicht. Lass mich gehen.“ „Bist du dir da ganz sicher?“ Sanft strich er Takuto dabei mit dem Finger über eine seiner Brustwarzen. Takuto entwich ein leises lustvolles Stöhnen. „Siehst du, es gefällt dir. Sieh mich mal genauer an. Wir kennen uns Beide von früher. Aus einer anderen Zeit. Aus einem anderen Leben. Einem Leben vor diesem und doch ist es erst ein paar Jahre her.“ Takuto sah ihn ungläubig an. ‚Was faselte er da? Der spinnt ja. >Aus einem anderen Leben... erst ein paar Jahre her <. Blödsinn.’ „NEIN. Ich kenn dich nicht!“ Koji beugte sich zu ihm hinunter. „Dann sollte ich dich vielleicht erst überzeugen mein zu werden, bevor ich dir sage, wer ich bin.“ Und wieder fuhr er mit seiner Zunge über Takuto’s Lippen, der sie wiederwillig zusammenkniff. „Magst du es nicht? Ist es nicht ein schönes Gefühl?“ „Wir sollten d...“ Sogleich fand Koji’s Mund wieder den von Takuto. „Hmm. Du meinst, wir sollten das nicht tun? Warum nicht?“, unterbrach Koji ihn. Takuto drehte sich alles. ‚Wie kann er nur. Wieso ignoriert er, dass ich ein Mann bin? Wieso?’ Als ob Koji seine Gedanken erriet, während seine Finger weiter versonnen mit Takuto’s Lippen spielten, sagte er: „Es ist mir egal ob du ein Mann oder eine Frau bist, ich liebe dich Izumi. Ich liebe dich schon sehr lange, habe dich in all den Jahren nicht vergessen können. Nur der Wunsch dich wiederzusehen hat mich am Leben erhalten, mich alles ertragen lassen.“ „Am Leben erhalten... alles ertragen lassen...? Wovon redest du da? Was soll das? Ich sagte, ich erkenne dich nicht. Also sprich nicht in Rätseln. Sag mir endlich, wer du bist.“ In dem Moment passte Koji nicht auf und Takuto konnte ihm entwischen. Aber an Stelle wegzulaufen, zog er sich nur an die andere Wand zurück. Um rauszukommen, hätte er an Koji vorbei gemusst, in die andere Richtung. „Das weißt du! Ich bin Koji!“ Koji streckte die Hand aus und wollte wieder näher zu ihm heran rücken. Takuto sah das. Sein Blick gefror fast. Seine Hände gingen abwehrend auf Position. „Komm nicht näher! Bleib wo du bist... und antworte... Koji – wer?“ Koji zog sich für den Augenblick wieder zurück auf den Platz, wo er bis eben saß, nein fast. Ein paar Zentimeter war er dichter. Nur ein paar Zentimeter! „Einfach nur Koji. Wie viele kennst du, die so hießen?“ „Weiß nicht!“ „Denk mal drüber nach. Du kannst doch nicht alles vergessen haben.“ „Hmm...“ Wieder versank er in Koji’s Gesichtszüge. „Und du willst mir wirklich keinen Tip geben?“ Koji sah in seine fragenden Augen. Dieser Blick. Dieser intensive und doch zu gleich ängstlich beobachtende Blick faszinierte ihn noch mehr. Ließ die Hitze in ihm wieder aufsteigen und er befürchtete, dass er noch bevor Takuto herausbekam, wer er wirklich war; er erneut über ihn herfallen und dann nicht mehr aufzuhalten war. Er krallte seine Nägel in die Matte, dass ihm die Finger schmerzten. Er musste Takuto Zeit geben oder es könnte sein, dass er ihn verliert. „Nein, noch nicht!“ Unsicher klang es, als er es als Antwort auf Takuto’s Frage sagte, unsicher weil es eigentlich seinen Unausgesprochenen Gedanken galt. Mehr für sich selbst bestimmt, als für ihn. „Hmm, ich weiß nicht... ich kannte... hmm...“ „JAA?? Weiter...“ Koji’s Augen funkelten vor Freude. Er schien sich zu erinnern. Hatte ihn also doch nicht ganz vergessen. ‚Aber warum zögerte er?’ „Nein... das ist unmöglich!“ „Was ist unmöglich?“ Der Glanz der eben noch seine Augen erstahlen ließ, verschwand und statt dessen sah Takuto wieder Traurigkeit. ‚Verzweiflung? Nein, dass kann nicht sein.’ „Na ja, einen Augenblick dachte ich an den Koji, mit dem ich ein paar Jahre - als ob wir Brüder wären - aufgewachsen war... hmm...“ „Und... warum nur einen Augenblick?“ „Er... er ... lebt nicht mehr... ist... tot.“ „WAAAAAAAAAS? Wieso tot?“ „Am Tag als meine Eltern starben, war es das letzte Mal, dass ich ihn sah.“ „Das letzte Mal...“ Koji senkte den Kopf. Die Erinnerung an diesen Tag tauchte wieder auf. Er war dabei gewesen, hatte alles mit angesehen. Den Anschlag mit erlebt und wie ein Wunder unbeschadet überlebt. Aber durch die Zeit danach hatte er die Bilder verdrängt, sie vergessen. Deshalb sah er wohl nur noch Takuto in seinen Träumen. Er wollte sich an die Eltern nicht erinnern wie sie starben, sondern wollte sie ursprünglich so in Erinnerung behalten, wie er sie vor diesem Tag kennen gelernt hatte. Er hatte alles vergessen... alles, was an diesen folgenschweren Tag erinnerte... alles, was ihn von dort wegbrachte... alles - außer Takuto! „NEEIIN!!!!!!!! Ich bin nicht tot. Ich lebe! Ich lebe! Hörst du – ich lebe! Lebe nur deinetwegen noch... nur deinetwegen noch...“ Seine Stimme wurde immer leiser, verzweifelter. Die letzten Worten klangen, wie ein Bestätigung für sich selbst... ein Flüstern... von Tränen erstickt. „WAAAAAS?? DU BIST....“ Takuto schluckte. „A- Aber sie sagten doch... Sie haben versucht... Sie konnten Dich nicht finden. Nein, dass ist nicht wahr, du bist nicht Koji. Sie haben uns allen gesagt, du seiest tot! Wir haben daraufhin nicht weiter gesucht... Das ist nicht wahr... Du benutzt nur seinen Namen... Du kannst es nicht sein... Nein niemals... dann wäre alles nur...“ „Doch... ich bin der Koji, den du kennst... Der eines Tages bei euch abgegeben wurde, ängstlich, weil der fremde Mann mir gedroht hatte, wenn ich nur ein Wort sage, dass er nicht mein Vater sei, prügelt er mich grün und blau. Der mit dir und deiner Familie jahrelang glücklich zusammengelebt hat. Ich fühlte mich bei euch wohler, als bei meinem leiblichen Vater. Ich fühlte zum ersten Mal, dass ich nicht allein war. Hatte Kinder um mich herum, nicht nur Erwachsenen und Kampfwütige. Wurde nicht zum Klavierspielen gezwungen, sondern konnte spielen, wenn es mir Freude machte. Kein Zwang. Kein Müssen. Ich wollte nie wieder von euch weg... doch an... er fand mich an dem schlimmsten Tag meines Lebens. An dem Tag den ich immer verflucht hab... Er holte mich aus eurem Haus... und nahm mich mit... mit in ein Leben... Ein Leben? Nein, DAS war KEIN Leben! Nur ein einziger Überlebenskampf. Nur der Gedanke an deine Familie ... an ein Leben, was ich bei euch kennen lernen durfte... nur das hielt mich am Leben... du hieltst mich am Leben... du... nur du...“ Wieder ein Schluchzen... wieder neue Tränen... sie wollten nicht abbrechen. Was Katsumi in all den Monaten nicht aus ihm herausbringen konnte, löste sich jetzt. Die Erinnerungen überfielen ihn, als ob sie nur auf diesen Moment gewartet hatten. Bahnten sich einen Weg an die Oberfläche, sprengten das kleine Loch, dass sich auf tat, als er die Izumi’s wiedersah. Das er für immer verschließen wollte. Quollen daraus hervor, als ob sie es darin nicht länger aushalten könnten. Er brach zusammen. Saß da wie ein zitterndes Bündel Elend, hatte all seine Selbstbeherrschung verloren. Es war egal, wenn Izumi ihn so sah, weiter war niemand hier, vor dem man sich verstecken musste. Er legte seine Arme fest um seinen Körper, um sich vor der Kälte, die in ihm aufstieg zu schützen und doch wurde ihm nicht wärmer. Nein, die Kälte fraß ihn auf. Wie gerne hätte er jetzt Takuto so engumschlungen in seinen Armen gehalten. Aber... Takuto glaube ihm nicht, wer er war. Oder wollte nicht glauben, wer er war? Aber wenn er nicht Koji war, wer war er dann? Wieso hatte er diese gemeinsamen Erinnerungen mit ihm? Er musste Koji sein... oder doch nicht? Mussten sich jetzt auch noch zu allem diese Zweifel in ihm breit machen? Waren die Erinnerungen nicht schon stark genug. Fraßen sie ihn nicht schon auf? Takuto sah und hörte was Koji sagte und danach tat. Sah die Veränderungen die in ihm aufstiegen. Konnte die Angst und Verzweiflung in seinem Gesicht erkennen. Hätte ihn am liebsten in den Arm genommen und ihn getröstet. ‚Aber war das nur Show oder war es echt? Was, wenn es nur Show war, um an ihn heran zu kommen? Würde er dann erneut über ihn erfallen, ihn küssen, bis er die Kontrolle über seinen Körper verlor und es dann vielleicht schamlos ausnutzen, dass er nicht in der Lage war sich zu wehren. Oder war es echt. Echte Angst. Echte Verzweiflung. Dann allerdings brauchte er Hilfe. Und weit und breit war niemand zu sehen. Sie schliefen sicher schon alle. Nur er könnte ihn dann noch beruhigen, bevor er vielleicht in dem Zustand auf dumme Gedanken kam und ins Wasser ging oder so.’ Vorsichtig stand er auf, um sich ihm zu nähern. Doch Koji verstand es falsch. Er dachte er wolle gehen, sich aus dem Staub machen, ihn in seinem Kummer verlassen. Ihn allein lassen. Allein wie er all die Jahre war. Nein, er wollte nie wieder allein sein. Etwas bäumte sich in ihm auf, er riss sich zusammen. Angst und Verzweiflung ließen erneut seine Kräfte erwachen, stärkere Kräfte... Er hielt ihn fest und klammerte sich völlig verzweifelt an ihn, nicht bemerkend, das er Takuto damit sehr weh tat. Das er ihm seine Fingernägel in den Rücken bohrten, aus Angst verlassen zu werden. Er zitterte stärker als vorher und Takuto bemerkte es. Beruhigend sprach Takuto eine ganze Weile auf ihn ein, während er die Schmerzen stillschweigend ertrug. Versicherte ihm, dass er nicht weg gehen würde und bat Koji, ihn nicht so fest zu umklammern. Koji sah ihn mit tränenverhangenden großen Augen an, lockerte etwas den Griff. Takuto konnte seine Arme befreien und legte sie um Koji. Dieser kuschelte sich augenblicklich an ihn, schutzsuchend wie ein kleines Kind. Erst saßen sie so eine ganze Weile. Takuto wiegte Koji in seinen Armen. Dieser schluchzte immer wieder, während die Tränen seine Wangen hinunterliefen. Dann fing er an zu erzählen, was so in den Jahren passiert war, die sie von einander getrennt waren. Wie sehr er sich nach ihrem gemeinsamen Zuhause zurückgesehnt hatte. Drei geschlagene Stunden erzählte Koji. Er redete sich alles mögliche von der Seele, in der Hoffnung Takuto könnte ihn dadurch besser verstehen. Anschließend löschten sie gemeinsam die Kerzen und gingen zurück ins Haus. Vor Koji’s Zimmer trennten sie sich. Wünschten sich gegenseitig eine GUTE NACHT und während Koji mit einem sehnsüchtigen Blick auf Takuto in seinem Zimmer verschwand, suchte Takuto sein Gästezimmer auf. *** Es war eigentlich schon tiefe Nacht. Doch Takuto konnte nicht schlafen. Viele Fragen geistern ihm durch den Kopf und so beschloss er wieder hinaus zu gehen, um frische Luft zu schnappen. Dabei musste er jedoch erneut an Koji’s Tür vorbei; blieb einen Moment stehen und sah in Gedanken noch mal, was im Pavillon passierte. Seine Hand ergriffen automatisch die Klinke. Am liebsten würde er ihm jetzt gleich all die Fragen stellen, die ihm durch den Kopf schossen. Aber am meisten interessierte ihn die Frage nach dem: warum er? Viel hatte Koji ihm erzählt. Sehr viel. Mehr als er je an einem Tag früher von ihm gehört hatte. Auch über die schlimmste Zeit seines Lebens, welche ihm das grausame Schicksal beschert hatte. Wie Katsumi ihn dann befreit hatte und sich seitdem Tag um ihn gekümmert hat. Aber nicht, warum er sich so ihm, Takuto gegenüber, verhalten hatte. Doch dann besann er sich, dass es schon spät war, dass Koji nach seinem nervlichen Zusammenbruch sicher etwas Ruhe nötig hatte. Er ließ die Klinke los und ging hinunter in den überdachten Wintergarten. Koji indes, hatte genau bemerkt, dass jemand draußen stand. Er lag schon die ganze Zeit wach und grübelte darüber nach, ob er Takuto nun für immer verloren hatte. Inzwischen hatte er sich wieder beruhigt. Die Tränen waren versiegt. Er hätte mit ihm zuerst sprechen sollen, statt ihn gleich zu bedrängen. Die Einsicht kam spät, aber sie kam. Er hatte Angst einzuschlafen, nachdem all die Erinnerungen heute Abend wieder aufgetaucht waren, fürchtete er sich vor seinen Träumen. Wenn Takuto doch reingekommen wäre... Wenn er doch heute Nacht bei ihm geblieben wäre... Wenn er doch mit ihm das Bett geteilt hätte und seine Nähe hätte spüren können... dann hätte er vielleicht auch einschlafen können. Aber so... Er lag wach im Bett. Hände unter dem Kopf verschränkt. Er hört das Zögern vor seiner Tür ... wusste instinktiv wer da war, war aber wie gelähmt. Sogar sein Atem hatte für einen Moment ausgesetzt. Er konnte sich nicht rühren, ihn nicht rufen. Dann... war es zu spät. Die Schritte entfernten sich.
Ganz früh am nächsten Morgen nahm Takuto seine Badesachen und ging zum Privatstrand hinunter. Auch jetzt fühlte er sich irgendwie beobachtet. Immer wieder sah er zu dem dichten Gestrüpp, konnte aber nichts entdecken. „Angsthase, wer sollte dich hier schon beobachten und dann noch um die Zeit. Die schlafen sicher alle noch.“, murmelte er vor sich hin. ‚Na ja, vielleicht auch nicht alle.’, schaltete sich eine Stimme in seinem Hinterkopf ein. ‚Schließlich will meine Familie ja nachher einen Ausflug in die Umgebung machen. Aber von denen rennt jetzt bestimmt noch keiner hier rum.’ Um seine Unruhe abzureagieren, schwamm er diesmal weit hinaus. Weiter als sonst, wenn er hier war. Soweit, dass er vom Wasser aus die stufenartige Anlage mit dem Haus und auch den Park mit dem Pavillon erblicken konnte. Kurz darauf tauchte jemand neben seinen Sachen auf. Er konnte in der blendenden, aufgehenden Sonne nur eine Silhouette erkennen und diese winkte ihm zu. Doch er ignorierte es und schwamm noch weiter hinaus, weil er über den Vorfall vom gestrigen Abend nachdenken wollte. Vor allem über die Frage, wie es nun weitergehen sollte. Wie er selbst zu Koji stand und wie er sich ihm gegenüber verhalten sollte, wenn sie alleine waren. Wie konnte er Koji das ausreden? Sollte er alles vergessen was war? Konnte er das überhaupt? Und vor allem was würde seine Familie dazu sagen, wenn heraus käme, was im Pavillon passiert ist. Noch immer hatte er keine Antworten auf seine Fragen. Er fühlte sich müde und erschlagen, nachdem er die restlichen Stunden der Nacht auf einer Bank schlafend, im Wintergarten verbracht hatte und erhoffte sich, dass es ihm durchs Schwimmen wieder besser geht. Irgendwann drehte er erneut den Kopf und sah zurück. Die Gestalt hatte sich neben seine Sachen gesetzt und es sah nicht so aus, als ob sie wieder gehen wollte, bevor er nicht aus dem Wasser heraus war. Er wusste, dass er bald zurück musste, da er nicht länger gegen die Strömung anschwimmen konnte. Seine Kräfte ließen nach. ‚Was wäre, wenn ich ihm...’ Plötzlich schluckte er Wasser. Er hatte die Welle nicht kommen sehen, die das Motorboot verursachte, dass unweit an ihm vorbeirauschte. Hilflos ruderte er mit den Armen um sich und schnappte nach Luft. Panik überfiel ihn, als er feststellte, dass er erschöpfter war, als er selbst gedacht hatte. Das Ufer war so weit weg, das Boot hatte ihn nicht einmal bemerkt... Er versuchte sich treiben zu lassen, aber die Strömung war zu stark und würde ihn in die falsche Richtung abtreiben, ein Stück weiter abwärts, kam ein kleiner Wasserfall. Das wusste er noch, da Katsumi ihm den vor drei Jahren gezeigt hatte, als er das erstemal mit Minako zusammen hier war. Koji der neben Takuto’s Sachen am Ufer saß, sah das scheinbar etwas mit ihm nicht stimmte. Er lief zum Bootssteg, sprang in das Motorboot, warf den Motor an und fuhr zu Takuto. Da Katsumi gerade erst vor einer halben Stunde zurückgekommen war, hatte er den Schlüssel noch stecken lassen, während er beim Ausladen war. Bei Takuto angekommen, stoppte er, hechtete ins Wasser um Takuto, der gerade unterging aus dem Wasser zu fischen und ins Boot zu schieben. Dann sank er erschöpft neben ihn im Boot nieder. Nur Sekunden später hatte er wieder genug Luft um nach Takuto zu sehen. Der versuchte gerade krampfhaft das Wasser, dass er in die Lunge bekommen hatte, heraus zu husten. „Was machst Du nur? Ich hatte wirklich Angst um dich. Versprich mir, dass Du nie wieder so weit rausschwimmst.“, sagte er und umarmte ihn dabei. „Ich sah.. das.. Boot nicht...“, kam nur eine kläglich klingende Antwort, während Takuto weiter nach Luft rang. Wieder am Ufer angekommen, ließ er es sich nicht nehmen. Takuto hochzuheben und ins Haus zu bringen, obwohl dieser lautstark ablehnte und sagte, dass er selber laufen kann. Er zappelte unruhig hin und her, bis Koji sagte „Du solltest dich erst einmal ausruhen und nicht überanstrengen. Und jetzt bleib ruhig, sonst lass ich dich gleich fallen.“ Ohne ein weiteres Wort ging er direkt auf das Haus zu, durch die Eingangstür die weit offen stand und die breite Treppe hinauf. Als er ihn auch noch die letzte Treppe hinauf bringen wollte, wurde ihm langsam die Luft knapp. „Lass mich endlich runter oder willst du, dass wir beide stürzen.“ „Nein, natürlich nicht.“ Er setzte ihn ab und sie standen noch eine Weile nebeneinander und blickten sich stumm an. „Danke, dass du mich rausgeholt hast.“ Ihm wurden schon wieder die Knie weich, aber er riss sich zusammen. Er wollte Koji nicht zeigen, wie erschöpft er wirklich war. „Hmm.. war doch selbstverständlich.“ Er beugte sich ihm entgegen und flüsterte ihm ins Ohr. „Ich brauche dich. Ich liebe dich, da werde ich doch nicht zusehen, wie du vor meinen Augen absäufst.“ Dann zog er sich von seinem Ohr zurück und schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln, als er bemerkte das sich Takuto’s Gesichtsfarbe in ein helles Rot verwandelt hatte. Takuto senkte verschämt den Blick. Da seine Familie bis zum Nachmittag einen Ausflug unternommen hatte, waren sie beide allein im Haus. (Katsumi lief irgendwo draußen umher.) Takuto hatte gestern abgelehnt mit ihnen zu fahren, da er eigentlich gehofft hatte, mit Minako was unternehmen zu können. Doch der gestrige Abend war anders gelaufen als geplant. Er hätte sich seiner Familie ja heute früh noch anschließen können, tat er aber auch nicht, sondern beschloss stattdessen darüber nachzudenken , was passiert war. Seine Gedanken ordnen und wieder Ruhe in sein aufgewühltes Gemüt bringen, dass hatte er eigentlich vor gehabt. Nun aber stand er unschlüssig mit Koji hier auf der Treppe. Das war eigentlich nicht seine Absicht, denn Antworten hatten er auch jetzt nicht auf die Frage was weiter passieren soll. „Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen... Letzte Nacht... Wenn du das nächste Mal nachts in mein Zimmer willst, brauchst du nicht davor zu stehen und dann wieder zu gehen... Komm einfach rein, egal wie spät es ist, ja?“ „ICH?“ „Ja, für dich ist meine Tür immer offen. Tag und Nacht.“ „Koji...“ „Komm geb’ dir schon ’nen Ruck.“, grinste er ihn an. „Was wolltest du?“ „Koji... ich... ich suchte nur Antworten.“ „Antworten? Worauf?“ „Warum? Warum wolltest du...? Warum hast du im Pavillon...“ „Ich liebe dich. Ist das nicht Antwort genug.“ „...“ Plötzlich wurde er aufgeschreckt. Katsumi rief Koji, den er überall schon verzweifelt gesucht hat. Koji sah Takuto bedauernd an. „Kommst du klar?“ „Ja“ , war die knappe Antwort. Koji drehte sich um und lief die Treppen hinab. Dann... war er weg. Takuto atmete erleichtert auf. ‚Was nun?’ Nachdem er sich in seinem Zimmer ein Weilchen erholt hatte, schlenderte er alleine durch den Park. Katsumi hatte währenddessen Koji mit Aufgaben, für das Fest das am Nachmittag und am Abend stattfinden sollte, betraut. Er würde kaum Zeit haben, um ihm wieder aufzulauern. Takuto sog den frischen Duft der Bäume ein. Immer tiefer ging er in den Park hinein, weg vom Haus, weg vom Pavillon, in entgegengesetzter Richtung. In den Bäumen hingen für den Abend bereits die Lichterketten, überall standen Baldachine, lange festlich gedeckte Tische, geschnitzte Holzstühle, bequeme Sitzgruppen und auch Hollywoodschaukeln darunter. Aber Takuto schritt ziellos weiter, um in einen ruhigeren Teil des Parks zu kommen und sich dort unter einem großen alten Baum auf einer Bank niederzulassen. Die Ruhe tat gut. Er entspannte sich. Nach einer Weile schlief er durch das sanfte Rauschen des Windes, in den Ästen des Baumes über ihm, ein. *** Das Fest das Katsumi gab, hatte begonnen. Die Halle und auch die Räume waren mit Blumen geschmückt, durch die geöffneten Fenster drang der Duft unzähliger Rosen hinein. Viele Leute hatten sich in festlichem Gewand bereits in den Garten begeben oder hielten sich in der großen Halle auf, in der ebenfalls zum Tanz aufgespielt wurde und wiegten sich bereits nach der Musik. Plötzlich ging die Tür auf. Und ein junges Mädchen mit einem Lächeln, dass allen den Atem nahm, betrat die Halle. Sofort herrschte absolutes Schweigen. Sogar die Musiker hatten für ein paar Sekunden aufgehört, um die Hereinkommende anzustarren. Sie trug ein mitternachtsblaues Kleid, welches sich betont an ihren Körper anschmiegte. Mit einem Lächeln entschuldigte sie sich für ihr spätes Erscheinen. Doch Koji, dessen Tischdame sie sein sollte, hatte nur noch Augen für sie. Takuto sah es und seine Augen wurden traurig. Er musste während des Essens fortwährend Koji’s Anblick ertragen, da er seiner Tischnachbarin genau gegenüber saß. ‚Erst verführst du mich, bringst meinen Verstand und meine Gefühle durcheinander, und nun bin ich schon uninteressant für dich. Was bist du nur für ein Mensch, Koji - oberflächlich, lasterhaft, selbstsüchtig. Es war bestimmt nur eine Gefühlsaufwallung von ihm. Er hat es nicht ernst gemeint mit mir, gestern Abend – heute früh. Nichts weiter als eine romantische Stimmung oder ein Anflug von Leidenschaft der durch die Wiedersehensfreude oder Ähnlichem, dass nichts mit Liebe zu tun hatte, ausgelöst wurde. Worte sind schnell ausgesprochen, aber ernst gemeint, kann er sie nicht haben. Wenn er schon im nächsten Augenblick, einem Rock hinterher rennt.’ Er drehte sich um, nickte seiner Schwester - die neben ihm saß - kurz zu, stand auf und verließ den Saal. Hinter sich das Raunen der Leute hörend, die dieses Verhalten nicht verstehen konnten. Koji’s Augen in seinem Nacken. Er wollte endlich Ruhe in seine Gefühle einkehren lassen. Seine Gedanken sammeln, nachdem er am Vormittag auf der Bank eingeschlafen war. Auch sollte niemand bemerken wie sein Gesicht vor Zorn immer mehr Farbe annahm. Kurz nachdem Takuto aufgestanden war, hob Katsumi die Tafel auf. Auch er hatte das seltsame Verhalten seines jungen Gastes bemerkt. Takuto zog sich sogleich vom Fest zurück, auf sein Zimmer. Er konnte den Anblick von Koji einfach nicht mehr ertragen. Wäre er im Saal geblieben, hätte Koji ihn sicher in wenigen Minuten wieder belagert. Immer wieder sah er die Szene im Pavillon vor sich. Immer wieder hörte er seine Stimme, wie sie ihm zärtliche Worte ins Ohr flüsterte. Wieder war ihm so, als ob er Koji’s Finger, seine Lippen und seine Zunge auf seinem Körper spürte. Er legte seine Arme fest um sich, lehnte sich von innen gegen seine Tür und schloss die Augen. ‚Und doch war alles nur Lüge’, sagte er sich. ‚Es kann nicht anders sein, schließlich bin ich ein Mann und er natürlich auch. Das kann nicht gut gehen,’ dachte er weiter. ‚Es ist völlig normal, dass er sich zu dieser jungen Frau hingezogen fühlt und ihr seine ganze Aufmerksamkeit schenkt.’ Plötzlich klopfte es. Takuto erschrak. Er drehte sich um und öffnete die Tür. Da stand Serika. „Takuto, Mutter schickt mich. Was ist los? Du kannst nicht so einfach aufstehen und gehen. So was macht man nicht.“ „Ich weiß.“ „Kommst du wieder mit runter?“ „Gleich. Noch einen Moment... Ist Minako inzwischen da?“ „Nein, sie kommt heute auch nicht mehr. Sie musste kurzzeitig mit ihren Eltern verreisen. Aber du kannst doch mit mir tanzen. Tust Du das?“, bat sie ihn. Er nickte ihr zu. Gemeinsam gingen sie hinunter und durchschritten die Tür zur Tanzfläche auf der Terrasse. Während sie tanzten, konnte er Koji für ein paar Minuten vergessen. Bis... Ja, bis er selbst auch auf der Tanzfläche erschien. Immer noch klammerte dieses Mädchen an Koji, von der Takuto gar nicht wissen wollte, wer sie war. Eins war sicher, sie war jünger als er und hatte langes schwarzes offenes Haar, länger als Koji seins. Das dunkle Kleid ließ sie auf den ersten Moment älter erscheinen, als sie wirklich war. ‚Nein ich will nicht mehr daran denken. Alles war nur Lüge.’ Er wollte ihn nicht länger sehen, der Anblick war ihm unerträglich. „Serika, lass uns für einen Moment aufhören. Kommst du mit in den Park? Ich brauche ein bisschen Luft.“ „Aber Takuto wir sind doch schon draußen...“ Dann lief sie ihrem Bruder nach, der sie einfach stehen gelassen hatte und ging. „Okay Takuto, ich komme mit.“ Er bot ihr seinen Arm. Sie hackte sich bei ihm – ganz Dame – ein und lehnte sich an ihn. Vorbei ging es an den anderen Gästen. ‚Kann es sein, dass ich für ihn was empfinde? Quatsch, ich war nur zu überrascht von seinen Verführungskünsten. Er hat mich einfach übertölpelt. Mich überrollt wie eine Lawine. Bin ich vielleicht eifersüchtig? NEIN! WAS DENK ICH DENN DA. Das kann nicht sein. Was hat er nur mit mir angestellt? Aber auch so was mit mir zu machen.’ Takuto versteifte sich. Serika blickte verwundert auf. „Hast du was?“ Koji der nach langem Suchen Takuto mit Serika auf der Tanzfläche erspäht hatte, führte seine Tischdame eigentlich nur dahin, um Takuto nah zu sein, ihm im Auge zu haben. Als dieser jedoch scheinbar wieder einmal fluchtartig Reißaus nahm, folgten seine Augen ihm aufmerksam, bis er aus seinem Sichtfeld verschwand. ‚Warum geht er, wo ich ihn endlich gefunden habe? Flieht er vor mir?’ „Nein es ist alles in Ordnung, Schwesterchen.“ „Takuto? Das glaube ich dir nicht. Dazu müsstest du etwas mehr versuchen, nicht so bedrückt auszusehen. Was ist los mit dir? Alles feiert, ist fröhlich und du ziehst schon den ganzen Tag ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.“ „Hmmm.....“ Serika sah mit großen Kulleraugen auf ihren Bruder. Da er aber keine Anstalten machte sich weiter mit ihr zu unterhalten, ließ sie ihn stehen und eilte zu den Tanzenden zurück. Takuto hingegen setzte sich etwas abseits vom Trubel auf eine etwas versteckt liegende Bank, die sich zum Eingang eines angelegten Labyrinthes aus lauter meterhohen Hecken befand, welches er am Vormittag entdeckt hatte und starrte hinauf auf die schmale Mondsichel, die langsam durch Wolken verdeckt wurde. Als sie verschwand, schloss er seine Augen. Aber er sollte nicht lange alleine bleiben. Koji’s Tischnachbarin, war längst wieder gegangen, damit ihre eigene Familie sie nicht vermisste. Langsam näherte Koji sich von hinten der Bank, um ihn nicht zu verschrecken. Erstaunt riss er die Augen auf. Tränen stiegen Takuto in die Augen und obwohl er sie geschlossen hielt, stahlen sie sich unter den Lidern hindurch und bahnten sich ihren Weg ins Freie. Takuto schluckte und doch versuchte er zu lächeln, als er Koji plötzlich ansah. Er hatte seine Gegenwart gespürt und sah es als sinnlos, schon wieder vor ihm fliehen zu wollen. Koji schloss ihn tröstend in die Arme. Takuto schluckte erneut, gewann aber schließlich seine Selbstbeherrschung zurück und machte sich von Koji frei. Er drehte sich auf der Bank so, dass er ihm in die Augen sehen konnte. „Warum bist du hier? Warum nicht bei dem Mädchen?“ „Welches Mädchen?“ „Tu doch nicht so! Du weißt ganz genau von wem ich rede. Von deiner Tischnachbarin.“ „Auch so. Die ist schon nach Hause.“ „Ach, und da hast du dich an mich erinnert, dass ich auch noch da bin. Ja?“ „Izumi...“ Koji riss ihn wieder in seine Arme und drückte ihn enger - als beim erst mal - an sich. „Das war meine Schwester.“ „Deine WAS?“ Takuto löste sich von ihm und Koji gab ihn frei. Takuto sprang auf und stand Koji direkt gegenüber. Die Bank nun zwischen ihnen. „Meine jüngere Schwester Nadeshiko.“ „Du hast eine Schwester?“ „Ja, Katsumi hatte Erkundigungen eingezogen, über mich und meine Familie, als er mich herbrachte. Er erzählte mir auch, dass ich noch eine jüngere Schwester habe, und hat ihr von mir erzählt. Dann hat er sie hierher eingeladen und uns so das Treffen ermöglicht, ohne dass meine ehemalige Familie was davon mitbekommt. Es sagte nur, dass es besser so sei. Nicht aber warum. Und ich solle sie nicht über die Familie ausfragen. Deshalb eigentlich das Fest.“ „....“ Takuto starrte ins Leere. „Izumi, an was denkst du?“ „An dich.“, erwiderte Takuto, ohne seinen Blick von der Ferne zu lösen. „Du denkst an mich.“, wiederholte er, zog ihn an sich und küsste ihn auf die Wange. „Mein Ein und Alles... wie schön, dass ich dich wieder gefunden hab.“ „Koji, ich muss in zwei Tagen zurück.“ Er sah sehr bedrückt aus. „Das kannst du mir nicht antun – Izumi – mein Liebling!“ Koji riss ihn fest in seine Arme. „Bleib hier. Verlängere Deinen Aufenthalt.“ „Auch der geht wieder zu Ende.“ „Daran will ich nicht denken. Bis dahin wissen wir, wie es weiter geht.“ „Nein, ich fahre. Ich hab es meinen Eltern schon gesagt.“ Damit befreite er sich erneut aus seinen Armen und ging. Koji stand wie vom Blitz getroffen, nur seine Augen folgten Izumi, der sich immer weiter entfernte, bis er im Haus verschwand. Die Tür schloss sich hinter ihm und bei Koji löste dies eine Angst aus. Eine unbeschreiblich große Angst. Was er gerade gefunden hatte, drohte er schon wieder zu verlieren. ‚Warum? Warum nur? Deine Familie bleibt doch auch noch? Warum willst du gehen?’ Takuto legte sich so wie er war auf sein Bett, legte seinen rechten Arm über die geschlossenen Augen, wobei er seinen Kopf auf seiner linken Hand ruhen hatte und wollte an nichts mehr denken. Er zwang sich förmlich andere Gedanken auf, aber sie taten ihm nicht den Gefallen. Immer wieder schweifte sein Geist ab und er sah Koji’s Gesicht, dessen Lippen tonlos Koseworte hauchten oder hörte seine Worte wie aus einer anderen Dimension kommend. Wenig später folgte Koji ihm langsam. Der Schritt schleppend. Im Saal konnte er ihn nirgends entdecken. Da traf er auf Katsumi. „Was ist los, Koji?“ „Hast Du Izumi gesehen?“ „Welchen meinst du?“ „Takuto“ „Dacht’ ich’s mir doch. Der ist vorhin die Treppe hoch. Ich denke er ist vielleicht auf seinem Zimmer.“ „Danke Katsumi. Ich leg mich dann hin. Gute Nacht.“ Damit drehte er sich um und lief beschwingt die Treppe hinauf. Katsumi sah ihm erstaunt nach. „Was? Du legst dich hin? Ich glaub mein Schwein pfeift. Das sieht aber nicht nach Müdigkeit aus.“ Plötzlich klopfte es an der Tür von Takuto’s Zimmer. „Wer ist denn da?“, rief er ohne die Augen zu öffnen. Keine verständliche Antwort, nur ein Gemurmel war zu hören. „Kommen Sie herein! Es ist offen.“ Koji trat ein und schloss die Tür hinter sich. Da lag sein Izumi voll bekleidet auf dem himmelblauen Bett, wie in Wolken gepackt. Als Takuto noch immer nicht hörte, was der Besucher wollte, öffnete er die Augen und fuhr erschrocken hoch. Vor seinem Bett, genau zu seinen Füßen stand Koji und hielt eine Flasche und 2 Gläser in der Hand. „Wie wäre es mit einem Glas Champagner, vor dem Schlafen gehen?“ fragte er mit einem unschuldigen Blick und einem Augenaufschlag, der Takuto’s Herz bis zum Hals schlagen ließ. „Aber nur wenig für mich.“ Koji’s Herz hüpfte Saltos. Er hatte schon befürchtet rausgeschmissen zu werden. Doch das, klang wie die Erlaubnis zum Bleiben. Eifrig ging er zum Tisch um die Flasche zu öffnen und die Gläser zu füllen. Dann nahm er sie und brachte sie zum Bett. Takuto hatte sich inzwischen aufgesetzt und an die Rückwand gelehnt. Als Koji ihm sein Glas hinhielt, nahm Takuto es ihm ab. „Du bist doch nicht nur wegen dem Champagner hier, oder?“ „Nein.“ „Also warum dann?“ „Ich wollte mit dir reden. Dich überreden, dass du noch bleibst, Izumi.“ „Hmm. Ich bleib dabei, ich fahre in zwei Tagen. Da gibt es nichts zu bereden.“ „Aber ich liebe dich...“ „Du hast mir immer noch nicht meine Fragen beantwortet. Wieso ich? Warum? „Ich... Du warst mein bester und einziger Freund, der einzige Mensch den ich nie vergessen konnte. Ich habe lange versucht dagegen anzukämpfen, konnte mir selbst nicht erklären, wieso ich immer wieder nur dein Bild vor den Augen hatte. Und doch war es so. Und es ist auch jetzt noch so. Ich liebe dich und ich will nur dich. Nur dich, Izumi!“ Er nahm ihn in die Arme und Takuto spürte wie heiß seine Haut war und er sah einen fiebrigen Glanz in Koji’s Augen. Seine Augen füllten sich mit Tränen. „Nein Koji, nein es darf nicht sein. Hörst du. Ich weiß nicht einmal, ob ich dir glauben soll. Übrigens... ich werde Minako heiraten.“ „WAS? NEIN, das darfst du nicht. Du gehörst mir. Hörst du? Nur mir! Mir ganz allein. Ich will dich nicht hergeben. Nie wieder.“ „Lass mich los, Koji. Es ist so am Besten. Glaube mir. Es ist vorbei. Vergiss mich oder behalte mich als Freund in guter Erinnerung, als Bruder.“ „Als Bruder? Du bist aber viel mehr für mich! Ich sagte dir doch Takuto: ICH LIEBE DICH!“ Takuto zuckte nur mit den Schultern, stand auf und ging ans Fenster, stellte auf dem Weg dahin sein Glas zurück auf den Tisch. Dort blieb er stehen bis Koji mit hängenden Schultern und zutiefst betrübt das Zimmer verließ. Der Champagner und die beiden Gläser blieben auf dem Tisch zurück. Obwohl er eigentlich noch zwei Tage bleiben wollte, reiste Takuto schon am nächsten Tag alleine ab. Seine Familie war sehr erstaunt darüber, blieb aber doch noch die kommende Woche.
Koji fühlte sich müde, matt und zerschlagen, wie schon lange nicht mehr. Katsumi glaubte schon seine Erinnerung hätte ihn wieder eingeholt, begriff dann aber, das es was anderes sein musste, da Koji selbst in den ersten Tagen, hier bei ihm, nie so schlimm ausgesehen hatte. Er machte sich ernsthaft Sorgen um ihn und wusste doch nicht, was mit ihm los war. Er bemerkte nur, dass er seit dem Fest nicht mehr vernünftig gegessen hatte und den Augenrändern nach zu urteilen, auch kaum mehr schlief. Dazu kam seine ziemlich blasse Hautfarbe. Ihm war abwechselnd entsetzlich heiß, dann fror er vor Kälte. Am darauffolgenden Tag war das Fieber so hoch, dass er in die Klinik musste. Die Horiuchi’s beschlossen daraufhin ihren Besuch abzubrechen und nach Hause zurück zukehren, damit Katsumi sich nicht noch um seine Gäste kümmern musste. Kaum waren sie zu Hause angekommen, erklärten sie den erstaunten Takuto, ihre frühe Abreise. Als Takuto hörte, dass Koji erkrankt sei und sich im Krankenhaus befindet, war er im ersten Moment sehr erstaunt. Er konnte sich das nicht vorstellen. In der darauffolgenden Nacht schlief er schlecht. Immer wieder musste er an Koji denken und schreckte schweißgebadet aus seinen Träumen hoch. Am nächsten Morgen war er entschlossen in die Klinik zu fahren. Der Weg kam ihm unendlich lang vor. Die Minuten erschienen ihm wie Tage. Endlich war er im Krankenhaus, von dem seine Eltern gesprochen hatten, angekommen. TROPENMEDIZIN stand draußen dran. ‚Er wird sich doch nicht auf der Reise, die er mit Katsumi gemacht hatte, was eingefangen haben? Die Reise war doch schon so lange her? Waren sie nicht schon seit einigen Wochen zurück?’ An der Klinik-Info hatten sie ihm die Zimmernummergesagt. Koji lag im 5. Stock. Ein Fahrstuhl war aber gerade nicht da und da sie sich beide gerade ganz oben befanden und er nicht solange warten wollte, nahm er die Treppe – immer zwei Stufen auf einmal. Als er oben ankam, brauchte er einen Moment Luft. Dabei sah er sich nach Koji’s Zimmernummer um. 588 – da war sie. Seine Füße waren plötzlich wie Blei. Schleppend langsam steuerte er auf das Zimmer zu, wartete einen Moment. Sah nach rechts und links, ob weitere Leute auf dem Flur waren. Nein. Er war allein. Er atmete tief ein und klopfte. Von drinnen, hörte er: „Herein!“ ‚Katsumi!! Das war seine Stimme.’ Takuto drückte die Klinke herunter und öffnete die Tür. „Hallo Takuto! Du hier?“ „Hallo Katsumi. Meine Familie sagte mir, dass Koji im Krankenhaus ist, und so wollte ich selbst nach ihm sehen. Wie geht es ihm?“ Dabei warf er einen Blick auf Koji. Er war von allen möglichen Geräten und Infusionsständern umgeben. Koji hatte die Augen geöffnet und starrte an die Decke. Sein Blick war leer, als ob er sich weit weg befand. Das Fieber war immer noch sehr hoch. ‚Er muss gesund werden. Er darf nicht sterben.’, hämmerte es in seinem Herzen. Jedes Wort war wie ein Herzschlag. „Weißt Du Takuto, er ist zwar bei Bewusstsein, scheint aber niemanden zu erkennen. Seine Temperatur will einfach nicht sinken.“ Takuto legte seine kühle Hand auf Koji’s Stirn und dieser zuckte zusammen, als ob er Takuto’s Gegenwart gespürt hatte. Sein Blick blieb zwar leer, aber eine einzelne Träne lief ihm über die Wange. „Er scheint dich zu bemerken?! Das wundert mich. Es ist seine erste Reaktion seit er eingeliefert wurde.“ „Was hat er?“ „Die Ärzte rätseln noch, aber sie denken, er hat sich was eingefangen, als wie letzten Monat Freunde aus Afrika zu Besuch hatten, vielleicht hatte er sich aber auch schon was in Afrika geholt, als wir gemeinsam da waren und das ist erst jetzt zum Vorschein gekommen. Keiner kann sagen, woher das Fieber kommt. Alle Tests waren bis jetzt negativ. Ich hoffe nur, dass das Fieber bald sinkt. Aber wie es aussieht, kann das noch ziemlich lange dauern.“ „...“ „Sein Körper war sehr geschwächt, als wir nach damals nach Afrika aufbrachen. Ich hielt es für eine gute Idee, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Ich wollte, dass er die schlimme Zeit, die hinter ihm lag, vergisst. Und da die Reise sowieso schon geplant war und Taka abgesagt hatte, nahm ich ihn mit.“ „Schlimme Zeit? Was meinst du Katsumi?“ „Du weißt doch, was passierte, als deine Eltern starben?“ „Du weißt davon?“ „Ja. Was dachtest du denn? Ich ziehe doch Erkundigungen über die Leute ein, die unter meinem Dach leben.“ „Hm... und?“ „Also er geriet damals an einen Kinderhändler. Du weißt schon, solche die Kinder für ...“ „Du brauchst nicht weiter zu erklären, ich weiß was du meinst. Was war dann mit Koji?“ „Na ja. Er geriet immer wieder an schlechte Leute. Zum Schluss war er in einer Spielhölle mit Bordell.“ „Bordell? Du machst Witze?“ „Nein. Leider nicht! Taka und ich holten ihn daraus. Seitdem lebt er hier und ich habe dafür gesorgt, dass er wieder normal leben kann. Das er alles vergessen kann. Er hat wieder angefangen mit Klavierspielen, was er mal als Kind gelernt hat. Er war für mich wie eine Herausforderung. Ich wollte aus ihm wieder einen fröhlichen Menschen machen. Erst dachte ich, ich hätte es geschafft. Aber irgendwie hat das wohl doch nicht so ganz geklappt. Er war in den letzten Tagen so niedergeschlagen und ich weiß nicht, ob es damit zusammen hängt, dass die Erinnerungen zurückkommen oder es vielleicht schon an der Krankheit lag. Er wollte mir nichts sagen.“ ‚Dann stimmt also doch alles, was er mir erzählt hat.’ „Du machst dir ernsthaft Sorgen um ihn. Stimmt’s?“ „Du etwa nicht, Takuto? Oder warum bist du hier?“ „Ich... wollte...“ „Sag lieber nichts. Ist gut. Ich freue mich, dass du hergekommen bist. Aber das war deine Sache. Setz dich endlich. Oder musst du gleich wieder weg?“ „Nein, ich möchte bleiben, bis er wieder gesund ist.“ „Okay. Das wird ihm sicher helfen. Er ist hin und wieder in einer Art Fieberwahn, stammelt wirres Zeug. Ach übrigens, er sagt auch immer wieder: Izumi. Weißt du, wenn von euch dreien er meint. Serika?“ „... – Nein... mich.“ „Dacht’ ich es mir doch. Deswegen seine Reaktion vorhin. Hm. Willst du bei mir die Zeit wohnen oder ins Hotel?“ „Weißt du, am liebsten würde ich hier...“ „Hier in Koji’s Zimmer?“ „Hmmm.“ Takuto’s Gesichtsfarbe nahm einen leichten rosa Hauch an. „Wenn er dann was braucht oder wieder zu sich kommt, wäre ich gleich da.“, sprudelte es aus ihm heraus. „O man. Mal sehen, was sich machen lässt. Werde mal mit dem Arzt sprechen. Ich komme gleich wieder!“ „Ach Katsumi.“ „Ja, ist noch was?“ „Wieso ist er eigentlich in diesen Ring geraten?“ „Tja, er gibt halt immer noch einige Organisationen die mit Kindern handeln und wer einmal in diesen Kreislauf rein kommt...“ „Weißt du denn, wie es dazu kam.“ „Ja. Ich habe viel nachgeforscht. So wie es aussieht, haben seine eigenen Brüder ihn damals als „Spieleinsatz“ weggegeben. Damals kam er dann zu euch. Hat dein Vater dir das nie erzählt?“ „Nein. Ein entfernter Verwandter brachte ihn eines Tages und wir wuchsen wie Brüder auf. Da fällt mir ein, ich hab ihn eigentlich nie gefragt, wo er her kam.“ „Dein Vater war ein guter Mensch. Ich glaube nicht, dass er die ganze Wahrheit wusste. Er hätte das Koji jedenfalls nicht angetan. Aber als deine Eltern starben, tauchte der Kerl wieder auf, der Koji „gewonnen“ hatte. Vier Jahre war er im Gefängnis wegen diverser kleinerer Vergehen. Kinderhandel konnte man ihm damals nicht nachweisen, da das Kind spurlos verschwunden war.“ „Wieso haben die ihm Koji so ohne weiteres eigentlich überlassen. Kannst du mir das sagen?“ „Tja, also wie ich erfahren habe, wusste die Horiuchi’s nicht von einem vierten Kind, das bei den Izumi’s leben sollte, bis du selbst nach Koji gefragt hast.“ „Sie waren sehr erstaunt damals, das stimmt.“ „Ja und sie hatten auch schon Nachforschungen nach Koji angestellt, aber die verliefen im Sand.“ „Sag mal, Katsumi. Woher weißt du das eigentlich alles?“ „Zum einen, weil ich bei meinen Nachforschungen auch auf ihren Namen gestoßen war. Zum anderen weil ich, als du bereits abgereist warst, deine Eltern daraufangesprochen habe. In dem Jahr wo wir in Afrika waren, waren in der Zwischenzeit mehrere Detektive und andere Leute damit beschäftigt, Nachforschungen über Koji’s früheres leben anzustellen. - So, jetzt suche ich aber den Arzt. Bleibst du hier oder willst du mit?“ „Ich... bleib...“, sagte er nachdenklich. „Hm, bis gleich.“ Katsumi stand auf, warf einen Blick auf Koji und ging hinaus. Takuto rutschte auf den anderen Stuhl rüber; auf den Stuhl, auf dem vorher Katsumi gesessen hatte. Lange starrte er in Koji’s Gesicht. „Was musst du nicht alles durchgemacht haben. Und jetzt das noch. Langsam ist es genug, was das Schicksal für dich bereit hielt. ... Zum Glück bist du auf Katsumi gestoßen. Was wäre wenn nicht? ... Ich mag gar nicht darüber nachdenken.“ Eigentlich wollte er das nur denken, aber er sagte es laut vor sich hin. Sprach seine Gedanken aus, welche durch den Raum hallten. Wieder zuckte Koji’s Hand. Takuto’s Augen weiteten sich. Mit großen Augen starrte er auf sie, dann griff er danach und drückte sie. „Koji, hörst du mich? Ich bin hier – Takuto. Koji, bitte, du darfst nicht sterben. Hörst du? Kämpfe, kämpfe gegen das Fieber... und um dein Leben. Komm zurück.“ Täuschte er sich oder erschien auf Koji’s Gesicht der Anflug eines Lächelns. Bewegte er seine Lippen? Takuto beugte sich über ihn und hörte, was Koji murmelte. „I-zu-mi... mein... I-zu-mi.“ Ganz leise kam es, war kaum zu verstehen. Aber Takuto’s Herz schlug schneller. Wie er sich wieder zurücklehnte, sah er das Koji die Augen geschlossen hatte. Er schien eingeschlafen zu sein. ‚Sicher ist das das Beste für ihn. Schlaf tief und fest. Schlaf dich gesund.’ Takuto beugte sich zu ihm herunter und gab dem Schlafenden einen Kuss auf die Wange. Dabei bemerkte er, dass Koji scheinbar gar nicht mehr so heiß was. Das erste Fieber war gefallen und überstanden. Hoffen wir das es kein zweites gibt. *** Es wurde Weihnachen bis Koji wieder so gesund war, dass er das Krankenhaus verlassen konnte.
Inzwischen war es Frühling geworden. Takuto hatte Urlaub bekommen und war zu Katsumi und Koji gefahren. Er saß mit angezogenen Beinen in einem übergroßen bequemen Sessel und sah Fußball. Gerade war Halbzeit und so hatte er genügend Zeit einen Blick auf Koji zu werden, welcher schräg vor ihm auf der Couch lag und ein wenig ruhte. ‚Er hatte sich in den letzten Wochen gut erholt.’, hing er seinen Gedanken nach. Verträumt sah er sich fest und ließ die letzte gemeinsame Zeit noch mal vor seinem inneren Auge Revue passieren. Leider durfte er ja laut dem Oberarzt damals nicht im Krankenhaus, und schon gar nicht in Koji’s Zimmer übernachten, weil so was in dem Haus nicht üblich war. Also übernachtete er in der Zeit bei Katsumi. Richtete sich bei ihm häuslich ein, war aber nur wirklich zum Schafen dort, da er jede Minute der Besuchszeit an Koji’s Krankenlager oder aber draußen verbrachte. ... Heiligabend hatten sie dann zu Dritt gefeiert. Am 1. Weihnachtstag war Katsumi bei seiner Familie, Koji und Izumi allein zu Hause und am 2. Weihnachtstag war Takuto’s Familie überraschender Weise bei Katsumi aufgetaucht.... Koji war schon eine ganze Weile wach, hielt aber seine Augen noch geschlossen. Er bemerkte genau Izumi’s Augen in seinem Nacken. Plötzlich stand er auf und fasste Takuto sanft an der Hand und hob ihn aus dem Sessel hoch. „Was ist?“ „Komm doch einfach mit, ich will Dir was zeigen.“ „Aber die 2. Halbzei...“ „Die kannst du heute Abend sehen, dass Video läuft nicht weg. Und... Das Ergebnis kennst du doch. Du weißt, dass kein Tor weiter fällt.“ Er zog ihn mit sich in den großen Park. Dieser war rund herum von efeuüberwucherten Mauern umgeben, bis zu denen Takuto noch niemals zu Fuß gelangt war. Vorbei ging es am Pavillon und von dort hinunter ans Wasser. Dort säumten alte steinerne Figuren, die Takuto bei der ersten Begegnung mit Koji gar nicht beachtet hatte, ihren Weg. Wie oft war er in der letzten Zeit vormittags hier gewesen und hatte sich alles genau angesehen, wenn erst am Nachmittag wieder Besuchszeit war. Eine ganze Weile waren sie zu Fuß unterwegs. Der Park war sehr gepflegt und ordentlich angelegt, aber dorthin, wohin Koji ihn jetzt führte dort war er noch nie gewesen. Plötzlich änderte sich nämlich die Landschaft. Die Pflanzen wuchsen wild, der Rasen war nicht mehr gemäht worden und man konnte verschiedene blühende, aber eben wilde Blumen und Pflanzen sehen, die es in einem gepflegten Garten natürlich niemals geben würde. Hier war das Anwesen zu Ende. Die Mauer war zu sehen und ein paar Meter von ihr entfernt, lag ein kleiner versteckter Quellsee. Hier war die Natur absichtlich noch so, wie sie eigentlich sein sollte, wie sie sich selbst erschaffen hatte. Keine Menschenhand kümmerte sich am dieses Fleckchen Erde. Auf dem glitzernden Wasser des Sees, zu dem Koji Izumi führte, konnte man allerlei Vögel und unter anderem sogar ein stolzes junges Schwanenpärchen sehen, welches hier gerade einen Zwischenstopp eingelegt hatte. Koji beobachtete Takuto lächelnd, wie er die Landschaft förmlich in sich aufsog. Es war hier so viel anders als in der Stadt. Die Luft roch viel frischer. Man fühlte sich dem Himmel ein ganzes Stück näher. Der Wind spielte fröhlich mit ihren Haaren. Und die Ruhe wurde nur vom lustigen und aufgeregten Gezwitscher der Vögel unterbrochen. Kein Autolärm war weit und breit zu hören. Keine Abgase schwebten in der Luft. Koji setzte sich neben dem See ins hohe Gras das von dichtem Moosgeflecht durchwachsen war, ließ aber Takuto dabei nicht aus seinen Augen. Der Boden auf dem er saß, war so weich, dass kein Kissen hätte bequemer sein können. Das Sonnenlicht schimmerte durch das Grün der vereinzelnd stehenden großen und teilweise uralten Bäume, die das Ufer säumten, und den Vögeln und Besuchern Schatten spendeten. ‚Was tue ich da? Warum kann er mich so verzaubern?’ Takuto setzte sich zu ihm und Beide sahen ein Weilchen aufs Wasser hinaus. Sahen zu, wie der Wind über das Wasser glitt und die Vögel die kleinen Wellen brachen, bis Takuto plötzlich der idyllischen Stille ein Ende setzte. „Es gefällt mir hier. Bist du oft hier, Koji?“ „Hmm. Manchmal, wenn mir die Decke auf den Kopf fällt und ich es drinnen nicht mehr aushalte.“ Während er sprach, drehte er sein Gesicht wieder Takuto zu. „Das Gelände ist groß, weißt Du, überall kann man schöne neue Sachen entdecken, fehlt eigentlich... nur noch ein hoher Berg zum klettern. Aber dafür ist das Anwesen wohl doch zu klein.“ Koji lächelte bei dem Gedanken. Plötzlich zog er Takuto in seine Arme. Es überwältigte ihn und er musste Izumi einfach küssen. Koji küsste ihn wieder und wieder. Er streichelte ihn voller Zärtlichkeit, sanft und behutsam über sein Haar und anschließend wieder Küsse voller Leidenschaft, auf Izumi’s bebende Haut. Takuto’s Lippen brannten und sie brachten all seine Gefühle durcheinander. Er konnte nicht mehr denken, nicht sprechen, kaum atmen. Die Hände auf Koji’s Brust gepresst, um ihn abermals von sich fort zustoßen, erlahmten und fielen kraftlos hinunter. Aber das alles erschien ihm unwichtig. In seinem Kopf und in seinem Herzen brauste nur eine wunderbare Melodie, ein Lied des Glücks. Er schmiegte sich dichter an Koji und wagte nicht, den Zauber durch das kleinste Wort zu zerstören. ‚Er gehört von jetzt ab mir – mir ganz allein. Am liebsten wünschte ich, dass alle so glücklich sind, wie ich es im Moment bin.’ „KOOO-JI ...“ „Schei... Katsumi, was suchst du hier.“ „Na, wen meinst du wohl. Wo finde ich dich, wenn nicht am Fluss oder beim Pavillon? „Mist... musst du gerade jetzt auftauchen.“ „Jup. Und ich glaube gerade noch rechtzeitig. Ich muss mit dir reden. - Erst mal besser... ALLEIN!“ „Ich geh dann mal langsam zurück.“ Takuto erhob sich mit leicht gerötetem Gesicht. Ihm war die ganze Situation sichtlich peinlich. „Izumi!“ „Lass ihn...“, fauchte Katsumi Koji böse an. „Sag schon, was du willst Katsumi.“ „Was ich dir sagen will? Das ist nun erst einmal unwichtig geworden. Das hier ... das ist im Moment wichtiger. Du bist beinahe perfekt – dein Aussehen, deine Art und Weise mit Menschen umzugehen, wenn du was von ihnen willst. Aber in Punkto Liebe hast du anscheinend noch nicht den richtigen Überblick. Da verlierst du den Boden unter den Füßen und hast keinen Bezug mehr zur Realität. Deine Eifersucht, wie du ständig um Takuto herum scharwenzelst und nun das hier... Es ist fast nicht mehr zu ertragen. Hast du vergessen, dass Takuto Izumi ein Mann ist, Koji?“ „Mann oder Frau? Ist das nicht egal, wenn man liebt?“ „Du liebst aber nicht, du bist besessen. Das muss dir mal einer sagen.“ „Hast du ja nun. Und? Was erwartest du von mir, Katsumi? Du weißt doch genau wie mein Leben vorher aussah. Hast es sogar gesehen. Wärst du nicht gewesen, ich weiß nicht, was dann wäre...“ „Ich weiß Koji, aber ist das ein Grund um das Takuto anzutun? Wie soll ich seinen Eltern gegenübertreten, wenn sie herausfinden, dass du ihren Ältesten verführt hast? Denkst du immer nur an dich? Zählen andere nicht mehr? Sollte ich dich so falsch eingeschätzt haben? Sag mir, was soll ich sei...“ „Hör auf Katsumi. Ich habe die letzten Jahre genug gegen das Gefühl angekämpft. Aber es wurde immer stärker, Tag für Tag schlimmer. Ich liebe ihn nun mal. Na und? Was ist dabei. Willst du es mir verbieten? Das kannst du nicht.“ „Nein, da hast du recht. Das kann ich nicht. Aber du leidest still vor dich hin und das ist entsetzlich. Er wird dich niemals so lieben, wie du. Das weißt du auch. Er ist mit Minako verlobt. Du bist nur ein guter Freund. Ein Freund aus Kindertagen, den er sehr lange nicht mehr gesehen hat. Er mag dich mal sehr geschätzt haben und in dir eben immer noch den Jungen von damals sehen. Aber mehr ist da nicht.“ „Verlobungen kann man lösen...“ „Wenn du meinst..., nur mir welcher Begründung sollte er das tun? Lass ihm Zeit, sich seiner Gefühle klar zu werden. Überfall ihn nicht, hörst du? ... Aber lassen wir das jetzt. Ich denke, du hast es verstanden. Ach ja Koji, bevor ich es wieder vergesse... du musst gut auf dich aufpassen....“ „Aufpassen – immer nur aufpassen! Worauf denn noch?“ „Hirose, einer deiner Brüder...“ „Hirose? Was hat mein Bruder nun schon wieder angestellt?“ „Darf ich vielleicht mal aussprechen? Dann erfährst du es. Also, Hirose hat jemanden auf dich angesetzt, der dich suchen und töten soll.“ Koji riss die Augen auf und starrte Katsumi ungläubig an. „O nein! Ist der denn nie zufrieden. Erst nimmt er mir meine Kindheit und nun... nun will er auch noch mein Leben?“
Als Koji und Katsumi später nach Hause kamen, ging Koji sofort zu Izumi’s Zimmer. Als auf sein Klopfen niemand antwortete, öffnete er die Tür und trat ein. Das Zimmer war leer. Er wollte sich gerade umdrehen, als sein Blick zum Bett fiel. Er sah einen Abdruck darauf und... Er ging näher heran. In der Kuhle auf der Bettdecke lag ein Zettel.
Hallo Koji,
„KA - TSU - MIIII !!!!!!!!!!“, hallte es durch das ganze Haus.
*** Takuto wusste hierauf keine Antwort, nur Ausreden... ging es ihm durch den Kopf.. ‚Ja, warum bin ich eigentlich nicht... Was kann Katsumi schon dagegen haben, wenn ich Koji besuche? Wir sind zusammen einige Jahre aufgewachsen und er weiß, dass ich Koji ... freundschaftliche Gefühle entgegen bringe. Wie ich meine Eltern aushorchte, ob Katsumi nach mir gefragt hatte, waren sie sehr erstaunt. ‚Ja, natürlich. Er hatte sogar dein Zimmer herrichten lassen und war ganz perplex, dass du nicht mit kamst.’ Ich werde hinfahren, so bald als möglich. Ich werde die Sache klären.’
***
Eines Tages... Früh am Morgen stürzte Koji in Takuto’s Zimmer. Takuto war durch die Geräusche nicht erwacht. Er lag immer noch friedlich schlummernd, mit leicht angewinkelten Beinen auf seiner rechten Seite, die Decke leicht verrutscht, - Blick in Richtung Tür, sollte er erwachen. Also setzte sich Koji auf sein Bett und strich ihm zärtlich die Haare zurück, welche über seinen Augen lagen. Er konnte einfach nicht widerstehen und strich sanft mit der Hand weiter über Izumi’s Wange. „Hng“, hörte er leise und Takuto bewegte sich leicht, drehte sich aber nicht weg. Seine Lippen waren leicht offen und ‚er sieht so schön aus, wie er so da liegt’ - dachte sich Koji. ‚Wie ein schlafender Engel.’ Langsam - um ihn nicht schon vorher zu wecken - beugte sich Koji zu ihm hinunter, nahm Izumi’s Gesicht vorsichtig in beide Hände. Sein eigenes Gesicht näherte sich ihm immer weiter und dann... strich Koji’s Zunge sanft über Takuto’s Lippen, um sie kurz darauf mit seinen Eigenen zu berührten. Er weckte ihn mit einem langen und zärtlichen Kuss. Takuto öffnete langsam die Augen. „Guten Morgen, kleiner „Langschläfer“, aufstehen. Draußen ist herrliches Wetter. Komm, wir Beide machen einen kleinen Ausflug.“ „Guten Morgen Koji. Was... Du bist schon wach? Das ist doch noch so früh.“, sagte er nach einem Blick auf die Uhr. „Ist doch gar nicht deine Zeit.“ „Ich hab mir extra einen Wecker gestellt, damit ich nicht verschlaf. Komm... raus aus den Federn mit dir.“
*** Als sie anhielten, öffnete Koji die Beifahrertür und half Takuto beim Aussteigen. Als dieser gleich darauf die Augenbinde abnehmen wollte, hörte er nur: „Noch nicht Izumi, noch ein paar Meter. Ich führe dich.“ Takuto fühlte die warme Sonne auf seiner Haut, die leichte Brise die ihm um die Nase wehte und die Luft roch leicht nach Tang - Seetang - stellte er fest. Dann nahm er auch das Rauschen des Meeres wahr und den Seesand unter seinen Schuhen, der bei jedem Schritt leicht nachgab. ‚Sie waren also am Meer. Eigentlich in Japan nix besonderes’, dachte Takuto, ,da es ja rundherum vom Meer umgeben war. Aber wieso dann die Augenbinde?’ Noch ein paar Meter, dann drehte Koji ihn leicht nach rechts und nahm ihm endlich das Tuch ab. Takuto riss erstaunt die Augen auf. Tatsächlich sie befanden sich am Meer. Die Sonne strahlte inzwischen heiß auf sie herab, als ob sie wusste, dass hier heute was besonderes stattfinden sollte. Es war eigentlich so gar viel zu heiß für die Tageszeit, selbst für diese Jahreszeit. Die milde Brise die der Wind aufkommen ließ, verschaffte eine angenehme Kühlung. Weit und breit war keine Menschenseele, bemerkte Takuto, als er den einsamen Strand auf und ab sah. Nur sie Beide, der Wind, die Sonne und das große weite blaue Meer, an dessen Horizont er ein paar große Schiffe erkennen konnte, welche dort wohl auf Reede lagen, da sie sich auch nach längerem Hinsehen nicht bewegt hatten. Koji war inzwischen weiter gegangen und Takuto’s Blick folgte ihm in die Richtung. Doch da... was sah er da auf einmal? Da war etwas aufgebaut, auf 4 jungen Baumstämmen, die mitten in den Strand eingebuddelt und welche durch waagerechte Stämme welche oben dran befestigte waren zusammengehalten wurden, spannte sich ein großes weißes Tuch - welches sind durch den Wind leicht bewegte - um dem, was sich darunter befand, Schatten zu spenden. Denn mitten darunter - inmitten des Seesandes - stand ein Tisch, ebenfalls aus Baumstämmen zusammengezimmert, wie man trotz des längeren blütenweißen Tischtuchs darauf, noch unschwer erkennen konnte. Rechts und links standen 2 große Lehnstühle, ebenfalls aus Holz mit dicken Polsterkissen darauf, für den Rücken und die Sitzfläche. Der Tisch war für zwei Personen gedeckt und mit Donnerkeilen, echten kleinen Seesternen und anderem Meeresgetier aus kristallähnlichem Material dekoriert, dazwischen kleine längliche Spuren von Seesand, welche der Wind inzwischen rauf geweht hatte. In einer großen Obstschale, welche in der Mitte des Tisches stand und um die, die anderen Speisen - welche sich unter großen Glocken befanden und so geschützt auf die Ankunft der hungrigen Gäste warteten - herum aufgebaut waren, ragten Blumen heraus. Blumen in dunkelrot und weiß. Takuto blieb der Mund offen stehen. Die Augen wurden immer größer, als er nicht weit von diesem Unterstand auch noch ein riesengroßes Zelt aufgebaut sah. Kein Zelt wie man es gewöhnlich zum Camping nahm, sondern ein großes rundes, welches ebenfalls auf Baumstämmen errichtet war. Davor eine Art Baldachin und daneben Koji der gerade den Zelteingang öffnete und seine große Tasche, welche er noch im Auto mitgebracht hatte, ins Zelt rein legte. Rechts und Links vom Eingang standen - wieder mitten im Sand eingebuddelt - zwei große Vasen mit Gestecke aus weißen Orchideen und dunkelroten Rosen. Und etwa 10 Meter daneben ein sauber angelegter Feuerplatz, neben dem bereits einige Holzscheite einladend aufs anzünden warteten. ‚Ein Traum... alles nur ein Traum...’, ging es Takuto durch den Kopf. Als Koji wieder aus dem Zelt kam, und sah das Izumi immer noch mit offenen Mund da stand und zögerte, ging er lächelnd auf ihn zu, griff ihn am Arm und zog ihn ins Zelt. In der Mitte war - ebenfalls aus Holz gezimmert - ein flaches aber großes Bett mit dicken Matratzen darauf. In einer anderen Ecke sah er einen kleinen leisen Kühlschrank neben einem kleinen Tisch und 2 Stühlen. Auf der anderen Seite eine kleine Anrichte mit Blumen. Auf das Bett hatte Koji die große Tasche geschmissen und zog inzwischen einen Fußball, Badesachen und Handtücher heraus. „Ko.. Koji!“ langsam fand Takuto die Sprache wieder. „Wa... was soll das alles?“ Jetzt trat Koji auf ihn zu, lächelte und sagte: „Happy Birthday, Izumi!“ Damit beugte er sich vor, nahm Takuto’s Gesicht zärtlich in die Hände und küsste ihn. „Happy… Meinen Geburtstag... hast Du nicht vergessen?“ „Warum sollte ich? Du bist so selten da.... und ich sehnte mich in der letzten Zeit so sehr nach dir. Was liegt da näher, als dass ich dich ... etwas überrasche? Und uns so zwei schöne Tage bereite. Zwei Tage lang gehört dieser Strand nur uns beiden. Kein Katsumi der stört. Niemand. Nur du und ich, das Meer und wenn du willst ...“ „Zwei Tage?“, fragte Takuto ungläubig. „Ja Izumi, zwei Tage. Nur du und ich. Wir haben alles hier, was wir brauchen. Allerdings keinen Fernseher, kein Radio, keinen Videorecorder. Das hier ist aber noch nicht alles, guck hier...“ Hiermit hielt er den Ball in die Höhe, „...wenn du willst können wir beide Fußball spielen oder schwimmen gehen. Hinter dem Zelt steht ein richtiges Fußballtor. Das hat der Besitzer von all dem hier, extra auf meinen Wunsch hin, für dich aufstellen lassen. Na? Wie wär’s?“ Koji warf Takuto eines seiner bezauberndsten Lächeln zu. „Aber Koji... da seh’ ich... nur EIN Bett.“ „Ja und? Haben wir als Kinder nicht manchmal auch in einem Bett geschlafen? Wo sollte da das Probleme sein. Komm zieh dich um, lass uns schwimmen gehen.“ „Hmmmmm. Ja schon, aber...“ „Nix aber. Mach schon, wir wollen doch noch vor dem Essen ’ne Runde schwimmen. Ich geh dann schon mal vor.“ Er schmiss seine Hose aufs Bett, zu seinem Hemd und rannte raus. ‚Puh... schwere Geburt...’, dachte er. ‚Hoffentlich werden die zwei Tage so schön bleiben....’ Takuto zog sich inzwischen die Badehose an, die Koji für ihn eingepackt hatte und trat dann vors Zelt. Langsam ging er ans Wasser, kniete sich am Ufer nieder und erfrischte Handgelenke und Gesicht mit dem feuchten Nass. Als sich die Wasseroberfläche wieder geglättet hatte, blickte er schweigend auf das klare Wasser und auf sein Spiegelbild. Koji kam aus dem Wasser heraus, schlenderte heran, ließ sich neben ihm nieder und spritzte sich selbst das kühlende Wasser ins Gesicht. Als er die Finger ins Wasser tauchte, zerrann Takuto’s Spiegelbild wieder. Dieser richtete sich auf und sah zu Koji hinunter. Alles war zu unwirklich. Was war nur los mit ihm? Eigentlich wollte Takuto ins Wasser gehen, aber sie blieben noch ein Weilchen schweigend am Ufer sitzen. Nichts jagte sie. Hier am Wasser war es bei der Hitze angenehm. Das einzige Geräusch kam vom Wind und dem Meer. Verstohlen warf Takuto einen vorsichtigen Blick auf Koji, der immer noch aufs Meer hinaus sah. ‚Er sieht gut aus. Seine langen Haare, sein ebenmäßiges Gesicht, die breiten Schultern...’ Betroffen über seine eigenen Gedanken, senkte Takuto die Lider? ‚Was denke ich da bloß.’ Als Takuto seinen Blick abwenden wollte, spürte er wie Koji ihn ansah. Sein Blick brannte wie Feuer auf seiner Haut und ließ ihm sofort eine starke Röte ins Gesicht schießen. Schnell stand er auf und wollte sich gerade dem Wasser zuwenden um eine Runde zu schwimmen, als Koji das restliche Wasser aus seinen Händen rinnen ließ, auf stand und zu ihm hinüber ging. Er umfasste ihn von hinten und drückte ihn an sich. „Möchtest du mich nicht küssen?“... „Ko-ji“ Takuto senkte verschämt den Blick. ‚Hat er etwa bemerkt, dass ich ihn beobachtete. Gefühlt was ich dachte?’ Koji zog Takuto noch fester zu sich heran. Takuto konnte genau Koji’s angenehm kühle feuchte Haut spüren, feucht durch das Meereswasser. Behutsam faste Koji ihn an der Schulter, drehte ihn um, und zog ihn mit sich hinab in den feuchten Seesand. Sanft sagte er. „Ich will dich nur küssen. Izumi, und ein wenig streicheln. Mein Wort, nicht mehr. Izumi - Ich liebe dich so sehr.“ Takuto’s Herz schlug ihm bis zum Hals. ‚Warum wollte Koji das immer wieder? Warum sagte er dies immer wieder zu ihm? Wieso konnten sie nicht einfach nur Freunde sein, wie in früherer Zeit?’ Mit einer raschen Bewegung hatte Koji ihn so gedreht, dass er auf ihm lag. Ihre Körper drückten sich aneinander. Takuto’s Herz pochte heftig. Koji strich ihm behutsam über die Lippen, bis er sie öffnete. „Koji, nicht“, bat Takuto ihn leise. „Ich glaube, wir sollten das nicht tun.“ Doch Koji überhörte einfach seine Worte und küsste ihn. „Niemand ist hier. Auch Katsumi nicht. Der ist weit weg.“ Erneut küsste er ihn und rollte sich wieder neben ihn, wie er bemerkte, dass sich Takuto unter ihm versteifte. „Wir sind allein. Niemand sieht es. Niemand erfährt es, wenn du es nicht willst.“ Während Koji noch sprach, hatte Takuto sich ihm genähert. Seinen Kopf auf Koji’s Brust gebettet und sich fest an ihn geschmiegt. Takuto’s Körper glühte... sein Herz klopfte zum zerspringen. Wie sehr er ihn doch auch wollte, wie sehr er ihn doch auf seiner brennenden Haut spüren wollte. Koji drückte ihn mit sanfter Gewalt nieder. „Izumi“, flüsterte er dabei „Izumi, ich liebe dich.“ Unterdessen hatte Koji schon begonnen, seinen Körper überall zu liebkosen. Takuto hob den Kopf und berührte Koji’s Lippen verlegen mit seinen Eigenen, der sie aber sofort erwartungsvoll öffnete damit sich ihre Zungen fanden. Eine stärkere Woge rollte langsam heran, überschüttete die beiden Liebenden mit salzigem Meerwasser, doch sie ließen sich davon nicht stören und Koji erforschte Izumis Körper begierig weiter. Nach einer Weile erhoben sie sich und gingen schwimmen, später aßen sie von den Köstlichkeiten welche unter den Glocken auf dem Tisch standen. Koji holte dazu eiskalte Getränke aus dem kleinen Kühlschrank im Zelt. Später am Nachmittag als es wieder erträglicher wurde, spielten sie bis tief in die Nacht hinein Fußball. Koji stand natürlich im Tor und schaffte es auch hin und wieder einen von Takuto’s Bällen zu halten, was diesen jedoch nur noch mehr anstachelte. So vergingen die Stunden des ersten Tages. Unterm Sternenhimmel gingen sie noch einmal im Meer baden, bevor sie dann erschlagen Arm in Arm einschliefen. Der zweite Tag sollte leider nicht ganz so schön ablaufen. Nachdem sie morgens Arm in Arm aufgewacht waren, Koji mit dem glücklichsten Lächeln wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf den Lippen, konnten sie noch mal - bei dem anfänglichem Sonnenschein am frühen Morgen - das Meer genießen. Aber leider hatte der da oben es sich dann bald anderes überlegt, und nach und nach zogen dicken graue Wolken am Himmel auf. Die Sonne verdunkelte sich. Der Wind frischte auf. Die Böen wurden stärker. Das Meer verfärbte sich zusehend schwärzer, wurde unruhig, die Wellen wurden höher. Und mit dem Wind kam auch die Kälte. Es wurde ungemütlich im Zelt. Hätten sie noch einen Tag mehr gehabt, wären sie sicher wieder ins Bett gekrochen, aber so war es besser die Sachen zu packen, den Besitzer anzurufen, dass sie gleich abreisten und nicht erst gegen 20.00Uhr, wie Koji es abgesprochen hatte und stattdessen in irgendeinem Hotel oder Restaurant zu Mittag zu Essen. Koji bedauerte es sehr, dass das Wetter so umschlug. So lange hatte er nach was geeignetem gesucht und war überglücklich als er dann, von einem von Katsumi’s Bekannten, von diesem Plätzchen gehört hatte. ‚Aber wenigstens war Izumis Geburtstag schön geworden.’ Ein verträumtes Lächeln lag in seinem Gesicht, als er an den schlafenden Jungen in seinem Armen dachte, während er den Wagen heimwärts steuerte.
Bei Takuto’s nächstem unverhofften Besuch, war Koji nicht zu Hause. Katsumi wusste auch nicht, wo er sich gerade rumtrieb und so machte sich Takuto auf den Weg zum kleinen Quellsee auf Katsumi’s Anwesen, dorthin wo Katsumi sie damals überrascht hatte. ‚Vielleicht ist er ja dort.’, kam es ihm in den Sinn. Aber als er hinkam, fand er den Ort verlassen vor. Also durchstöberte er die Gegend genauer. Ein kleiner Rinnsal schlängelte sich von dem kleinen See durch die Wiesen und glitzerte in der Sonne. Diesem Wasserlauf folgte er ein bisschen. Dann ließ er sich erschöpft, ein Stückchen entfernt unter einem großen Baum mit schattenspendenden, weit ausladenden Ästen im Gras nieder und schloss für einen kurzen Moment die Augen. ‚Vielleicht hätte ich statt spazieren zu gehen, lieber ein Bad im See nehmen sollen, es ist immer noch drückend heiß.’, dachte sich Takuto. Er hing so seinen Gedanken nach, als ihm ein tiefer Seufzer aus der Kehle entfuhr. „Koji, wo bist du nur?“ Koji indes war ein Stückchen spazieren gegangen, als er Takuto in der Ferne sah, folgte er ihm und kam gerade in dem Augenblick leise bei ihm an, als dieser sein Stossgebet zum Himmel schickte. „Hast du mich gerufen, Izumi?“ Takuto schrak hoch, riss erstaunt die Augen auf und sah in ein strahlendes Augenpaar. Augenblicklich fühlte er sich ertappt und bemerkte wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Er setzte sich auf, drehte den Kopf weg und hoffte das Koji seine Farbe nicht bemerkt hatte. Doch dieser streckte sich gerade lächelnd neben ihm Gras aus. „Komm leg dich wieder hin“, hörte Takuto wie Koji sagte. Ein kurzer Blick auf ihn, zeigte ihm, dass dieser in den Himmel starrte. Koji’s Hemd klebte an seinem Oberkörper und jeder Muskel zeichnete sich darunter ab. Die engen Hosen spannten sich knapp über Koji’s sehnigen Schenkeln. Takuto ertappte sich dabei wie er Koji genau ansah. Wie er diesen Anblick genoss. „Guck mal da oben...“ Koji zeigte mit den Fingern auf eine große weiße Wolke. „Die sieht aus wie ein riesiges Schaf... und die daneben... wie ein kleiner Engel mit weißen Flügeln auf dem Rücken und an den Hacken... Siehst du?“ Takuto drehte sein Gesicht in die gezeigte Richtung, da aber die Äste einen Teil der Sicht versperrten, legte er sich wieder hin und ... tatsächlich er konnte das Schaf und auch den Engel erkennen. Aber der Wind trieb die Wolken unterschiedlich schnell auseinander und die Gebilde lösten sich langsam wieder auf. „Schön, ne?“, fragte Koji, und drehte sich lächelnd auf die Seite zu ihm. Dann streckte er seinen linken Arm aus um Takuto mit den Fingern zärtlich und sanft durch die Haare zu fahren. Takuto liebte dieses Gefühl, also schloss er die Augen. „Ich hab dich so vermisst, Izumi!“ Koji’s Finger berührten kurz Izumi’s Lippen, der sie bei dieser sanften Berührung leicht öffnete. Koji beugte sich zum ihm und küsste ihn zärtlich. Dann setzte er sich auf, lehnte sich aber leicht gegen Takuto’s Oberschenkel. Obwohl Takuto den Kopf gleich wieder senkte, spürte er wie Koji’s sinnlicher Blick über seinen Körper streifte, seine Hüfte, seine Brust, hoch zu seinen Lippen. Sanft legte dieser einen Finger unter Takuto’s Kinn und hob sein Gesicht wieder zu sich hinauf. Behutsam strich er über seine Wange. Die sinnliche Spannung zwischen ihnen hatte keineswegs nachgelassen. Takuto fühlte wie ein leichtes Kribbeln sich seines Körpers bemächtigte. Koji hatte ihm indes langsam die Kleidung geöffnet und beides nach unten abgestreift. Jetzt schob er seine Hand unter Izumi’s Shirt. Er achtete nicht weiter darauf vorsichtig zu sein, er wollte ihn endlich ganz sehen, seinen Körper spüren, doch die Kleidung störte ihn hierbei nur, als... er auch schon hörte wie der Stoff riss. Aber es war ihm egal. Plötzlich hörten sie ein Rascheln. Im nächsten Augenblick waren sie von einer Gruppe Männer eingekreist, die über die angrenzende Mauer geklettert kamen und über den Rinnsal gesprungen waren. Sie sprangen beide auf. Koji stellte sich schützend vor Takuto. Da griffen die Kerle sie auch schon an. Ein harter Schlag von hinten traf Takuto am Kopf und setzte seiner Gegenwehr ein jähes Ende. Ein erstaunter kleiner Laut erstickte ungehört, dann sank er zu Boden. In seinem Kopf drehte sich alles, Dunkelheit umfing ihn. Er schmeckte Blut auf den Lippen. Und dann merkte er gar nichts mehr.
*** Am Strand und im Pavillon fand er sie nicht, also machte er sich genau wie Takuto am Nachmittag auf den Weg zum See. Aber auch dort fand er keine Spur von ihnen. Dann fing er an die nähere Umgebung abzusuchen und lief, wie einer Eingebung folgend dem Verlauf des Rinnsals nach. Nach einer ganzen Weile kam er an dem Baum vorbei, unter welchem die Beiden sich Nachmittags hingelegt hatten. Plötzlich sah er da etwas liegen, was da nicht hingehörte. Eilig kam er näher heran und sah das es Takuto war. Er hatte eine große blutende Wunde am Hinterkopf. Das Blut war inzwischen zwar dort getrocknet, aber er schien ohne Bewusstsein zu sein. Er drehte ihn vorsichtig um und bemerkte, dass er beim Fallen wohl mit der Stirn auf einen Stein aufgeschlagen sein musste, denn auch auf seiner linken Stirnhälfte prangte er fingerdicker Riss. Das Haar war verklebt von Blut und Schmutz. Vorsichtig überprüfte er den Puls von Takuto. ‚Zum Glück, der war zwar schwach, aber da.’ Er schien wohl einiges an Blut verloren zu haben. Schnell gab er das Signal ab, einen Schuss aus einer Leuchtpistole, damit die anderen wussten, dass er ihn gefunden hatte. Kurze Zeit später eilten auch schon drei Leute, die in der Nähe waren, heran. Katsumi machte ein Tuch mit Wasser feucht und wischte kurz die Wunde sauber um zu sehen, ob die Blutung inzwischen gestoppt war. Dann trugen sie den immer noch Besinnungslosen zurück zum Haus. Dort angekommen, schickte er die anderen aus, um nach Koji zu suchen, obwohl er selbst inzwischen daran zweifelte, dass sie ihn finden würden. So gut er es vermochte, säuberte er nun die beiden Kopfwunden von Takuto und befestigte das Spezialpflaster, damit die Wunde nicht genäht werden musste. Danach schaffte er ihn erst einmal in sein Zimmer und legte ihn ins Bett. Wie Katsumi es sich schon dachte, fanden sie Koji an diesem Abend nicht mehr.
Ein stämmiger Mann öffnete die Tür und blieb im Türrahmen stehen. Koji sprang auf und starrte ihn an. Kurz darauf sackte er wieder zusammen. ‚Diese Hunde, was haben die gemacht. Mich unter Drogen gesetzt? Wieso ist mir so schwindelig?’ Kurz zuvor war er erst wieder zu sich gekommen. Takuto sah er nirgends. Er erinnerte sich: Nachdem sie ihn außer Gefecht gesetzt hatten, hatten sie Koji selbst mit fünf Mann überwältigt. Ihn K.O. geschlagen und wahrscheinlich hierher geschleppt. Nur, wo war dieses ‚hierher’? „Hello, wen ham wy denn da? Is dat nich nett? De reiche Erbe de Nanjo-Clans, Kojiro Nanjo, entpuppt sick as de kleene rotzfreche Bengel Koji. Ach - aver dat hett ik nich gedacht!“ „Auch das noch! Wenn du mir was zusagen hast, red’ gefälligst vernünftig mit mir.“ „Och, noch frech werden, was? Und dass, obwohl de in uns’rer Gewalt bist.“ „Wo ist Takuto Izumi? Was habt ihr mit ihm gemacht?“ „Gemacht? Nix! Der lag noch da, wie wir gingen. Mit ‘ner blutenden Beule am Hinterkopf. Aber nun mal zurück zu dir. Entweder deine reichen Brüder zahlen das Lösegeld für dich, oder aber... dein ehemaliger Besitzer wird sich freuen, wenn er erfährt, dass wir dich wieder haben. Mir is’ zu Ohren gekommen, dass er dich schon ziemlich bald vermisst hat, genauer gesagt... schon zwei Tage später. Und darum wird er wohl zahlen. Auf jeden Fall kommen wir an unser Geld, egal wie. Wer hätt’ dat gedacht, dass ik dich doch noch mal wiedersehe, mein Schätzchen...“ Höhnisch grinste er Koji an, der gar nicht erst wissen wollte, was in dem kranken Hirn gerade mal wieder abging. „Zahlen? Ihr wollt Lösegeld für mich?“ „Jo, mein Kleener, aber erst nachdem wir...“ „Yamada! Komm raus da! Ich muss mit dir reden!“ Der Angesprochene drehte sich um. „Musst de mir immer den Spaß verderben?“ „Komm schon...“ Ein grimmiges Gemurmel kam von nebenan, die Worte waren nicht zu verstehen. „Jo, jo... de kannst mich ma’...“ Dann wandte er sich zurück an Koji. „Wir sind noch nich’ fertig miteinander. Aufgeschoben heißt nich’ aufgehoben.“ Laut lüstern lachend verließ er den Raum. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Koji hörte wie der Schlüssel umgedreht wurde. ‚Zu... Eingesperrt... Gefangen... Aussichtslos die Lage... Warum nur immer ich? Aber... was hatte der Fiesling gesagt? Wie hatte er mich angesprochen? Nanjo? Ich soll ein Erbe sein? Reiche Brüder haben?? Ich dachte...’ Wie ein Blitz durchfuhr es ihn. ‚Der Scheißkerl weiß, wer ich einmal war!!!... Nanjo. Also Nanjo heiße ich mit Familiennamen. Aber warum wollte mir Katsumi das nicht verraten?’, ging es ihm durch den Kopf. Dieser miese Typ war ein häufiger Kunde in dem Bordell gewesen, wo man ihn damals gefangen hielt. Er selbst musste bereits mit ihm Bekanntschaft schließen. Koji kauerte sich noch tiefer in der Ecke zusammen. ‚Ich dachte es ist endlich vorbei. Und nun? I-ZU-MI! KA-TSU-MI! Wo seid ihr? Holt mich hier raus!!’ Er legte seinen Kopf auf die angezogenen Knie und schluchzte laut auf. Die Tränen rannen wie Bäche aus seinen Augen herab, aber er spürte diesmal keine Erleichterung. Panik machte sich in ihm breit und er konnte nichts dagegen tun. Die Geister der Vergangenheit wurden wieder erweckt. Bilder aus dieser Zeit, mit diesem widerlichen Kerl kamen wieder in ihm hoch. Keine schönen Bilder, eher grauenvolle. Bilder die er geglaubte hatte, endlich vergessen zu haben. *** In der Zwischenzeit hatten die Entführer sich mit Hirose Nanjo telefonisch in Verbindung gesetzt und waren erstaunt, über dass was sie hörten...
„Herr Hirose Nanjo?“
„Kurauchi, da war gerade ein Anruf. Sie haben Kojiro gefunden. Wollen Lösegeld. Moment... Da waren so Geräusche im Hintergrund...“ Er dachte eine Weile nach. „Geräusche wie... Ja. Sie müssten im Hafenviertel sein. Such’ sie zuerst dort. Sorge dafür, dass er tatsächlich stirbt. Geh’ jetzt. Beeil’ dich.“ „Ja!“ Er drehte sich um und verschwand lautlos. *** „Wat is’? De siehst geschockt aus. Wat sagt’ de Nanjo?“ „Er hat einfach aufgelegt. Das Schwein zahlt nicht. Sagt, es sei nicht Kojiro.“ „Nich’? Aber...“ „Natürlich ist er das, Yamada. Ich hab schließlich lang genug auf des Alten Anweisung hin nach dem Bengel gesucht. Wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, dass die Nanjo’s vielleicht selbst was mit seinem Verschwinden zu tun haben könnten. Aber das sieht ganz so aus. Ich denke, ich weiß jetzt, was da lief. Von denen haben wir kein Geld zu erwarten. Fragt sich nur, wo wir jetzt welches herbekommen. Zum Umbringen ist der Kleine zu hübsch. Da lässt sich doch bestimmt was draus machen.“ „Sag mal, weißt de eigentlich, wo dieser „Kojiro“ die Jahre verbracht, die der Alte ihn gesucht hat?“ „Nein. Sag jetzt nicht, dass du es weißt.“ „De wirst es nich’ glauben, ik kenn’ ihn von früher. Der hat im Harumi - Bordell gearbeitet.“ „Harumi...?“ „Jo. Was hältst de davon, wenn wir ihn wieder an seinen alten Besitzer verkaufen? Ik war zwar schon ’ne ganze Weile nich’ da... Aber ik denk’, er würd’ ihn gerne wieder haben wollen. Oder wir verkaufen ihn an eins der and’ren Bordelle.“ „Ha-ru-mi... Harumi... HARUMI? Das hat einen neuen Besitzer - seit etwa... einem Jahr oder so.“ „Schon seit einem Jahr? Dann is’ es wohl doch scheinbar ein bisschen länger her, dass ik zuletzt da war. Sag mal, hast de ’ne Ahnung, wo er die letzten Monate gelebt hat.“ „Nein, nur die letzten Wochen, bei diesem Katsumi Shibuya.“ „Sh.. Shibuya...? Der hat doch och Geld wie Heu. Wat wär’, wenn wir vorher noch Lösegeld von ihm erpressen. Vielleicht zahlt ja der? Auf jeden Fall kommt hier bestimmt mehr Geld bei raus, als aus den anderen Möglichkeiten.“ „Dann lass aber deine Finger von dem Jungen, Yamada. Wenn du ihn anrührst, könntest du es bereuen.“ „Wie kommst de da drauf. Wat meinst de mit bereuen?“ „Tja, ich weiß nicht was dran ist, da läuft so ein Gerücht. Aber EIN Junge wurde vor etwa einem Jahr halbtot von zwei Spielern aus dem Harumi - Bordell rausgekauft. Und es könnte sein, dass der eine dieser Beiden der Shibuya ist. Er war eine Zeitlang nicht in Tokyo – etwa ein Jahr. Das passt alles irgendwie zeitlich zusammen. Erst danach konnten wir Kojiro überhaupt ausfindig machen.“ “Hmm... de willst mir also den Spaß mit dem Jungen verderben, mir Vorschriften machen, wat ik zu tun und zu lassen hab’?“ „Nein. Ich meine nur, dass die Shibuya – Familie sehr einflussreich ist und wenn der Junge da nebenan sein Lover geworden ist, könnte das größten Ärger geben.“ „De weißt es nich’ genau...?“ „Na höre mal! Glaubst du, du kannst das Schlafzimmer eines Shibuya verwanzen? Du kommst nicht einmal so einfach bis in den Garten... Was meinst du, warum wir solange gebraucht haben, um ihn zu finden. Er verlässt selten das Anwesen. Scheint Menschen nicht gerade zu mögen. Wenn er wirklich im Harumi war, ist das allerdings kein Wunder. Nur der Bordellbesitzer sitzt inzwischen und jemand anderes führt das Lokal weiter..“ „Der sitzt...?“ „Ja - sag ich doch, seit etwa einem Jahr und wird wohl auch nicht mehr rauskommen, der hat lebenslang. Die Polizei hat das Nest damals komplett ausgehoben... Jetzt wo du es sagst, es könnte sein, dass dieser Shibuya da seine Hände mit im Spiel hatte. Erst holt er den Jungen da raus und dann hetzt er eine Woche später die Polizei auf den Laden und verschwindet erst einmal selbst. Den Jungen hatte er wahrscheinlich mit.“ „Und nu...?“ „Es ist nichts bewiesen, dass der was mit der Sache zu tun hat. Ist nur ne Theorie von mir, die auf die verschiedenen Gerüchte basiert. Es passt jetzt nur alles so klar zusammen. Kann ja auch reiner Zufall sein. Ansonsten... Wir müssen halt cleverer sein als er. Er darf uns nicht mit dem Jungen in Verbindung bringen. Wir müssten jemanden mit der Forderung beauftragen, der uns nicht kennt. Ich mach das schon. Aber... LASS DEN JUNGEN IN RUHE!! Egal ob Koji oder Kojiro! Sonst könnte dein Leben genauso enden, wie das von ... na ja, ich glaub ich brauch nicht weiter zu reden. Ich hoffe du hast es auch so verstanden.“ „Jo, jo. Spielverderber!“ „YAMADA!“ „Schon gut, ik versprech’s ja. Schad’ nur...“ Damit verschwand er aus dem Zimmer. Während der andere sich erneut den Telefonhörer griff.
„Katsumi, was hast du da?“ „Hm... ne Lösegeldforderung. Sie haben Koji!...“ Katsumi sah auf. Takuto stand nur 2 Meter vor ihm im weißen Bademantel. „Aber was suchst du hier. Marsch, leg dich wieder hin.“ „Ist doch nur ne Beule. Und in zwei Tagen muss ich eh wieder zurück.“ „Ach ja, und den dicken Verband trägst du wohl nur, weil Turban gerade in Mode kommt. Nix da, ab ins Bett. Nicht, dass dir noch schwindlig wird, du umkippst und dir am Ende noch das Genick brichst, weil du dich nicht auf der Treppe halten konntest. Dann bekomme ich Ärger.“ *seufz* „Du schon wieder. Muss das sein? Sag lieber..., was ist mit Koji.“ „Okay, du legst dich hin und ich komm mit.“ Sie gingen ins Gästezimmer, in welchem Takuto seit ihrem ersten Besuch übernachtet hatte, und er legt sich hin. „So, nun lieg ich und weiter? Wie viel wollen sie?“ „Zu viel.“ „Was heißt: ZU VIEL?“ „Na ja, selbst wenn ich alles, was ich flüssig machen kann, bis morgen früh verkaufe, kann ich es nicht alleine aufbringen. Ich muss ein paar Telefonate führen. Taku, du bleibst liegen und schläfst erst einmal. Ich hoffe, dass ich dir morgen früh mehr sagen kann. Der Arzt sagte ein paar Tage Bettruhe und die wirst du auch einhalten, und wenn ich dich anketten oder einschließen muss. Ich kenne inzwischen deinen Dickkopf. Die Entführer melden sich erst um 10 Uhr morgen Vormittag telefonisch. Mach dir aber keine Sorgen, wir bekommen Koji zurück. Das verspreche ich dir.“ Damit ging er ohne eine Antwort abzuwarten hinaus.
***
*** Auf Takuto’s Frage, ob er das Geld zusammen hätte, nickte er nur, wollte sich aber nicht weiter dazu äußern. Nach ihrem Frühstück, räumte Katsumi das Geschirr ab und kurze Zeit später hörte Takuto die Türglocke. Takuto sah auf die Uhr: ‚08:21 - noch gut 1 1/2 Stunden, bis die anriefen.’ Er lehnte sich zurück. Obwohl er sich wie erschlagen fühlte, konnte er einfach keine Ruhe finden. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu Koji oder zu Katsumi. Also lauschte er, ob er irgendwas im Haus wahrnehmen konnte. Da... schon wieder die Türglocke. Und ein paar Augenblicke später erneut. Zu gerne wüsste er, wer da alles gekommen ist, aber Katsumi hatte jedes Gespräch daraufhin abgeblockt und ihm gesagt er solle im Bett bleiben. Er würde ihm hinterher alles sagen. Die Minuten wurden endlos lang. Die Zeit schlich dahin. Hin und wieder hörte er die Türen unten klappern. Einige Leute gingen. Andere schienen zu kommen. Takuto sah wieder zur Uhr. Immer noch nicht viel später. Um seine Neugier vielleicht zu befriedigen und eventuell auch das eine oder andere Wort aufzuschnappen, stand er auf und zog sich etwas über. Dann öffnete er die Tür und tat so, als ob er auf den Weg zur Toilette wäre. Im Moment war es unten still, also ging er die Treppe runter. Unten war schließlich auch eine, dachte er sich. Noch 10 min bis die Entführer anrufen wollten. Takuto war auf der vorletzten Stufe, als plötzlich das Telefon klingelte. Schnell lief er hinter die Tür um dort zu lauschen, hörte aber nur einen ungehaltenen Katsumi, der kurz darauf den Hörer aufknallte. Scheinbar, waren sie das nicht. Als Takuto Schritte hörte, die sich seiner Türe von innen näherten, verschwand er schnell und hatte gerade die Badezimmertür hinter sich geschlossen, als die Stubentür aufging und er zwei Leute das Haus verlassen hörte. ‚Puh, Glück gehabt, dass hätte beinahe Ärger mit Katsumi gegeben.’ Er wartete bis 1 min vor 10, dann verließ er das Bad und stellte sich erneut hinter die Türe. Punkt 10:00 klingelte das Telefon und Katsumi stellte auf Lautsprecher, so dass alle Anwesenden mithören konnten. Nur fünfzehn - zwanzig Wörter sagte der „Entführer“, dann legte er ohne ein weiteres Wort auf. Katsumi und die Polizisten schüttelten den Kopf. Sie konnten ihn nicht orten, die Zeit war zu kurz. Vielleicht würde die Analyse der Geräusche was bringen. Takuto hatte indes auch gehört, was der Kerl gesagt hatten. ‚Übergabeort des Geldes und Uhrzeit. Falls es nicht da wäre oder Polizei eingeschaltet wird, stirbt er.’
*** Genau zu dem Zeitpunkt sah Katsumi, der mit dem Aktenkoffer an der angegebenen Stelle stand, einen Müllwagen um die Ecke auf den Fischmarkt zu fahren. Er wartete, aber dann passierte etwas, womit niemand der anwesenden Polizisten in ihren Verstecken in dem Moment gerechnet hatte. Ein Streifenwagen kam von der Kyosumi-dori direkt auf den Fischmarkt zu, um überall nach dem Rechten zu sehen. Der Müllwagen verrichtete seinen Dienst, fuhr weiter. Katsumi stand 20 min später, immer noch, mit seinem Geldkoffer in der Hand, da. Keine Übergabe war erfolgt. Zu Hause angekommen, wartete Takuto schon ungeduldig auf ihre Ankunft. Als er Katsumi niedergeschlagen durch die Tür kommen sah, gefolgt von Polizisten und Männern in Zivil, ging er mit ihnen zusammen ins Zimmer, um zu erfahren was los war.
*** „NEEEEEEEEIIIIIIIIIINNNNN!!!!!!! --- Das darf nicht sein.“, hallte Takuto’s Schrei plötzlich durch das riesige Haus. Katsumi der unten stand und die Polizisten gerade verabschiedete, sah erschrocken zur Treppe hoch. Schnell schob er die beiden letzten Polizisten raus, schloss die Tür und rannte die Treppe hoch, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Langsam, wie betäubt stand Takuto auf und ging zu seinem Schrank. Holte seinen Rucksack heraus. Nachdenklich ging er zum Bett, legte ihn darauf und öffnete ihn. ‚Ich will dich suchen.... Will dich finden!...’ An Takuto’s Tür blieb Katsumi stehen. Kein Laut mehr von drinnen. Er klopfte. „Takuto? Kann ich reinkommen?“ Nichts. „Takuto, ich bin’s... Katsumi. Geht’s Dir gut?“ Immer noch keine Antwort. Katsumi fasste die Tür an. „Abgesperrt?“ - „Takuto, mach bitte auf...“ Wieder nichts. „Was machst du, geht es Dir gut? Du hast abgesperrt...“ Langsam machte er sich ernsthaft Sorgen: Das war nicht seine Art. So was hatte er bei ihm noch nicht erlebt. Bei Koji schon eher, nicht aber bei Takuto. Nachdem dieser auch jetzt nicht antwortete, nahm er Anlauf und schmiss sich mit voller Wucht gegen die Tür. Erst beim dritten Mal gab sie nach. Sich seine Seite reibend, betrat er das Zimmer und sah sich um. In der Zwischenzeit ging Takuto zurück zum Schrank griff sich ein paar Teile und während er seinem Rucksack, mit den wichtigsten Utensilien packte, die er vielleicht brauchen würde, wurde er mit jedem Griff, jedem Schritt, in Richtung seines Rucksackes zurück, selbstbewusster. Er wusste immer deutlicher was er wollte, was er tun musste. Seine Gedanken, waren bei Koji, galten allein ihm. ‚Ich ... werde dich finden! Egal wie weit ich gehen muss, und wo du jetzt stecken magst. Ich werde dich finden, Koji! Warte auf mich, halt aus. Ich finde dich und hole dich da raus. Und wenn ich die ganze Gegend auf den Kopf stellen muss - ich ins kleinste Rattenloch kriechen muss - ganz Tokyo nach dir wie eine Nadel im Heuhaufen durchsuchen muss... Niemand kann mich aufhalten. Auch nicht Katsumi. NIEMAND!’ Mit jedem Satz kehrte sein Mut, seine Kraft mehr und mehr zu ihm zurück. Als er den Rucksack gerade schloss, stand Katsumi neben ihm. Erschrocken fuhr er auf. ‚Hatte ich nicht zugesperrt?’ Ein Blick auf die Tür verriet ihm, was geschehen sein musste. „Oh...- Katsumi? Hab’ ich dich nicht gehört?“ „Nein, scheinbar wohl nicht. Obwohl nun bestimmt die gesamte Nachbarschaft auf der anderen Seite des Flusses Bescheid weiß.“ „Hmmm?“ Takuto sah ihn ungläubig an. Katsumi reagierte darauf aber nicht, stattdessen warf er einen Blick auf das Bett und obwohl sich Takuto vor den Rucksack gestellt hatte, erkannte er auf den ersten Blick, was hier lief. „Was hat das zu bedeuten, Takuto? Du willst dich doch wohl nicht etwa selbst auf die Suche nach der Höhle des Löwen wagen?“ „DOCH!“ „Sag mal, spinnst du?“ „Nein“ „Scheinbar doch. Du solltest wissen, dass mit solchen Leuten nicht gut Kirschen essen ist. Und was willst du machen, wenn du weißt, wo Koji ist? Die Polizei denkt das es wenigsten 2 - 4 Männer sind. Die kannst du nicht alleine ausschalten. Nicht alle. Auch wenn du in guter Kondition, durch dein Fußballtraining, bist. Vergiss eins nicht, deine Kraft liegt in den Beinen, nicht in den Armen. Du kannst nicht alleine gegen sie ankommen, falls sie alle unverhofft da sein werden. Das schaffst du n-i-e, und schon gar nicht mit deinem jetzigen Brummschädel.“ „ICH muss es versuchen. Wenn nicht, mach ich mir ein Leben lang Vorwürfe, wenn ihm was passiert.“ „Ich versteh dich ja, aber ich kann das nicht zulassen. Was soll ich Deinen Eltern sagen? Solange du hier bei mir bist, habe ich die Verantwortung für dich. Aber ich versprech’ Dir, wenn die Polizei und die angeheuerten Detektive ihn nicht finden, suchen wir beide nach ihm.“ „Dann ist es vielleicht schon zu spät... Warum nicht gleich?“ „G-L-E-I-C-H-??? Ich hoffe immer noch, dass die Privatschnüffler mir jeden Moment mitteilen, dass sie ihn gefunden haben, damit die Polizei ihrer Arbeit nachgehen kann.“ „Detektive, Polizei - die finden doch nix. Hast du doch gerade gehört. Er sprach von 24 Stunden. Katsumi, die Zeit drängt... Ich hab Angst... Angst um Koji... verstehst du... richtige Angst um ihn. Ich will nicht länger nutzlos hier rumsitzen. Ich muss was unternehmen oder ich werde verrückt.“ „Und wo willst du suchen?“ „Was heißt hier wo? Du hast doch selbst gehört, welche Geräusche beim Telefonat rausgefiltert wurden. Und was meinst du wohl, wo man die findet? So viele Ecken gibt es da nicht.“ Er griff hinter sich, erfasste den Rücksack, zog ihn ran, sah Katsumi fest in die Augen. Der Blick war fast tödlich. Trauer, Angst, Entschlossenheit, Wut und Zorn alle Gefühle auf einmal stürzten Katsumi aus Takuto’s Augen entgegen. Ließen keinen weiteren Widerspruch gelten. Katsumi erschrak zutiefst, und ging vor lauter Schreck einen Schritt zurück. Das war auch besser so, denn Takuto stürzte sogleich aus dem Zimmer hinaus, hinunter in die Küche, um sich noch etwas zu Essen einzupacken, bevor er das Haus verließ. Wäre Katsumi nicht ausgewichen, hätte er ihn sicher ohne Rücksicht über den Haufen gerannt. „Dieser Kindskopf... er hat doch alleine gar keine Chance...“ Katsumi schüttelte den Kopf. Sah sich noch einmal im Zimmer um, ging dann ins Arbeitszimmer und rief eine der großen Detekteien an, die bereits Koji suchte. Er teilte denen mit, was Takuto beabsichtigte und sie versprachen ihn mit drei Leuten zu überwachen und notfalls ihm zu Hilfe zu eilen und die Polizei zu verständigen. Beruhigt atmete Katsumi auf, als er den Hörer aus der Hand legte. Auf diese Leute konnte er sich verlassen. Es waren Profis. Die bestausgebildeten Leute weit und breit. Erst irrte Takuto ziellos durch die Straßen, hielt Ausschau nach Leuten, die eventuell über so was sprachen. Graste die Viertel ab, in denen er sich sonst aus Sicherheitsgründen niemals aufhalten würde. Schaute hin und wieder in verräucherte Kneipen rein, setzte sich an Tische neben verdächtig aussehende Personen, belauschte heimlich deren Gespräche, während er vorgab, sich voll und ganz seinem Getränk oder Essen zu widmen. Aber über nichts dergleichen wurde dort geredet. Also zog er weiter, näherte sich damit immerweiter den Lagerhallen im Hafenviertel. Bald würde dort überall Feierabend sein. Er tat so, als ob er auf Arbeitssuche wäre, obwohl er für diese Arbeit sowieso nicht kräftig genug gebaut war. Aber so kam er in die Hallen - zumindest kurzfristig rein - weil er den Chef suchte. Drinnen sah er sich unauffällig um, während er wartete. In sechs Hallen war er schon. Gerade war er in Begriff sich auf den Weg zur siebten zu machen, da sah er einen Mann der sich mehrmals auf seinem Weg umdrehte, als ob er befürchtete, verfolgt zu werden und sich in Sicherheit wiegen wollte, dass dem nicht so wär’. Schnell verschwand Takuto im Schatten der großen Halle und achtete genau da drauf, wo der Mann hinverschwand. Da ... jetzt öffnete er eine kleine Seitentür, verschwand dahinter. Plötzlich tauchte noch einmal sein Kopf auf... sah nach rechts und links... und dann wurde die Tür rangezogen. ‚Koji - bist du da drin? - Kann es sein, dass ich dich so schnell gefunden habe? Oder sind das nur irgendwelche Dealer, die hier ihr Versteck haben. Wenn du da drinnen bist... dann lebst du noch... sonst würde er sich nicht so verdächtig benehmen.’ Er wartete noch eine Weile..., wollte eigentlich warten bis es ganz dunkel ist... Inzwischen hatte er sich hinter einem Berg von frischgeschlagenem Holz verschanzt, welches dicht neben der Halle unter einem riesigen Vordach lagerte. Er hatte einen guten Blick auf die Seitentür, hinter welcher der Kerl verschwunden war. Als er gerade im Begriff war und sein Versteck verlassen wollte, um sich dem Gebäude zu nähern, faste ihm von Hinten jemand an die Schulter um ihn aufzuhalten. Dieser Jemand drückte ihn schnell wieder runter, hinter das Holz. Die Seitentür öffnete sich und der Mann der vor einer halben Stunden dahinter verschwunden war, kam in Begleitung eines Anderen hinaus. Sie sahen sich unruhig um, schlossen die Türe ab und gingen in verschiedene Richtungen davon. „Wahrscheinlich nach Hause.“, hörte Takuto hinter sich jemanden leise sagen. Der Griff um Takuto lockerte sich und er drehte sich um, sah den Anderen fragend mit großen Augen an. „Keine Panik, Katsumi lässt grüßen.“ „KATSUMI?“ „Ja, ich bin ein Freund von ihm. Er rief mich vorhin an. Kurz nachdem du das Haus verlassen hast, hingen wir schon an deinen Hacken. Wir sind zu deinem Schutz da und um dir zu helfen. „Ehrlich? Aber wieso „wir“?“ Takuto war erstaunt. Er hatte die ganze Zeit geglaubt alleine zu sein, warf ein Blick in die Runde, konnte aber nirgends irgendjemanden entdecken. „Ehrlich. Wir sind hier fünf Leute, jeder hockt hier hinter irgendwelchen Tonnen oder Kisten, rund um die Tür verstreut, die du beobachtet hast. Einer hatte schon vor dir den Verdacht, dass hier was nicht stimmt. Aber nun hör zu. Die Polizei ist benachrichtigt, die treffen hier jeden Moment ein und führen ne Razzia durch. Da die Beiden abgeschlossen haben, dürfte wohl keiner der Ganoven mehr da drin sein.“ Kaum hatte er das gesagt, rollten mehrere Autos in Zivil (ohne tatü tata) heran. Kreisten das Gebäude ein. Scharfschützen gingen hinter den Wagen in Deckung. Und ein Polizist näherte sich Takuto’s bisherigen Versteck. Der Mann neben ihm war aufgestanden und ging dem Polizeibeamten entgegen. Sie unterhielten sich kurz, während der Detektiv mit der Hand mehrmals zu verschiedenen Türen zeigte. Der Polizist nickte verstehend und gab seine Anweisungen weiter. Kurz darauf wurde der Ring der Polizisten enger um das Haus. Takuto saß wie auf Nadeln. Er war unruhig, aber der andere Mann ließ ihn nicht gehen. „Du würdest nur die Polizei behindern. Wenn Koji drin ist, darfst du sofort zu ihm.“, dass hatte er ihm versprochen. In der Zwischenzeit wurde die bewusste Türe aufgebrochen. Drei Beamte mit gezogener Waffe verteilte sich drinnen. Die anderen folgten nach einiger Zeit. Die Hintertüren blieben gesichert. Ein Raum nach dem anderen wurde durchsucht, bis man vor einer verschlossenen Türe stand. Schnell wurde auch diese vom Polizeischlosser geöffnet und Tatsache fand man darin, eine männliche Person welche zusammengekauert sich in eine Ecke gedrückt hatte, als ob er sich dort verstecken wollte. Einer der Beamten lief raus zu dem Detektiv und dieser nahm Takuto leicht am Arm und sagte zu ihm, „Sie haben jemanden... Kommst du?“ Takuto nickte, stand auf und fühlte wie seine Beine nachgaben. Eigentlich wollte er hineilen, aber die Angst, dass es jemand anderes sei, war zu groß. ‚Ach Quatsch, wer sollte es schon sonst sein...’, dachte er sich und wollte sich zusammenreißen. Der andere stützte ihn, bis sie kurz vor der Tür waren. Mit letzter Kraft riss er sich dann von ihm los und eilte auf die Türe zu. Was er sah, ließ ihm sein Herz erbeben. Es war Koji! Und er war es auch nicht. Das was er sah, war nur ein kleines Häufchen Elend. Wie ein Kind hatte er sich in die Ecke gekauert. Die Beine angewickelt den Kopf auf den Knien liegend und wippte vor und zurück. „KO-JIIII!“ Takuto eilte auf ihn zu, an den Polizisten vorbei und hockte sich zu ihm. Wollte ihn in den Arm nehmen und wurde zurück gestoßen. „Koji?... Koji, ich bin es... Takuto... Izumi... erkennst du mich nicht? Ko-ji?“ Noch einmal wagte er es ihn zu umarmen und als dieser sich dagegen wehrte, verstärkte er seine Kraft. Hielt ihn mit aller Macht an sicht gedrückt, so dass Koji gezwungen war in seiner Bewegung - diesem ewigen hin und her... hin und her... vor und zurück... inne zu halten. Langsam hob er den Kopf und Takuto sah, wie ihm lautlos die Tränen über das Gesicht liefen. „Ko-ji, keine Angst , ich bin da, alles ist vorbei. Wir gehen gleich nach Hause.“ Ein Polizist kam und wollte Takuto helfen, Koji aufzurichten und ihn notfalls zu stützen, doch Koji stieß den Hilfsbereiten weg. Seine Augen sahen ihn an, wie nur ein Irrer sehen konnte. Hätte er in diesem Moment in einem Spiegel gesehen, hatte er sich wohl vor sich selbst erschreckt. Der Mann zuckte mit den Achseln und sah Takuto fragend an. Dieser nickte ihm nur freundlich zu und sagte: „Ist schon gut. Danke.“ Dann richte er Koji auf. In dem Moment stand Katsumi schon in der Türe . Wortlos eilte er auf Koji zu, und half Takuto. Der Polizist stand da wie Falschbier und fragte sich, was der junge Mann, der gerade gekommen war, wohl für eine Beziehung zu dem Anderen hatte, da dieser ihn nicht wegstieß. Koji hatte inzwischen klein bei gegeben, als er sah, dass Takuto ihm nicht alleine helfen konnte. Vor Katsumi hatte er keine Angst, da dieser ihn bereits einmal aus ähnlicher Lage befreit hatte. Auch da war er verstört gewesen und Katsumi hatte ihm geholfen. Willenlos lies er sich von den Beiden rausführen. Der Krankenwagen war inzwischen auch angekommen, musste aber unverrichteter Dinge wieder abfahren, da sich Koji mit Händen und Füßen wehrte in ihn einzusteigen. „Tja, da ich den Holzhammer nicht mit habe, wirst Du wohl oder übel freiwillig in mein Auto einsteigen müssen, Koji. Oder willst du nach Hause laufen?“, sagte lächelnd Katsumi an Koji gewandt. Obwohl Takuto stark bezweifelte, dass Koji im Moment zu Scherzen aufgelegt war, beobachtete er genau Koji’s Reaktion. Wie erwartet, reagierte dieser mit Unverständnis, ließ sich aber zu Katsumi’s Auto bringen. Takuto stieg mit Koji hinten ein, der sich immer noch wie eine Last an ihn klammerte, aus Angst Takuto könnte plötzlich verschwinden, ihn an diesem ungastlichen Ort alleine lassen. Er hatte die ganze Zeit über Angst gehabt, dass seinem Izumi Schlimmes passiert wäre. Sie sagten zwar, sie hätten ihn liegen gelassen, aber konnte man wissen, ob er am Ende ohne fremde Hilfe nicht verblutet wäre. Koji fiel ein riesiger Steine vom Herzen. Er kuschelte sich noch dichter an seinen Izumi. Katsumi wechselte inzwischen noch ein paar Worte mit dem diensthabenden Polizisten und seinem Freund, dem Detektiv, bevor er sich hinter das Steuer setzte und alle nach Hause fuhr. Vorsichtshalber folgte ihnen ein Polizeiwagen und ab dem nächsten Tag waren immer mehrere Personen rund um die Uhr auf Wache, welche das Grundstück bewachen sollte. Langsam beruhigte sich Koji im Auto wieder, unterwegs blieben sie zu allem Unglück auch noch in einem Stau stecken, welcher sich über 2 Stunden hinzog. Koji hatte sich indes auf dem Rücksitz auf Takuto’s Schoss mit seinem Kopf bequem gemacht, seine Nase ruhte dabei an Takuto’s Bauchnabel und er atmete ruhig den vertrauten Geruch von ihm ein. Bei ihm fühlte er sich sicher und geborgen. Er schloss die Augen, während Takuto ihn die ganze Zeit über beruhigend streichelte und sich fragte, mit was für Rückenschmerzen er nach dieser unbequemen Lage, in dem Auto, selbiges wohl verlassen wird. Knapp vier Stunden nachdem sie Koji gefunden hatten, waren sie endlich wieder zu Hause. Als Koji sich sicher fühlte, konnte er das Auto ohne Hilfe verlassen, auch wenn Takuto ihm hilfreich unter die Arme griff. Erleichtert sah er wie sein Izumi ihn in sein Zimmer begleitete. Nachdem Koji eine heiße Dusche genommen hatte, und er mit Izumi gemeinsam noch etwas gegessen hatte, was Katsumi in der Zwischenzeit für beide hatte bringen lassen, legte er sich ins Bett. Takuto hatte sich den großen Sessel neben das Bett geschoben und hatte gesagt, er würde noch ein wenig bleiben, bis Koji eingeschlafen wäre. Dabei hielt er Koji’s Hand ganz fest in seiner. Doch die Aufregung des Tages war wohl doch ein wenig zuviel für ihn. Dunkler und dunkler wurden die braunen Augen, die Lider immer schwerer. Endlich fiel Takuto in einen traumlosen Schlaf der Erschöpfung. Koji stand auf, hob ihn behutsam aus dem Sessel hinaus, legte ihn in sein Bett und deckte ihn zu. Selbst etwas erleichtert, streckte er sich an seiner Seite aus. Er empfand dankbar die Nähe eines menschlichen Wesens – seines Geliebten – wie ein Schutzschild gegen das Grauen des Erlebten. Im Stillen dankte er nochmals Gott: Sie lebten. Beide! Am Morgen kuschelte sich Takuto an Koji, den Kopf an Koji’s Schulter. Als Koji aufwachte, fuhr er im ersten Moment verduzt in die Höhe. Dann erst begriff er. Es war ja sein Izumi. Ach ja! Er hatte eine schlimme Nacht gehabt, hatte immer wieder angstvoll gestöhnt und geschrieen. Da er ihn nicht wecken wollte, legte er sich vorsichtig in die Kissen zurück.
Inzwischen war Koji schon einige Wochen wieder zu Hause. Aber er verlor immer mehr den Halt. Takuto war die ersten drei Tage noch da, doch dann musste er wieder abreißen, da er sich nicht ewig bei Katsumi einnisten konnte. Außerdem hatte er Verpflichtungen, denen er nachkommen musste. Urlaub war die nächste Zeit bei ihm auch nicht in Sicht, da wichtige Spiele anstanden, wo er nicht fehlen konnte... wollte... und durfte. Wie auch immer seine Ausreden waren, sie liefen auf eins hinaus: Katsumi quälte sich in dieser Zeit mit Koji alleine herum. Herumquälen war das richtige Wort. Es war zur Qual geworden. Katsumi selbst fühlte sich mit Koji total überfordert, da Koji ihn nicht an sich heran ließ. All die Zeit, die Zeit die sie gemeinsam verbracht hatten, schien verloren zu sein. Er fühlte sich wie am Anfang, als er nicht zu Koji durchdringen konnte. Die Entführung schien alles wieder in ihm aufgewühlt zu haben. Koji sprach nicht, nahm nicht an den gemeinsamen Mahlzeiten teil, trieb sich öfters bis zum Morgengrauen rum, um dann endlich - aber völlig besoffen - nach Hause zu kommen. Schon bevor er gegen Mittag zum Frühstück runter ging, hatte er den ersten Alkohol getrunken und immer öfter im Laufe des Tages griff er zur Flasche. ‚Er spricht kein Wort mehr, sondern starrt nur vor sich hin, wenn er zu Hause ist. Ja, wenn er es mal war.’, sagte Katsumi seufzend so vor sich hin. Eigentlich wollte er es nur denken. Schon seit Stunden saß er hier im Zimmer und wartete darauf, dass er heimkam. Endlich... er hörte Geräusche vor seinem Zimmer. Die Tür stand offen, so dass er ihn sehen konnte. Ohne ein Wort ging Koji an der offenen Tür vorbei in sein Zimmer. ‚Na ja von gehen kann wohl kaum noch die Rede sein und zu überhören ist er jedenfalls auch nicht.’ „Hmm...“ Ein tiefer lauter Seufzer entkam Katsumi. Die Alkoholfahne, den kalten Rauch und das billige Parfüm, welches Koji in der letzten Zeit ständig anhafteten, konnte Katsumi bis weit in sein Zimmer hinein riechen. ‚Was soll ich bloß mit ihm machen? Ich kann ihn doch nach all dem nicht in eine psychiatrische Einrichtung stecken. Er muss wieder zu sich kommen und nicht noch mehr Leid sehen.’, dachte Katsumi und ging kopfschüttelnd zur Tür, um sie von innen zu schließen. ‚Zum Glück morgen ist schon Freitag. Takuto wollte übers Wochenende kommen. ZWEI TAGE!!! Vielleicht schafft er es ja diesmal, ihn zu erreichen. Ich hoffe es so sehr, dass Taku es schafft... wenn, dann kann es nur er... Aber ob zwei Tage dafür ausreichten?’ *** Freitag Abend:
„Hallo Katsumi!“ „Ich hab allen Alkohol im ganzen Haus vernichtet. Also beschafft er ihn sich in irgendwelchen Kneipen. Und wenn er da nichts mehr kriegt, lässt er sich von irgendwelchen Frauen abschleppen und säuft da weiter, bis er nicht mehr denken kann.“ Katsumi seufzt tief. „Er hört nicht auf gute Ratschläge. Als ich ihn in sein Zimmer schloss, kletterte er aus dem Fenster und verschwand. Ich kann ihn doch nicht in den Keller sperren, dass würde noch mehr schlimme Erinnerungen in ihm hervorrufen. Schließlich lebte er jahrelang in so einem vergitterten Raum im Keller, um ihn an der Flucht zu hindern. Er verschließt sich wieder, lässt niemanden an sich ran. Ich kann nur hoffen, dass er zu dir anders ist.“ „Oh Gott, was macht er bloß, war er damals auch so?“ „Nein. Damals war er zwar verschlossen, sprach nicht sehr viel und zog sich in irgendwelche Ecken und Nischen zurück, wo er sich zusammenkauerte, bis er endlich begriffen hatte, dass ich ihm nichts tun will. Du glaubst gar nicht wie viele Nischen es hier gibt.“ Katsumi lachte auf. „Ich hatte keine Ahnung, wo ich ihn jedes mal suchen sollte.... Aber nun? Er versucht die Erinnerungen zu betäuben, lässt sich nur noch voll laufen und versucht sich an jeder Frau, die ihn dann noch will zu beweisen, dass er doch noch ein Mann ist. Obwohl... sie ihn diesmal wohl nichts angetan haben. Die Kerle wurde ja am nächsten Morgen beim Betreten der Halle gleich von der Polizei geschnappt und eingesperrt. Sie haben die Entführung gestanden und dieser - wie hieß er nich gleich - Ya... Yamada, ja, der hoch und heilig versprochen ihn nicht angefasst zu haben. Allein der Schock, dass er einem dieser ehemaligen „Kunden“ gegenüberstand... in ihrer Gewalt war... nicht wusste, was sie mit ihm tun würden... die Angst davor, vielleicht wieder in dieses Milieu zurück zu müssen... das alles war wohl zu viel für ihn. Doch nun ist es genug, Taku. ... Geh zu Bett. Es ist schon spät. Ich werde ihn abfangen und ihm sagen, dass du da bist.“ „Lass mal, Katsumi. Ich bin nicht müde. Ich bleibe und werde ihn in Empfang nehmen. Sonst bringt es nichts. Leg du dich lieber hin und schlaf dich aus. Du hast ja schon dunkle Ringe unter den Augen.“ „Okay, aber ich glaube nicht, dass du heute noch viel erreichst bei ihm.“ „Ich weiß. - Ach Katsumi, ich kann etwas länger bleiben. Den Trainer und vier der Topspieler hat eine Virusgrippe ans Bett gefesselt, das heißt, die nächsten Spiele fallen aus. Du hast doch nichts dagegen, dass ich sagte ich bleib solange hier? Sie rufen hier an, wenn’s weiter geht.“ „Nein, hab ich nicht. Die bist ein Schatz, Taku. Ich danke dir.“ „Doch nun leg dich hin, ‚Gute Nacht’!“ „Gute Nacht - Taku.“ Damit verschwand Katsumi lächelnd. ‚Er bleibt länger, dann könnte er es vielleicht schaffen.’ Ein kleiner Funke Hoffnung tauchte auf. Takuto ließ die Tür auf und setzte sich vor den Fernseher. Gegen die Frische der Nacht hatte er sich in eine Decke eingewickelt. Im Fernsehen lief gerade die Wiederholung ihres letzten Spiels. Die 1. Halbzeit war bereits vorbei, doch Koji war immer noch nicht da. Sie hatte 1:1 gespielt, kein sehr berauschendes Ergebnis, gegen diese Mannschaft. Takuto war mit diesem Unentschieden nicht zufrieden. Sie hätten gewinnen müssen, aber leider waren da schon zwei der Topspieler ausgefallen. Noch 10 Minuten bis zum Ende der 2. Halbzeit... da war er unerwartet auf der Couch eingeschlafen. Da... plötzlich...ein Geräusch. Takuto erwachte. Sah auf die Uhr und stellte fest, dass es bereits 7 Uhr morgens war. Er hörte jemanden laut schimpfen. ‚KO-JI!’ Takuto sprang auf und lief zur Tür. Sie war immer noch zu. Er hörte wie Koji versuchte das heruntergefallene Schlüsselbund aufzuheben und den Schlüssel... Takuto riss die Tür auf. Koji der sich an der Tür abgestützt hatte, um das Schlüsselloch besser treffen zu können, flog Takuto geradewegs entgegen. „Furchtbar! Welch ein Gestank!“ schrie Takuto nur entsetzt auf und stieß ihn von sich. ‚Eine entsetzliche Alkoholfahne, kalter ekliger Tabakrauch und billiges Parfüm’, fügte er in Gedanken dazu, ‚...wie Katsumi erwähnte.’ Koji war viel zu durcheinander. ‚I... Izumi ... hier ... heute ... jetzt???’ Er riss die Augen auf und starrte ihn entsetzt an, so als ob er einen Geist vor sich sah. ‚Warum hatte Katsumi nichts gesagt? Oder hatte er? Hatte er wieder mal nicht hingehört, ihn einfach reden lassen, ohne ihn zu beachten? Aber sonst hatte er es doch wenigstens mitbekommen, wenn er sagte das Izumi kam?’ Ohne dass Koji etwas erwiderte, packte Takuto ihn, zog ihm den offenen Mantel aus, warf ihn über die Lehne und schleppte Koji erst einmal unter die Dusche. Dort drehte er das kalte Wasser an. Koji kämpfte eine ganze Zeit lang gegen das kalte Wasser an, aber Takuto ließ ihn nicht los, bis er merkte, dass der andere aufhörte sich dagegen zu sträuben.
„Geht’s wieder?“ Koji schüttelte den Kopf. Taku drehte das Wasser ab, griff nach einem Handtuch und rubbelte sich die Haare trocken. Dann sah er an sich herunter und lachte. „Ich glaube die Haare alleine reichen wohl nicht.“ Er ging zum Haken, griff sich die zwei Bademäntel die dort hingen, und warf den Größeren zu Koji. „Wasch dich erst mal und zieh dich um.“ Damit begann er sich auszuziehen. Koji starrte ihn nur ungläubig an. Als Takuto die nassen Klamotten runter hatte, wickelte er sich in den Bademantel ein, und sah mit einem triumphierenden Blick zu Koji. Doch der stand immer noch da und starrte nur auf Takuto. „Soll ich dir helfen... oder kannst du dass alleine. Du holst dir eine Erkältung.“ Wieder schüttelte Koji nur leicht den Kopf. Er legte den Bademantel über die Wanne, zog sich aus und stellt die Dusche auf warm. Nachdem er wieder einigermaßen hergestellt war, und er sich in den Bademantel gehüllt hatte, folgte er Takuto in die Stube. Als er dort zielstrebig in Richtung auf den Barschrank zu ging, wurde Takuto wütend. „KO-JI!“ Takuto’s Stimme klang fast streng. Er eilte zu ihm, packte ihn an den Schultern und schob ihn in Richtung Fenster, mit dem Blick nach draußen - hinaus auf den Park. „Sieh dort hin.“ Er zeigte auf einen großen Baum der unter dem starken Wind der draußen aufgekommen war, seine bunten Blätter fallen ließ. „Schau dir die Blätter an.“ Koji drehte sich zu ihm und in seinen Augen stand nur eine Frage: ‚WARUM Izumi?’ Er wollte sich ganz zu ihm herumdrehen, doch da spürte er Takuto’s Hände, die sich schmerzlich in seine Haut pressten und ihn wieder noch vorne drehten. Da Takuto hinter ihm stand, konnte Koji sein Gesicht nicht sehen. Aber seine Worte, seine harte Aussprache ließ keine Wiederrede zu. „Sieh sie dir an!“ Koji zuckte mit den Schultern, was soviel hieß wie: ‚Na und?... sie fallen.’ „Ja, sie fallen. Sie treiben ohne jeglichen Halt umher. Wie ein willenloses Spielzeug im Wind. Ihres sicheren Platzes am Baum entledigt, werden sich ihre übermütigen Kräfte bald erschöpfen. Mach es ihnen nicht länger nach, Koji!“ Er ließ ihn los und trat neben ihn, um ihn ansehen zu können. Doch dann erschrak er. Koji’s Blick war leer. Er hatte sich wieder in seine Welt zurück gezogen. Nichts schien er mitbekommen zu haben. Takuto packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn. „KO-JI!!! HÖRST DU WAS ICH SAGE! Antworte gefälligst!“ „Ja...“, kam es fast tonlos. „KOJI - DU MUSST DAMIT AUFHÖREN. HÖRST DU? DU MACHST DICH KAPUTT! KO-JI!!! ICH BITTE DICH, HÖR AUF DAMIT.“ Hilflos lehnte er sich an Koji’s Brust. Koji zuckte kurz zusammen. Takuto bemerkte es und umarmte ihn fester, achtete jedoch darauf, ihm dabei nicht wehzutun. Koji ließ es mit sich geschehen, ohne jedoch zu reagieren. ‚Eine Wand! Ein Eisblock!’, dachte Takuto nur traurig. „KO-JI!“ Takuto beugte sich zu ihm hoch, und berührte flüchtig Koji’s Lippen. ‚Kalt, aber er wehrt sich nicht.’ Noch mal neigte er sich zu ihm und Koji spürte Takuto’s Lippen diesmal voller Heftigkeit auf seinen. Doch sie blieben auch jetzt kalt und leblos. Takuto wandte sich ohne ein weiteres Wort von ihm ab. ‚Sinnlos...!’ Tränen standen ihm in den Augen, als er sich in Richtung Tür wendete. ‚Es ist alles sinnlos! Wie soll ich nur zu ihm durchdringen?!’ Takuto verzweifelte.
Stille. ‚Morgen... Vielleicht morgen.... Vielleicht... wenn er nüchtern ist. Erst einmal darüber schlafen und dann bevor er wach wird, ihn aufsuchen und es gleich noch mal versuchen. Ja... ich gebe nicht auf. Morgen... Morgen ist ein neuer Tag... ein neuer Versuch...’ Mit diesen Gedanken wollte er gerade das Zimmer verlassen, als... „I...zu...mi“ Langsam, gedehnt und leise kamen die Silben aus Koji’s Mund. „I...zu...mi“ ‚Er reagiert????’ „Ja?“ Takuto blieb stehen, mit dem Rücken zu Koji. ‚Wenn er was will, muss er mit mir reden. So sehe ich nicht, was er will.’ „I...zu...mi - bleib bitte!“ Takuto drehte sich langsam um. ‚Nur nicht zu schnell bewegen, sonst verschreck ich ihn.’ „Warum? Du redest nicht mit mir,... hörst mir nicht zu... und zum Saufen brauchst du mich nicht...“
„Ich... ich...“ Takuto ging langsam auf ihn zu. Koji’s Augen folgten ihm, doch er rührte sich noch immer nicht von der Stelle. Wie angewurzelt blieb er stehen. Nur die Augen wurden lebhafter. Aus Koji’s Kehle stieg jetzt ein heißes kaum hörbares Schluchzen, während sich Takuto zu ihm neigte. Dieser sah ihm immer noch fest in die Augen und erschrak plötzlich. Sie zeigten Verbitterung und Selbstverachtung, die Takuto schmerzten.
„Hast du das Saufen nötig? Bietet dir das Leben so wenig, dass du das
daraus machst?“ „So, wie ich es gesagt hab.“ Damit drehte er sich um und sah wieder hinaus auf die fallenden Blätter die der Wind aufwirbelte und wieder zu Boden tanzten. „Oh - Izumi.“, flüsterte er schmerzlich, als ihm die Erkenntnis kam, dass dieser Recht hatte. ‚Wie recht du doch hast. Ich bin nichts weiter als ein loses Blatt im Wind. Es fällt, wenn du nicht da bist und wird kurz wieder aufgewirbelt, wenn du in meiner Nähe bist.’ Takuto ging zu ihm ergriff ihn am rechten Arm. Koji drehte sich zu ihm und lehnte sich nun mit dem Rücken ans Fenster. „Wie könntest du auch. Du bist nie da. Immer nur für 2 - 3 Tage, wenn ihr mal spielfrei habt. Ansonsten... .... Außerdem brauchst Du dich nicht mit solchen Erinnerungen, mit solch einer Vergangenheit herumzuärgern. Du hast zwar früh deine Eltern verloren, aber du hast deine Geschwister und die Horiuchi’s. Ich hingegen...“, traurig senkte er die Augen, löste Takuto’s Hand von seinem Arm und drehte sich wieder zum Fenster, damit Takuto seine Tränen nicht sah, die ihm in dem Augenblick lautlos über die Wange liefen. „Machst du mir jetzt zum Vorwurf, dass ich dein Schicksal nicht geteilt hab?“ „NEIIIN! Was denkst du von mir!“ Leiser fügte er hinzu, „Du hättest es nicht überlebt, so wie viele andere und dann... dann wäre ich auch gestorben. Was für einen Sinn hätte dann das Leben noch gehabt?“ „Du vergisst da aber etwas. Du bist nicht mehr allein. Du hast Katsumi. Er ist wirklich sehr besorgt um dich. Als ob du sein kleiner Bruder wärst. Oder kannst du etwa nicht mit allen Sorgen und Problemen jederzeit zu ihm gehen? Er ist zu deiner Familie geworden. Aber du... du schließt ihn jetzt einfach aus. Redest nicht mit ihm, ignorierst ihn sogar. Auch Taka kümmert sich um dich. Ständig hast du viele Leute um dich herum, die es gut mit dir meinen. Niemand der dir hier etwas Böses will. Taka hat inzwischen dafür gesorgt, dass du mit deiner Musik Geld verdienen kannst und sie verkaufen sich gut, wie Katsumi mir sagte. Aber sag ehrlich, glaubst du, du kannst so dieser Arbeit nachkommen? Wenn du dich so hängen lässt und du ständig blau bist? Denkst du auch mal an die Fans, welche deine Musik kaufen?“ „Aber ich will keine Fans... keine fremden Leute... nicht Katsumi...“ „Hm? Wieso machst du das denn? Nur um Katsumi und Taka einen Gefallen zu tun? Du hast doch auch gesungen, als wir uns hier das erste Mal trafen und...“ Takuto riss erstaunt die Augen auf. Wie ein Blitzschlag traf ihn die Erkenntnis... er sah plötzlich die Szene im Pavillon. „Und...? Du erinnerst dich ja? ... Ja dieses, und DAS ist es was mir fehlt... DU Izumi. Ich sagte dir schon, die ganzen Jahre war es DEIN Bild vor Augen, was mich am Leben hielt. Nur DU. Nun hab ich dich endlich wiedergefunden nach all der langen Zeit und immer wenn ich dir näher kommen will, kommt irgendwas oder irgendwer dazwischen. Immer wenn ich denke, ich erreiche dich - bist du weiter weg als zuvor. Wie in meinem Traum. So nah - wie in Zeitlupe - doch bei Null löst du dich in Luft auf. Katsumi, das Unwetter und dann diese Kerle. Ich liebe dich! Hast du das vergessen? Ich brauche DICH! Aber du...“ Koji’s Stimme wurde immer leiser. „...du bist nie da. Nie da, wenn ich dich brauche. Du hast immer nur deinen Fußball im Kopf, deine Spiele, dein Team. Und ich? Wo bleib ich da? Hier - allein - bei Katsumi. Du weißt, dass ich das Anwesen vorerst nicht verlassen darf. Hirose’s Männer lauern draußen und versuchen mich umzubringen. Wenn ich rausgehe, dann auf eigene Gefahr.“ „Aber Katsumi...“ „IMMER NUR KATSUMI, KATSUMI, KATSUMI...!“ „KOOO-JI! - Er versucht doch schon alles, damit er die Männer draußen dingfest kriegt.“ „Ja, er versucht... Aber wie soll das klappen, wenn sie ihr Opfer nicht kriegen und keine andere Straftat begehen? Kannst Du MIR das verraten? Sie wegen ‚Beobachten des Anwesens’ einsperren lassen? Das ich nicht lache. Du denkst das ist so einfach... ja? .... Du fährst in zwei Tagen wieder weg und ich bleib wieder alleine hier. Ohne dich und jetzt sag nicht: ABER KATSUMI IST DA. Er ist kein Ersatz für dich, dass solltest du wissen.“ „Ach ja?... Darf ich jetzt auch mal. Du besäufst dich, ziehst durch die Gassen von Kneipe zu Kneipe, reißt ständig irgendwelche Frauen auf und beklagst dich hier, dass du nicht raus kannst. Sag mal... merkst du noch was? Du widersprichst dir selbst. Macht das der Alkohol...?“ „Lass den Sarkasmus. Er steht dir nicht.“ „Und was, wenn die Kerle dir in der Bar oder auf dem Weg dahin, dir auflauern und dich erwischen, dich aus dem Hinterhalt erschießen oder sonst was? Hast du daran mal gedacht oder ist dein Kopf zu benebelt um die Gefahr zu erkennen, Koji?“ „Ja, ich hab dran gedacht.“ „Und?“ „Dann ist es vorbei. Keine Verfolgungsträume mehr, keine Angst vor dem Erwachen und den endlosen Tagen ohne dich, keine grausamen und quälenden Träume in der Nacht in denen ich dir nah bin und du bei Berührung dich auflöst. Nie wieder...“ „KOOO-JIIII!!! HÖR AUF! ICH WILL DAS nicht hören.“ „Nein. Du willst nicht? Ach was... Du profitierst doch auch davon. Schließlich quäle ich dich dann nicht mehr mit Vorwürfen, Eifersüchteleien und du bist F-R-E-I. Frei zu tun, was du willst, um Fußball zu spielen... deine Geschwister zu...“ „KO-JII!!! Es reicht. Ich hab begriffen.“ Takuto schmiss sich ihm an den Hals und umarmte ihn fest. „Was hast du begriffen? Was Izumi?“ „Ich... ich allein trage für all dein Leid jetzt die Schuld. Nur meinetwegen setzt du dein Leben so aufs Spiel, bist absichtlich so nachlässig mit deinem Leben. Nur ich...“ „IZUMI?!“ „Das war es doch, was du sagen wolltest? Stimmt’s? Weil ich nicht hier war die ganze Zeit über, weil ich immer nur an Fußball dachte... weil ich dir nicht das Gleiche entgegen bringe, wie du mir.“ „I-ZU-MI! - Izumi - hör auf - hör auf damit.“ Koji’s Hände die eben noch schlaff an seinem Körper herunterhingen hielten Takuto inzwischen fest im Arm und drückten ihn an sich. „Izumi - ich liebe dich. Ich will ohne dich nicht weiter leben....“ „KOJI? TAKUTO?“ „Oh nein... Katsumi...“, entkam es Koji benahe wütend. „Ja, Katsumi. Ich wohn’ hier. Vergessen?“ „Nein, aber du kommst immer im falschen Augenblick.“ „Tschuldigung, aber wisst ihr wie spät es ist? Es ist Frühstückszeit - gleich 8.00Uhr! Ward ihr gar nicht im Bett?“ „N - E - I - N!!! Verdammt noch mal! Waren WIR nicht! Aber NUN... Gute Nacht.“ Er packte Takuto am Arm und wollte ihn hinter sich her ziehen... Doch dieser war von seiner Reaktion gegenüber Katsumi so geschockt, dass er einfach stehen blieb. Koji drehte sich um. „Izumi?“ „Lass man Koji, ich bin im Moment nicht müde. Leg dich ruhig hin und schlaf den Alkohol raus. Ich frühstücke mit Katsumi und lege mich danach dann ebenfalls hin.“ „Wie du willst, Izumi.“, sagte er, ließ ihn los, aber nicht ohne ihm einen traurigen Blick zuzuwerfen. „Schlaf gut.“ Dann drehte er sich um und griff seinen Mantel, der immer noch über der Lehne lag.
„Koji?“
„Du hast es ihm ganz schön gezeigt, was? Das er wieder spricht... ich
wusste, dass du es schaffst.“
Nach dem gemeinsamen Frühstück hatte sich Takuto wirklich in sein Zimmer zurückgezogen. Vorher hatten sie beide noch einiges wegen Koji abgesprochen und Katsumi machte sich sofort daran, es in die Tat umzusetzen. Um Koji wieder auf andere Gedanken zu bringen, beschloss Katsumi zu Taka zu fahren und mit seiner Hilfe Koji mehr einzuspannen. Sie legten seine Termine so, dass er innerhalb der nächsten Wochen, wenn Takuto wieder bei seinem Training war, - von Montag Mittag bis Freitag Mittag -, kaum Zeit für irgendwelche Dummheiten hatte. Abends sollte er so erschöpft ins Bett fallen, dass ihn keinerlei Träume quälen konnten. Außer vielleicht Albträume wegen seiner vielen Arbeit. Katsumi musste grinsen, als sie ihren Plan fertig hatten. Er würde kaum Zeit zum Atmen finden, dafür würde seine Gesangskarriere aber sprunghaft nach oben führen. Während sie die Pläne ausklügelten und neue Termine für die darauf folgenden Tage arrangierten, unternahm Takuto jeden Tag was anderes mit Koji. Sie durchstreiften die Gegend, sahen sich in Museen und Ausstellungen um, und besuchten auch den Ostgarten und den Park vor dem Kaiserpalast. Der Palast selbst blieb ihnen allerdings versperrt. Aber egal. Wo sie auch hingingen, immer folgten ihnen in gewisser Entfernung fünf von Katsumi angeheuerte Leibwächter, welche die Beiden beschützen sollten, solange Koji in irgendeiner Gefahr wäre, welche zum Beispiel noch immer von seinen Brüdern ausging. Doch irgendwann hatte Koji es satt, immer von fünf Augenpaaren überwacht zu werden, auch wenn sie sich so unsichtbar wie möglich benahmen. Schon allein das Wissen, nirgendwo ungestört mit Izumi sein zu können, außer in Katsumi’s Haus, machte ihn verrückt. Immer öfter versuchte er sie durch irgendwelche >Glanzleistungen< auf den Straßen abzuschütteln, auch wenn Takuto ernsthaft versuchte ihn davon abzuhalten. Aber leider waren diese Burschen hartnäckige Profis, die sich selten mal von Koji reinlegen ließen. Endlich hatte er es geschafft. Sie waren schon eine ganze Weile mit dem Zweisitzer unterwegs, aber keiner von ihnen war wieder aufgetaucht. Er hatte diesen Wagen absichtlich in den letzten Tagen gewählt, da er sonst einen ungebetenen Gast, mit im Wagen sitzen gehabt, hätte. Da es Takuto beim letzten Mal so am Strand gefallen hatten, nutzte er die Möglichkeit und wollte mit ihm nach Hamamatsu, wo er gedachte einem Bekannten einen Besuch abzustatten, der dort in der Nähe - oder besser gesagt, ein Stückchen außerhalb - wohnte. Er hatte ihn und seine Familie bei Katsumi kennen gelernt und war von diesem schon öfter eingeladen worden, hatte aber das Angebot bis jetzt nicht angenommen. Irgendwie schien ihm jetzt der richtige Moment. Auch wenn sie keine Sachen mithatten, hätte er dort mit Izumi sicher ein 2 - 3 Tage bleiben können. Zielstrebig steuerte er auf Hamamatsu zu. Kurz vor der Stadt jedoch bog er ab und folgte der Wegbeschreibung, die ihm sein Freund bereits mehrmals gesagt hatte. Koji freute sich bereits darauf ihn wiederzusehen und anschließend mit Izumi dort ein paar unbeschwerte Stunden - ohne Bewacher - zu verbringen. Doch es sollte alles anders kommen. Als Koji endlich vor dem Haus angekommen war, klang kein lustiges Kindergeschrei daraus hervor. Auch auf klingeln wurde nicht reagiert. Von den Nachbarn erfuhren sie, dass sie vor zwei Tagen verreist waren. ‚Pech’, dachte sich Koji, ‚...aber egal, sehen wir und die Gegend an, wandern vielleicht ein bisschen am Strand entlang, machen uns einen schönen Tag und fahren dann eben wieder nach Hause.’ Takuto wäre am liebsten gleich wieder zurückgefahren, sah aber ein, dass sie sich die Ecke wenigstens mal ansehen könnten, wenn sie schon da sind. Also ließen sie den Wagen dort stehen und machten sich zu Fuß auf Erkundungstour. Zuerst besahen sie sich die nähere Umgebung des Anwesens, dann ging es hinunter an den Strand. Eine ganze Weile liefen so am Strand entlang, bis sie bei einem Bootsverleiher sich ein Boot mieteten. Da es bereits kurz vor der Mittagspause war, sollten sie es anschließend nur am Steg wieder befestigen. Sie fuhren hinaus und konnten so die Landschaft besser genießen. Takuto hatte sich die Ruder geschnappt und ließ sie durchs Wasser gleiten. Nach einer ganzen Weile hielt es Koji einfach nicht mehr auf dem Platz ihm gegenüber aus, er tat so als ob er ihm die Ruder abnehmen wollte, wollte ihm aber erst einmal einen Kuss stehlen. Takuto erschrak über die ruckartige Bewegung, das Boot geriet ins Schwanken und ehe sich Takuto versah, kippte es zur Seite und Takuto landete im Wasser. Koji schaffte es irgendwie sich im Boot zu halten und dafür zu sorgen, dass dieses nicht umkippte. Als Takuto wieder auftauchte, half Koji ihm aus dem Wasser heraus. Wie er jedoch wieder im Boot war, klebte ihm sein Haar am Kopf und das Wasser rann ihm aus der Kleidung. Koji grinste ihn ganz frech an. ‚Er sieht aus wie ein nasser Hund, aber gleichzeitig sehr verlockend.’ Kurz darauf verdrängte er jedoch die lüsternen Gedanken und sah sich besorgt um. Aber außer dem Wasser, und dem Strand war weit und breit nur der Bootssteg zu sehen. Als Takuto so an sich hinunter sah, war es mit seiner Beherrschung vorbei. „Shit, wieso lag ich im Wasser und du nicht?“ Dabei funkelten seine Augen Koji böse an. Doch dieser ging nicht näher darauf ein. Was hätte er auch sagen sollen? Statt dessen ergriff er die Ruder und brachte das Boot so schnell als möglich ans Ufer zurück. Dort sammelte er ein bisschen Holz, entfachte mit seinem Feuerzeug das Feuer, damit sich Takuto daran wärmen konnte, ihm war klar, dass das nicht reichte. Takuto würde sich eine Erkältung zuziehen und das wollte er nicht. Immerhin war es Herbst und die Sonne hatte nicht mehr die Kraft wie im Sommer. Als das Feuer brannte, lief er zum Auto. Fuhr es dichter an den Strand heran, holte die Decke von Rücksitz und brachte sie Takuto. „Zieh dir die nassen Sachen aus, du erkältest dich sonst noch. Hier.“ Mit diesen Worten hielt er ihm die Decke hin. Takuto tat wie ihm geheißen, obwohl ihm nicht sehr wohl bei dem Gedanken war, sich vor Koji’s Augen auszuziehen, denn dieser konnte es einfach nicht lassen und starrte ihn dabei mit großen Augen an. Er wollte seine Shorts anbehalten, doch Koji schüttelte den Kopf: „Alles. Du wirst sonst krank.“ Also streifte er sich diese mit hochrotem Kopf ab, während er Koji sein Hinterteil zeigte. Als Takuto in die Decke gehüllt vor ihm stand, schob er ihn dicht ans Feuer, während er selbst sich um Takuto’s Kleidungsstücke kümmerte. Sie so gut es ging ausdrückte und zum Trocknen auf ein Gerüst stellte, welches er neben dem Feuer aus Ästen errichtete. Dann sah er sich um und beschloss eine Art schrägen Unterstand aus Zweigen und Blättern zu errichten, wie einen Windfang, um die Wärme besser halten zu können. Er holte sich mehrere große Äste, da nicht weit von dem Platz, wo er das Auto geparkt hatte, zwei große Bäume gefällt worden waren. Die lagen noch da, man hatte zwar die großen Ästen bereits vom Stamm getrennt, aber zum Glück sie noch nicht geteilt. Hastig nahm er die Teile heraus die er gebrauchen konnte, holte sich aus dem Kofferraum seines Wagen die Rolle mit dem Band, welches er schon seit längerem drin hatte und kehrte beladen zu Takuto zurück, wo er den Unterstand nahe beim Feuer errichtete, und zwar so, dass der Wind nicht reinblasen konnte, sondern abgehalten wurde. Als er ihn mit kleineren Ästen und Blättern fertig gestellt hatte, setzte sich Takuto dahinter, während Koji den vorbereiteten Korb mit dem Essen holte, welche er vorsichtshalber für die Fahrt eingepackt hatte. Takuto bekam erst mal einen heißen Tee aus der Thermosflasche. Hunger hatten beide nicht. „Hm. Du hast wohl an alles gedacht, was Koji?“, sagte Takuto während er sich am Becher wärmte. „Nein! An alles wohl nicht, sonst wären deine Sachen jetzt nicht klitschnass!“ „Wir können doch weiter nach Hamamatsu fahren, und uns dort ein Hotel suchen.“ „Hm. Ja, können wir.“ Koji musterte Takuto. „Daran hab ich im ersten Moment auch gedacht. Aber willst du da splitternackt in eine Decke eingehüllt und ohne Schuhe reingehen?“ Takuto bekam bei der Vorstellung einen knallroten Kopf. „Nicht unbedingt“, flüsterte er. „Siehst du, dass dacht’ ich mir. Also trocknen wir hier erst einmal deine Sachen etwas. Eben so gut es geht. Kurz vor dem Hotel ziehst du sie im Auto wieder an und im Hotel geben wir sie gleich in die Reinigung. Zwei Stunden später sind sie wie neu. Okay?“ „Ja, wenn du meinst. Könnten wir nicht einfach nach Hause? Du stellst einfach die Heizung im Auto an?“ „Nach Hause? Du willst... zurück?“ „Hm.“ „...“ „Koji?“ „...“ „Du nicht. Nicht wahr?“ „...“ „Koji? Rede mit ...“ „Muss ich darauf antworten? Du kennst die Antwort. Ich hatte gehofft hier 2 - 3 Tage bleiben zu können und da sie nicht da sind, bleiben wir halt im Hotel und unternehmen was von da aus.“ „... Okay, fahren wir ins Hotel. ... Mit Pool?“ „Mit Pool? Wieso? War dir das heute nicht genug Wasser?“ Koji lachte. „Okay, Hotel mit Pool.“ *** Genau wie Koji sagte, taten sie es. Als die Klamotten nur noch so feucht wie nach einem Regenguss waren, löschte er das Feuer, packte ihre Sachen wieder ein und sie fuhren weiter. Nach einem passenden Hotel am Stadtrand brauchten sie nicht lange zu suchen. In einer Abzweigung hielten sie kurz. Büsche verdeckten die Sicht auf die Straße und Takuto wickelte sich aus der Decke und zog mit leicht gerümpfter Nase seine feuchten Sachen wieder an. ‚Unangenehm’, schoss es ihm durch den Kopf. Koji musste laut lachen, als er das Bild im Rückspiegel sah. Takuto sah hoch und als er das immer noch lächelnde Gesicht Koji’ im Spiegel sah, platzte es aus ihm heraus. „Du - Spanner.“ „Den Anblick kann ich mir doch nicht entgehen lassen. Oder würdest du?“ „Ich würde nicht gucken!“ „Ah wirklich? Und wenn ein schönes junges Mädchen auf der Rückbank sitzen würde... auch nicht?“ Wieder schaffte er es Takuto zum Erröten zu bringen, doch dann brauste dieser los: „Auch dann nicht!“ „Glaub ich zwar nicht ganz, aber wenn du meinst.“ Dann lächelte er nur. „Fertig.“ „Kommst du nach vorn?“ „NEIN!“, kam es ziemlich barsch von hinten, während sich Takuto die Decke zusätzlich umlegte. „Oh, da schmollt jemand.“ Noch mal grinste Koji in den Rückspiegel, dann fuhr er los. *** Auf dem Weg zum Hotel hielt er unterwegs kurz an, stieg aus und verschwand um die eine Häuserecke. ‚Was er da wohl wollte?’ Sie waren zwar gerade da langgefahren, aber er hatte nicht darauf geachtet was da wohl zusehen war. Nach etwa 15 Minuten kam er zurück, in der einen Hand trug er eine große Plastiktüte, in der anderen einen Karton. Den Karton reichte er Takuto gleich nach hinten, dann griff er in seine Tüte und holte auch noch ein paar Socken raus. Als Takuto den Karton öffnete sah er darin neue Turnschuhe. Seine waren ja nicht mehr zu gebrauchen gewesen, nach dem Bad. Schnell zog er sich an und lächelte Koji dankbar an. Leise kam ein „Danke, Koji“. Eine Straße weiter war das Hotel. Koji nahm eine Suite für sie und als sie oben waren, übergaben er dem Zimmerservice Takuto’s feuchte Sachen. Als er mit Takuto alleine war, welcher inzwischen in dem weißen Hotelbademantel gehüllt aus dem Fenster sah, holte Koji aus seiner Plastiktüte zwei Badehosen hervor. „Wenn du in den Pool willst, bis deine Sachen wieder da sind, können wir gehen.“ sagte Koji, als er mit den beiden Hosen in der Hand neben ihn trat. Dieser stand erst noch eine Weile da und besah sich die Umgebung, doch dann drehte Takuto sich um, nickte ihm zu, nahm die Hose und zog sie an, ohne den Mantel zu öffnen. Dann ging er zur Tür. Koji hatte sich inzwischen auch umgezogen und den 2. Bademantel übergeworfen. Sie gingen hinaus und Koji schloss die Tür. *** Am Pool angekommen, waren sie zuerst allein. Sie sprangen ins Wasser und tobten sich im Wasser aus, schwammen beide um die Wette von Beckenrand zu Beckenrand und wieder zurück. Takuto war diesmal schneller als Koji. Laut lachend hielt er sich am Beckenrand fest und Koji sah ihm, als er auftauchte, nur tief und bewundernd in die Augen. Er liebte es wenn Takuto so fröhlich war und wollte ihn an sich ziehen und küssen, doch Takuto entwischte ihm und schwamm erneut hinüber. Koji folgte ihm. Wieder ging es hin und her. Inzwischen hatte sich jedoch noch ein Familie eingefunden. Während die etwa 14-15jährige Tochter ebenfalls in den Pool sprang, blieben die Eltern oben sitzen, um sie im Auge zu behalten. Koji tauchte am gegenüberliegenden Beckenrand auf. Sein Puls raste, er atmete schnell. Solch einer Belastung war er schon Ewigkeiten nicht mehr ausgesetzt gewesen. Er jappste nach Luft. Takuto kam heran und sah wie erschöpft er war. Schnell kletterte er heraus und bot Koji die Hand. „Komm ich helf’ dir.“ Koji griff lächelnd danach, doch im nächsten Moment verwandelte es sich in ein Grinsen und er zog Takuto erneut ins Wasser. Dann tauchte er ihm unter Wasser nach und hielt ihn fest. Er klammerte sich an ihn und ihre Lippen fanden einander. Atemlos tauchten sie ein Weilchen später wieder auf. Ein Blick auf die Familie zeigte, dass sie nichts mitbekommen hatten. Sie tollten noch eine ganze Weile im Wasser umher, bis Koji doch zu erschöpft war und sich diesmal von Takuto aus dem Wasser helfen ließ. Die Umgebung und die Menschen auf der anderen Seite des Beckens vergessend, griff er plötzlich nach Takuto’s Taille und grinste ihn lüstern an. Takuto befreite sich von den Armen und hob drohend die Hand. Schnell hielt Koji sie fest und verdreht ihm den Arm. Damit der Schmerz erträglicher wurde, drehte Takuto sich hastig um, da spürte er schon Koji’s Lippen in seinem Nacken und gleich darauf ließ Koji ihn los. Er wirbelte herum, starrte ihn einen Moment lang aufgebracht an und schlug ihm mit aller Kraft ins Gesicht. Vor Wut nicht fähig, etwas zu sagen, wandte er sich brüsk ab und stampfte dem Ausgang zu. Nicht aber, ohne noch vorher einen Blick auf die sie anstarrende Familie zu werfen. ‚Warum muss er immer wieder die Kontrolle verlieren, kann er nicht einmal, wenn wir nicht alleine sind, auch mal an meine Gefühle denken? Er weiß genau, dass mir nicht egal ist, was andere über mich denken. Wieso verhält er sich dann eigentlich so?’ Koji stand noch eine ganze Weile perplex am Beckenrand und starrte ihm nach. ‚Verzeih mir - Ich konnte mich einfach nicht mehr beherrschen. Izumi, ich liebe dich so.’ Dann setze er sich langsam in Bewegung, griff im Vorbeigehen die beiden Bademäntel und den Zimmerschlüssel und eilte ihm dann nach. *** „Wie wolltest du reinkommen, ohne Schlüssel?“ „Ich hätte den Zimmerservice gefragt.“ „Verstehe.“ Koji schloss auf. Takuto sah seine sauberen Sachen die gebügelt auf dem Stuhl lagen, nahm sie mit in sein Zimmer und riegelte die Tür von Innen ab. „Mist. Versaut hab’ ich’s!“, sagte Koji leise. Ging dann ins Bad und richtete sich nach einer Dusche wieder her. Takuto’s Handabdruck war noch immer gut zu erkennen. ‚Einen tollen Schlag hast du drauf, Izumi.’ Koji musste grinsen, aber seine Augen blickten traurig. Eigentlich hatte er sich von dem Ausflug mehr erhofft. *** In dieser Nacht lagen sie beide noch sehr lange wach. Beide ließen den Tag noch mal in Gedanken vorbei ziehen und jeder lauschte heimlich, ob der Andere sein Schlafzimmer wohl verlassen täte. Aber alles blieb ruhig. Den nächsten Tag schlenderten sie durch die Stadt und gegen Nachmittag machten sie sich beide zurück auf den Heimweg.
Einige Tage später hatte Koji es wieder geschafft, seine Bewacher abzuschütteln. Frohgemut lenkte Koji den Wagen durch Tokyo. In zwei Stunden wären sie am Ziel, wenn nichts dazwischen käme. *** „Wir sind wieder am Strand, wo damals das Zelt stand?“, fragte Takuto ungläubig. „Gut erkannt. Ich wollte dir eigentlich damals noch was zeigen, aber das Wetter spielte am zweiten Tag nicht mit. Erinnerst du dich?“ „Ja.“ „Komm.“ Koji griff Izumis Hand und zog ihn hinter sich her. Sie gingen eine Weile vorne am Wasser lang. Die Schuhe trugen sie in der Hand. Die Hosenbeine waren bis zum Knie aufgekrempelt, so dass es sie nicht störte, wenn eine Welle weiter oben auf dem Land erst brach und sie dabei bis an die Waden nass wurden. Anfangs war das Wasser kalt, aber schon bald empfanden sie beide es angenehm. Nach einiger Zeit wurde der Strand durch Steine abgelöst, welche sich bis tief in das Wasser hineinzogen. Doch Takuto empfand selbst diese Klippen als wunderschön. Übermütig kletterte er auf die feuchten Steine, um von dort aus besser aufs Meer hinaussehen zukönnen. Koji hatte inzwischen Takuto’s Schuhe in der Hand, damit dieser besser klettern und das Gleichgewicht dabei halten konnte. Kleine Steinchen und feuchter Sand bröckelte unter seinen Füßen ab und Takuto bemerkte, wie angstvoll Koji ihn beobachtete und ihm jedes Mal beim rauf und runter klettern hilfreich unter die Arme griff, um ihn vor einen möglichen Abrutschen zu bewahren. Auf einmal hörte der Weg vor einem steilen Felsen, der wahrscheinlich bei Flut mitten im Wasser stand, auf. Takuto war bis hierher im Wasser von Stein zu Stein vorwärts gegangen und wollte gerade umdrehen, da hörte er Koji: „Komm Izumi, hier müssen wir weiter.“ Damit deutete er an dem Felsen vorbei. Takuto zögerte einen Herzschlag lang, da er nichts als Steine, Wasser und eben diesen großen Felsen sah. Er sah sich gerade um, wo man am Besten hinunterspringen konnte, ohne nass zu werden, als Koji auch schon die Schuhe fallen ließ und ihm mit ausgestreckten Armen Hilfestellung bot. So warf er sich vertrauensvoll gegen Koji’s Brust. Koji wankte zwar einen kurzen Moment, blieb aber stehen. Er hielt Takuto eine kleine Weile an sich gedrückt, so dass dieser deutlich Koji’s rasenden Herzschlag spürte. Dann trug er ihn hinüber zu den Schuhen und setzte ihn dort auf dem kleinen schmalen Streifen Boden ab. Er ergriff mit der einen Hand die Schuhe mit der anderen Hand Izumi, lächelte ihn an und sagte, „Bleib einfach hinter mir.“ „Wohin gehen wir eigentlich Koji?“ „Zu einer Höhle, die ich hier bei meinem ersten Besuch entdeckt habe.“ „Ähmm...“ Trotz der aufgekrempelten Hosenbeine waren sie bereits triefend nass und der Stoff der Hosen hing schwer herunter, als sie über die niedrigen Felsblöcke weiter gingen, die von schlüpfrigen Seetang überzogen waren, vorbei an großen Wasserlöchern in denen kleine Fische schwammen, die bei Ebbe hier gefangen zurückgeblieben waren und erst durch die nächste Flut wieder befreit wurden. Völlig außer Atem vor Aufregung und Spannung, was Koji ihm wohl zeigen wollte, rauschte Takuto das Blut in den Adern. Plötzlich gähnte ein riesiges Loch vor ihnen, als sie um die Ecke des Felsens herumgeklettert waren. Hier hatten die rastlosen Gezeiten den Felsen im Laufe der Jahre ausgewaschen. Takuto blieb der Mund offen stehen. Er hatte mit einem ganz kleinen Höhleneingang gerechnet, wo man sich vielleicht noch bücken musste, um hineingehen zu können. Koji zog ihn in den Eingang der Höhle. „Ist es auch sicher hier?“, fragte Takuto die Höhle bewundernd, als er sich die zerklüfteten Felsen genauer ansah. „Gewiss doch. Oder meinst du, die Hölle wartete nur darauf, um über unseren Köpfen zusammen zu brechen?“ Koji grinste. „Außerdem, ist bis zum Einsetzen der nächsten Flut noch viel Zeit. Wir können noch stundenlang hier verweilen.“ Dann kletterte Koji zu einem versteckt liegenden Vorsprung, den die Flut nicht erreichen konnte und holte trockenes Brennholz hervor, welches er in einem riesigen Plastiksack, um es auch vor der Luftfeuchtigkeit, hier drin, zuschützen, verstaut hatte. Als Takuto sah, was er machte, suchte er schnell ein paar trockene Steine für die Feuerstelle in der Höhle zusammen und legte sie in einem Kreis vor zwei großen Steinen - die da nebeneinander standen - aus. Sie entfachten das Feuer, damit sie ihre Hosen trocknen konnten, welche sie inzwischen runtergekrempelt und im Wasser noch mal befeuchtet hatten, damit der Stoff glatt liege. Eine Weile saßen sie nur stumm da. Zum Glück, war heute noch mal ein schöner sonniger Tag, auch wenn man von der Wärme in der Höhle nicht viel mitbekam. Koji legte von Zeit zu Zeit ein Reisig oder später auch einen Holzscheit nach, während sich Takuto, von seinem Platz aus, in der Höhle umsah. Seit er wusste wohin sie gingen, fragte er sich, warum Koji auf einmal mit ihm hierher wollte und nun auch, woher er wusste, dass dort Holz lag. Koji, der indes Takuto genau beobachtet hatte, ahnte was in ihm vorging. Er legte wieder einen Holzscheit nach und fing dann zu erzählen an. „Das Holz hatte ich schon zwei Tage vor unserem gemeinsamen Besuch hier versteckt. Eigentlich wollte ich am 2. Tag mit dir hier her. Weißt du, ich liebe das Meer und habe mich erinnert, dass ich als Kind auch schon gerne in so einer Höhle gesessen hab?“ Takuto horchte auf. „Als Kind? Wann denn?“ „Ja, wenn ich was angestellt hatte und ich nicht nach Hause wollte, verkroch ich mich in so einer Höhle. Stundenlang habe ich es darin ausgehalten. Keiner wusste, wo ich war und wenn die Flut nachts wieder zurück gegangen war, habe ich mich still nach Hause geschlichen. Allerdings hat mein Vater immer auf mich im Zimmer gewartet gehabt. Pech. Er wusste sehr bald, wann ich etwa kam, aber niemand wusste, wo ich die Zeit über steckte. Bis... Irgendwann entdeckte Akihito mich da, durch einen dummen Zufall und als ich das nächste Mal in mein Versteck wollte, war die Höhle nicht mehr vorhanden. Statt dessen lagen riesige Steinhaufen da und versperrten den Eingang. Ich nehme an, dass sie die Höhle mit Sprengstoff zum Einsturz gebracht haben. Das war... einige Zeit, bevor ich zu euch kam.“ „Meinst du, er hat daran Schuld?“ „Hmmm, ich weiß nicht. Kann mir aber vorstellen, dass er Hirose davon erzählt hatte. Vielleicht hat er? Vielleicht Vater? Wer sollte sonst ein Interesse daran haben, eine einsame Höhle zu verschließen, außer das man sie dann nicht mehr betreten kann? Sie als Versteck unbrauchbar ist. Vielleicht hatten sie die Nase voll mich dort zu suchen. Die Höhle lag immerhin zwei Stunden Fußmarsch weit weg. Sie hätten ja fahren können, aber... verschließt man sie, braucht man nicht hin, weil ich ja nicht drin sein kann.“ „Tja, dass macht Sinn. Aber meinst du, dass sie damals schon so wütend auf dich waren? Ich dachte immer, nachdem mir Katsumi die Umstände erklärt hat, wie du damals zu uns kamst, dass es vielleicht nur eine Art ... >Notlösung< für sie war, um aus den Schulden rauszukommen, ohne Geld. Denn du wurdest damals ja nicht direkt als Einsatz gesetzt, oder?“ „Ob direkt oder nicht... was macht das heute noch für einen Unterschied? Meine Brüder hassten mich. Sie hassten mich so sehr, dass sie mich loswerden wollten. Reicht das nicht als Erklärung? Mir schon...“ Koji klang sehr verbittert und Takuto bereute inzwischen, dass er in den tiefen Wunden weiter gebohrt hatte. Er hauchte nur ein „Ja schon... entschuldige...“. Dann war er wieder still. Takuto schluckte, ihm war als ob ein Kloß in seinem Hals steckte. Unwillkürlich berührte er mit der Hand Koji’s Wange, der neben ihm saß. „Du hast es wirklich nicht leicht gehabt.“ „Nicht doch!“ Stolz warf Koji seinen Kopf in den Nacken. Takuto begriff blitzartig, dass Koji keinerlei Mitgefühl vertragen konnte, und erschrak zutiefst über die Wirkung seiner eigentlich trostspendenden Worte. Deshalb zog er sich innerlich von dem Thema zurück, starrte nur auf das flackernde Feuer, dass langsam ihre Hosenbeine wieder trocknete. Koji indes sah Takuto aufmerksam an, ergriff die Hand welche ihn eben noch berührte mit beiden Händen und streichelte sie zärtlich. „Zugegeben ich war nicht glücklich dort. Nur die Brüder, die mich seit dem ersten Tag nicht mochten, mich wie einen Eindringling behandelten, keine anderen Kinder und dann das harte Training bei meinem Vater...“ Eine kleine Pause entstand. „Das einzige Gute damals war, dass er mich zum Klavierunterricht zwang. So lernte ich schon sehr früh Noten, was ich sehr gut für meine Musik jetzt gebrauchen kann... Denn was sollte ich jetzt sonst tun? Die einzige Zeit über die ich je eine Schule besucht habe, war die Zeit bei euch.“ Er lächelte Takuto an. „Früher habe ich es gehasst Klavier zu spielen, bin öfter mal fortgelaufen, wenn der Lehrer kam. Ich war heil froh, als deine Eltern es mir dann über ließen, ob ich spielen wollte oder nicht. Ganz ohne Zwang macht es mehr Spaß seine Gefühle so auszudrücken. Heute bin ich froh, dass ich wenigstens das kann, um Katsumi nicht den Rest meines Lebens auf der Tasche zu liegen...“ „Das du deswegen mit dem Singen angefangen hast, wusste ich nicht.“ Koji presste seine Lippen plötzlich zusammen, seine Augen blitzten gefährlich dunkel und stürmisch auf, als er daran dachte, wie glücklich er hätte sein können, wenn er weiter mit Takuto hätte in die Schule gehen können. Etwas verbittert fügte er dann hinzu, „...was blieb mir denn schon anderes übrig, als zu singen. Ich kann doch sonst nichts. Katsumi hat jetzt sogar einen Lehrer engagiert, der mir dreimal in der Woche Abends ein bisschen Nachhilfe gibt, damit ich die versäumten Schuljahre wenigstens etwas wieder ausgleichen kann... ... ... Aber ich finde, es war eine gute Idee mit der Musik Geld zuverdienen. Zumindest solange mich die Leute hören wollen. Danach kann ich ja versuchen weiter zu komponieren. Meinst du nicht?“ Takuto sah ihn an. Seine Augen funkelten beim Licht des flackernden Feuers und Koji wäre am liebsten für immer in diese Augen versunken. „Ja, doch. Du singst so gefühlvoll, so wunderbar, dass man dir einfach zu hören muss. Jeden ziehst du damit in deinen Bann. Du hast bestimmt schon eine riesige Fangemeinde...“ Takuto lächelte ihn an und leise, fast flüsternd, fügte er hinzu, „...ich mag deine Musik auch ... wirklich...“ Leise summte er eine Melodie vor sich hin. Ein Leuchten blies die Unmut in Koji’s Augen weg. Das war das schönste Kompliment, welches er sich wünschen konnte. Er strahlte Takuto an, so dass dieser verschämt auf den Boden sah. Eigentlich wollte er Koji nur über seine Bitterkeit hinwegtrösten, welche die Erinnerung heraufgeschworen hatte, doch tief in sich fühlte er, dass es wirklich so war. Er fing an Koji zu mögen. Er liebte bereits seine Musik, seine Stimme; seine Mimik und Gestik, wenn er sang oder komponierte. Koji streckte die Hand aus und zwang so Takuto ihm sein Gesicht zu zuwenden. Seine sanfte Berührung ließ Takuto’s Wangen erglühen. Wie unter einem magischen Bann konnte Takuto jedoch seine Augen nicht abwenden von den uferlos tiefen Augen, denen er plötzlich so nah war. Auch Koji fühlte ähnliches. Er versank immer mehr in den Augen dessen, den er so sehr liebte. Nur ein Wort schrie noch in seinen Gedanken: >IZUMI<. Dann beugte er sich zu ihm vor. Takuto öffnete den Mund, um instinktiv ein Wort der Abwehr hervorzustoßen, doch er kam nicht mehr dazu, da Koji’s Lippen seine bereits leidenschaftlich verschlossen. Takuto konnte auf einmal nichts mehr denken und so überließ er sich ganz der sinnlichen Berührung dieses festen, warmen Mundes. „Izumi“, flüsterte Koji leise, seine Augen sahen ihn schmachtend an. Langsam stand er auf und zog ihn mit sich in die Höhe, um ihn besser an sich drücken zu können. Seine Arme hielten ihn ganz fest und Takuto konnte nicht anders als seinen Kopf an Koji’s Schulter zu legen und seine Hände in Koji’s Haare zu vergraben. Wieder küsste Koji ihn, erst sacht dann etwas verspielt. Takuto versagten langsam die Knie, er klammerte sich immer fester an Koji und presste sich fest an ihn. Zu irgendwelchen Gedanken war er nicht mehr fähig, nur noch diese übermächtigen Gefühle fanden Platz in seinem Körper. Koji zog ihn noch näher an sich heran und spürte erfreut, dass sein Izumi diesmal keine Anstalten machte sich zu wehren, sondern seinem immer drängender werdenden Verlangen nachzugeben. Seine Begierde ließ den Druck seiner Arme ungestümer werden, seine Lippen fordernder. Wieder drohte dieses etwas ihn zu überwältigen... etwas das bereits vor Jahren begonnen hatte und gegen das er seither angekämpft hatte. ‚Angekämpft ja, aber gegen das ich auch schon öfter verloren habe. Erstmals verloren, als ich Izumi nach all den Jahren, bei Katsumi wieder traf und dass mir beinahe alles zerstört hätte.’ Takuto spürte die Veränderung, ließ sich aber von der Erregung seines Körpers diesmal mitreißen, fühlte den schnelleren Schlag seines Herzens, die Begierde. ‚Begierde?’ Irgendwo in seinem Innersten warnte ihn eine Stimme vor der unmittelbar drohenden Gefahr. Doch plötzlich stieß Koji ihn leicht zurück. Seine Hände sackten nach unten und mit einem Ruck drehte er sich um, sah in Richtung Höhleneingang. Takuto verstand nicht, was in ihn gefahren war. So verhielt er sich doch sonst nicht. Seine Beine die ihm den Dienst verweigerten sackten zusammen und er ließ sich wieder auf dem Stein nieder. ‚Sonst lässt er mich doch erst gehen, wenn ich ihm unmissverständlich gezeigt hatte, dass er aufhören sollte. Wenn ich merkte, dass er zu weit gehen wollte... Hatte ich meine Hände denn schon auf Koji’s Brust gelegt um ihn zu bremsen, indem ich ihn wegstieß?... Nein. ???’ Diesmal konnte er es nicht. Ihm hatten einfach die Kräfte dazu gefehlt. Und er wollte es auch nicht. „Was ist...?“, fragte Takuto. „Lass uns einfach gehen...“ Er drehte sich nicht um, starrte weiter gerade aus, auf das Wasser, um seine Gefühle zu ordnen. „Koji?“ Langsam drehte sich der Angesprochene um. „Wir müssen...“ „Koji, ich versteh nicht.“ ‚Er sagt doch ständig, dass er mich liebt, warum l...’ „Komm, wir fahren zurück.“ „Ich will wissen, was eben los war?“ Takuto war aufgesprungen, blieb aber stur stehen. Das Wasser begann langsam in die Höhle zu fließen. Die Füße berührten schon das feuchte Nass. Aber das war trotzdem kein Grund um so überhastet aufzubrechen. Bis die Flut ein Verlassen unmöglich gemacht hatte, wäre noch einige Zeit verstrichen. „Was meinst du?“ Koji glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Warum hast du eben so plötzlich aufgehört.“ „Dich zu küssen?“ „...hmm...“ Takuto errötete, aber Koji sah es nicht, da er ihm immer noch den Rücken zu wandte. „...“ „Koji - ich warte...“ „Ich bin nicht besser als ER.“ „Als er? Was meinst du?“ „Immer wieder versuche ich dir meine Gefühle aufzuzwingen. Dich zu etwas zu bringen, was du eigentlich nicht willst. Dabei müsste ich doch allzu gut wissen, wie es ist... Aber ich verdränge es immer. Ich liebe dich so sehr, dass ich es nicht sehen will. Das ich mich vergesse, wenn du in meiner Nähe bist. Ich habe nie erfahren, was es heißt, richtig zu lieben. Weiß es einfach nicht. Aber eben...“ Koji schwieg. Takuto ging durch das ansteigende Wasser auf ihn zu. „Was war eben?“ „Ich glaubte - für einen Augenblick - SEIN dreckiges Grinsen zu sehen, wie er über mich herfiel. Damals, als ich noch...!“ Wieder schwieg er. Takuto umfasste ihn von hinten mit beiden Armen und lehnte sich an Koji, drückte seine linke Wange fest an Koji’s Rücken. „Izumi?“ „Denk nicht mehr daran, Koji. Es ist schon lange vorbei. Niemand tut dir mehr was.“ Ihm fehlten einfach die Worte des Trostes, des Zuspruchs. Konnte man in so einer Situation überhaupt die richtigen Worte finden? ‚Nein. Konnte man nicht. Wie auch? Das hätte vielleicht nur jemand gekonnt der Ähnliches erleben musste.’ Takuto fühlte sich hilflos. Er wollte ihm helfen, konnte aber nicht. Plötzlich horchte er auf, als Koji wieder zu sprechen begann. „Es wird... nie... vorbei sein“, kam ganz leise von ihm. „Ich werde die Bilder nie los, werde sie immer vor mir sehen. Höre oder sehe ich Ähnliches im Fernsehen, in der Zeitung oder im Kino, begegnen mir Leute aus der damaligen Zeit... ist es wieder da. Selbst nachts... wach ich auf - gebadet im kalten Schweiß - und mit stark erhöhtem Puls. Mein Herz droht zu zerspringen und ich will die Bilder vergessen. Sie ausmerzen... Aber... ich kann es nicht.“ „Deswegen der ganze Alkohol, wenn ich nicht da war?“ „Ja... einen Augenblick alles vergessen können. Keine Erinnerungen daran haben zu müssen. Nicht noch einmal Nacht für Nacht alles miterleben. Die Träume sind schmerzhaft. Ich habe das Gefühl... es wieder... und wieder... und wieder zu erleben. Und ich will es nicht. Aber ich glaube, dass sagte ich dir schon.“ „Kann ich dir dabei nicht irgendwie helfen?“ „Helfen? Nein. Ich glaube nicht. Damit muss ich alleine fertig werden. Oder kannst du in mein Gehirn einsteigen und diese Erinnerungen herausreißen? Kannst du das Rad der Zeit zurück drehen und alles ab dem Tod deiner Eltern ungeschehen machen? Wenn du das könntest Izumi, dann könntest du mir helfen. Aber sag..., welcher Mensch vermag das schon?... ... ... Das Einzige...“ Erwartungsvoll schaute Takuto auf, löste seine Hände vor Koji’s Bauch und ging um ihn herum, stellte sich vor ihn, um ihn besser sehen zu können. „Das Einzige?“ „...hmm... Sei einfach da... Verlass mich nicht... Am Besten wäre, du brauchtest nie wieder weg... aber das ist wieder so ein unmöglicher Traum, der nie in Erfüllung geht. Dafür liebst du deinen Sport viel zu sehr...“ ‚...um ihn für mich aufzugeben.’, fügte Koji still in Gedanken hinzu. Aber er wagte es nicht, es offen auszusprechen. Er wusste wie sehr sein Izumi das Fußballspielen liebte und das es, wenn sie beide gemeinsam spielten, für Izumi keine echte Herausforderung war, nur gegen ihn zu spielen, niemanden zu haben, dem er den Ball abspielen musste. Eine Zeit lang sahen sich beide tief in die Augen, dann brach Koji den Blickkontakt ab und deutete auf das Wasser, welches ihnen inzwischen schon bis an die Waden ging. „Wir müssen hier raus. Lass uns gehen.“ Takuto nickte leicht. Koji ging inzwischen die Sachen holen. Die Hosen waren getrocknet. Er legte sie zusammen und steckte sie in die Plastiktüte, in welcher auch schon ihre Socken lagen. Dann nahm er ihre Schuhe und ging in Richtung Ausgang. Das Feuer war bereits erloschen und die Feuerstelle würde dort auf dem Podest in einiger Zeit überspült werden. Takuto sah sich noch einmal in der Höhle mit einem Rundblick um und folgte dann Koji, der schon dem Ausgang zustrebte. *** Kurz bevor sie den Strand verließen, nachdem sie sich wieder vollständig bekleidet hatten, um in das Auto zu steigen, zog Koji Izumi noch einmal dicht an sich heran. Takuto schloss die Augen und öffnete seine Lippen um Koji zuzeigen, dass er nichts dagegen hätte. Sie versanken beide in einen langen Kuss, der leider aber nicht unbemerkt geblieben war. Auf der anderen Straßenseite, war gerade ein Wagen vorbei gekommen, dessen Fahrer mit Erstaunen, das Pärchen auf dem Strandweg, wenige Schritte vor einem ihm bekannten Wagen sah. Um sich zu vergewissern, ob sie es wirklich waren, fuhr er seinen Wagen an den Straßenrand und wartete dort, bis sie sich von einander lösten, einstiegen und davonfuhren. Dann setzte er mit einem Grinsen die Fahrt fort. ‚Wer hätte das gedacht, Takuto Izumi...’ Die Autofahrt verlief ziemlich stumm. Takuto hoffte, Koji würde noch mehr von seinen Gefühlen ihm gegenüber preisgeben, wollte deswegen kein Gespräch beginnen, um ihn eventuell zu unterbrechen. Außerdem konnte er sich nicht vorstellen, dass Koji jetzt an irgendwelchen Fachsimpeleien über Fußball interessiert wäre. Und Koji selbst war jetzt nicht zum Reden zumute. Er versuchte sich auf den Verkehr zu konzentrieren, während wieder Bilder auf ihn einstürmten, welche dieses Gespräch hervorgerufen hatte. So gerne würde er Izumi davon erzählen, sich alles zur Erleichterung von der Seele reden, damit er ihn besser verstehen konnte. ABER... er fand nicht die richtigen Worte. Er wollte seinen Izumi nicht verängstigen. Ihn an dem Grauen nicht teilnehmen lassen, um ihn selbst so davor zu schützen. Es reicht, wenn er selbst Nacht für Nacht das Grauen erlebte. Izumi sollte gar keine Vorstellungen davon haben, was er in den Jahren erlebt hatte. Er wünschte sich so sehr, dass er nie wieder einem dieser Menschen über den Weg laufen musste. Aber war das überhaupt möglich? In den Kreisen, in denen er sich jetzt aufhielt, würde er ihnen wohl weniger begegnen... Aber sollte das Schicksal es bestimmt haben, dass er einem von ihnen über den Weg läuft, würde selbst eine einsame Insel ihn nicht davor bewahren können, dass diese Person durch ein Unglück auf der Insel landet. Also musste er auf der „Insel“ - auf der er jetzt lebte, auf Katsumi’s Anwesen - ausharren, welches jetzt noch stärker bewacht wurde.
TEIL 15Takuto schlenderte durch das Haus. Ihm war langweilig. Kôji war unverhofft bis zum frühen Abend nicht zu Hause, sondern hatte irgendwelche Termine. Katsumi hingegen war heute bei Freunden zu Besuch, wie er selber gesagt hatte. Takuto besah sich die Zimmer, die er noch nicht kannte und entdeckte eines, was wohl aussah wie ein gemütliches „Kaminzimmer“, aber mit einer riesigen Bücherwand auf einer Seite. Davor stand ein großer schwarz glänzender Flügel und in einer Ecke daneben befand sich eben der erwähnte Kamin. Wie er sich umdrehte sah er auch hinter sich, rund um die Türe herum, lauter kostbaren Bücher - bis unter die Decke. Keine einzige Paperbackausgabe spukte dazwischen herum, wie er feststellte. Auf der anderen Seite befanden sich mehrere Sitzmöglichkeiten aus dunkelbraunem Leder. Wahrscheinlich um den Zuhörern kleinerer Gesellschaften Platz zu bieten. Der Raum selbst war dunkelbraun getäfelt. Neben dem Kamin war bereits alles für ein Feuerchen bereit gelegt und so entzündete er ihn. Als das Feuer lustig im Kamin flackerte und sich in dem bereits etwas kühlen Raum eine wohlige Wärme ausbreitete, war es draußen bereits schummrig geworden. Die Ecke beim Kamin wurde nur durch Kerzenlicht erleuchtet, welche Takuto ebenfalls anzündete. Er hätte sich zwar die Stehlampe ranholen können, empfand es aber so viel gemütlicher. Er nahm sich eins der alten Bücher, zog den Sessel noch ein Stückchen dichter an die an der Kaminwand befindlichen Kerzenhalter heran, wickelte sich in die auf dem Sessel liegende Decke und las. Die Zeit verging, inzwischen war es draußen Dunkel. Kôji kam nach Hause und sah schon vor dem Haus, dass sich jemand in dem kleinen Eckzimmer im Erdgeschoss aufhalten musste. Da auf sein Rufen - als er das Haus betrat - niemand antwortete, ging er, nachdem er sich Mantel und Schuhe ausgezogen hatte, in das vorgenante Zimmer.
Auf den ersten Blick schien der Raum leer zu sein. Doch halt, der riesige Sessel war verschoben und ihm war so, als hätte sich darin was bewegt. Er ging näher heran und schaute über die Lehne. In eine Decke gekuschelt war Takuto - über das Buch, welches er gerade las - eingeschlafen. Friedlich schlafend hatte er sich in die rechte Sesselecke gekuschelt. Das Buch war ihm vom Schoss gerutscht und lag unten zusammengeklappt auf dem Boden. Wie er Takuto da so liegen sah, trat ein Leuchten in seine Augen und ein sanftes Lächeln legte sich auf seinen Mund. Vorsichtig ging er um den Sessel herum, bückte sich, nahm das Buch weg und legte es auf den kleinen Lesetisch, der neben dem Sessel stand. Dann deckte er ihn mit der Decke, die etwas nach unten verrutscht war, zu und legte noch zwei Scheite Holz ins Feuer. Ein Blick auf die Kerzen zeigte ihm, dass sein Izumi scheinbar schon eine ganze Weile hier gewesen sein musste. Am Liebsten hatte er sich zu ihm in den Sessel gesetzt und ihn gehalten. Platz war genug, obwohl Izumi mit angezogenen Beinen im Sessel hockte. Aber er wollte ihn nicht wecken. Also entschloss Kôji sich, in dem zweiten Sessel, der etwas Abseits neben dem Klavier stand, nieder zu lassen Von dort aus konnte er Izumi gut sehen. Schon oft hatte darin gesessen und hatte still darin gearbeitet, wenn Izumi nicht da war. Gerne hätte er ihn näher an den Kamin geschoben, aber da er sehr schwer war, würde es nicht so leise von sich gehen, wenn er ihn schob. Also ließ er ihn erst einmal stehen. Kôji atmete erleichtert auf, als er sich setzte und daran dachte, dass Katsumi sie heute nicht würde stören können. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Tief atmete er ein und ließ die Luft langsam wieder heraus. Der Tag heute war anstrengend gewesen. In fünfzehn Tagen würde er ein großes Konzert geben. Eigentlich wollte er ja nicht, aber Katsumi und Taka hatten ihn bekniet und ihm versprochen, dass Izumi dann noch da sein werde. Während er Izumi beim Schlafen beobachtete, ließ er in Gedanken noch mal die Proben und die vorgesehenen Songs vorbeiziehen. Irgendwie fehlte ihm was. Keines der Lieder die er vortragen würde, konnte es mit Izumi’s schlafender Schönheit auf sich nehmen. ‚Wie ein wunderschöner, schlafender, süßer Engel’, schoss es ihn durch den Kopf. Kaum dachte er das, als sich auch schon eine himmlische Melodie in seinem Kopf erhob und sich vor seinem inneren Auge die Worte aneinander reihten. Schnell griff er zu Notenpapier und Stift, welches schon seit langer Zeit immer griffbereit in diesem Raum lag und der Stift flog nur so über das Papier. Zwischendurch warf er immer wieder einen Blick auf den schlafenden Izumi. ‚Sein Tag muss anstrengend gewesen sein, wenn er jetzt bereits so tief und fest schläft.’ Kôji lächelte wieder. ‚Ach, Izumi.’ Ein tiefer Seufzer entkam seiner Kehle und wieder fielen ihm einige Takte ein, welche er sogleich zu Papier brachte. Danach warf er erneut einen Blick auf den immer noch schlafenden Jungen. Es juckte ihn in den Fingern zum Klavier zu gehen und das eben zu Papier gebrachte zu spielen, aber er zwang sich selbst zur Ruhe.
Fast zwei Stunden waren inzwischen vergangen, seit Kôji den Raum betreten hatte. Kôji blickte eine Weile schweigend auf Takuto’s „schlafendes“ Gesicht. Er hatte sehr wohl bemerkt, dass dieser schon seit ein paar Minuten wach war und die Augen nur geschlossen hielt, um hin und wieder Kôji verstohlen, durch die Augenlieder hindurch, beobachten zu können, wie er so da saß und schrieb. Langsam stand er auf, ging auf den Kamin zu und beugte sich nieder. Das Feuer war inzwischen fast ausgegangen, nur noch Asche glomm zaghaft darin. Er legte einige dürre Ästchen nach, schürte die erwachende Glut, dass sie aufloderte, und speiste sie dann mit kleineren Holzscheiten. Er ließ sich Zeit, bewegte sich absichtlich langsam, denn er spürte genau, wie Takuto’s Blick ihm dabei folgte. Er richtete sich erst gemächlich wieder auf, als das Feuer zu flackern begann und wieder knisternd brannte. Wie er sich umdrehte, hatte Takuto die Augen wieder zu. Doch Takuto’s Herzschlag hatte sich inzwischen etwas erhöht. Ihm fiel es immer schwerer so ruhig in seinem Sessel zu hocken. Kôji feixte innerlich. ‚Du kannst mir nichts mehr vormachen, Izumi...’ Er ging wieder hinüber zu seinem Stuhl und überlegte gerade, wie lange Izumi dieses Spielchen wohl noch mit ihm treiben wollte. Er würde mitspielen, egal wie lange es dauern würde, er hatte Zeit und Izumi könne ja nicht ewig so in dem Sessel kauern. Irgendwann müssten ihm eigentlich die Beine wehtun. Kôji setzte sich hin und nahm wieder seine bisherige Beschäftigung auf. Aber lange musste er nicht mehr warten. Denn plötzlich wurde Izumi unruhig in seinem Sessel. Schnell legte Kôji alles was er bis eben getan hatte auf dem Klavier ab und eilte zu ihm. Er hockte sich vor ihn auf den Boden und wollte gerade wieder die nach unten gerutschte Decke liebevoll über Izumi ausbreiten, als Izumi mit einem tiefen Stossseufzer, der nach „Kô-ji?“ klang, ‚langsam zu sich kam’. Kôji konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Takuto schielte durch einen Augenspalt und sah Kôji, wie dieser inzwischen mit einem besorgten liebevollen Blick, die Decke zärtlich um ihn hüllte und wieder feststeckte. Er spürte seine Hände, welche ihn wie zufällig streiften, ihm wurde an der Stelle heiß und dann öffnete er langsam die Augen. „Kôji? Du bist schon da?“ „Schon? Schon seit über zwei Stunden, Izumi. Du hast so schön geschlafen.“ „Geschlafen? Oh! So lange?“ Er streifte die Decke die Kôji bis zu seinem Hals hochgezogen hatte, herunter um die Arme freizulegen und umarmte den erstaunten Kôji. „Izumi? Was ist?“ „Nichts. Ich freue mich nur, dich zu sehen. Oder darf ich nicht?“ „Aber doch.“ Doch dann war es mit Kôji’s Selbstbeherrschung vorbei. „I-zumi. - Ich habe dich den ganzen Tag so vermisst und du kommst wirklich, zum Konzert?“ Seine Arme legten sich um den im Sessel kauernden und drückten ihn fest an sich. „Ja! Hat Katsumi dir doch schon gesagt, und ich doch mindestens auch dreimal. Oder?“ „Hmhm. Aber ich wollte es noch mal von dir hören. Nicht das du es, dir den Tag über, anders überlegt hast.“ „Okay. Ja - ich komme zum Konzert und bleibe danach auch noch ein paar Tage. Hab etwas Urlaub genommen. Warte mal...“ Er ließ Kôji los und streckte sich zum Tischchen, was nicht ganz einfach war, da dieser ihn erst nicht loslassen wollte. Er wühlte kurz unter den darauf liegenden Büchern, welche er dort abgelegt hatte und plötzlich strahlten seine Augen. Kôji hatte den Kopf leicht zur Seite gelegt und sah ihn fragend an. Triumphierend hob Takuto einen blau beschrifteten Umschlag hoch. Dann machte er ihn auf und holte zwei Karten heraus, mit denen er Kôji unter der Nase herum wedelte. „Hier sitze ich.“ „Zeig her!“, sagte Kôji und wollte danach greifen, doch Izumi war schneller. Er sprang auf und stellte sich auf den Sessel und hob die Karten in die Luft. Kôji sprang jetzt ebenfalls auf und wollte erneut nach den Karten greifen, doch die waren zu hoch für ihn. Auch wie er sich auf die Zehenspitzen stellte, klappte es nicht. Izumi lachte fröhlich, aus vollem Hals. Also umarmte Kôji ihn und wollte ihn gerade herunterheben, als Takuto sich mit einem Mal von ihm frei machte und vom Sessel sprang. Die Karten hochhaltend lief er durch den Raum. Kôji ihm nach. Es ging rund um den Tisch, über die Stühle und Sessel, aber Takuto war schneller als Kôji. Bis er einen Fehler machte und zu seinem Sessel zurücklief, statt zur Tür hinaus. Aber war es Fehler? Nein. Es war Absicht. Takuto wollte schließlich das Kôji wusste, wo er saß. Also sprang er erneut auf den Sessel am Kamin und ließ sich diesmal von Kôji überwältigen. Kôji packte ihn schon ganz außer Atem und umarmte ihn fest, zog ihn vom Sessel auf die Sitzfläche und versank auf seinen Lippen. Seine Hand griff derweil in die Richtung der Karten und entwendete sie Takuto, als dieser kraftlos seine Arme fallen ließ. Kôji wusste inzwischen sehr genau, wie er seinen Izumi schwach machen konnte. „Ich hab sie! Ätsch“ Fröhlich sprang Kôji auf, trat schnell zwei drei Schritte zurück und während Takuto lächelnd in die hohe Lehne vom Sessel fiel und auf Kôji schaute, besah dieser sich die Karten. „Waaas? Woher hast du die?“ „Beziehungen“, grinste Takuto. „Beziehungen sind das halbe Leben.“ „Katsumi?“ „Taka“ „Nein.“ „Doch!“ „Aber das sind doch Karten für die Loge genau der Bühne gegenüber. Da kommt man doch nicht so ohne weiteres rein. Die Loge ist nur für die höchsten Ehrengäste und...“ „Bin ich denn kein Ehrengast?“ Takuto grinste ihn schelmisch an. „Nein. Du bist MEIN Izumi.“ „Okay, trotzdem hab ich die Karten und die komplette Loge. Serika kommt auch mit, sie hat ihre Karte schon.“ „Und warum dann noch zwei? Für wen...“ „Na denkst du, Katsumi lässt sich das entgehen? Er kommt natürlich auch.“ „Puuuh ... ich dacht schon für Minako.“ „Minako? Wie kommst du auf sie? Willst du denn, das sie mitkommt?“ „Nein, nein, nein… bloß nicht. Katsumi ist in Ordnung.“ „Wie kommst du jetzt auf Minako?“ „Na ich dachte..., weil ihr..., na ja... ihr seit doch immer noch verlobt miteinander... sagte Katsumi.“ „Ja und?“ „...“ Kôji wurde plötzlich ganz heiß, er hatte Takuto, den Brief, den sie ihm geschrieben hatte, unterschlagen. Ihn stattdessen gelesen und wusste, dass die ganze Familie wieder zurück war. Außerdem hatte sie etwas anderes erwähnt, was auf keinen Fall passieren durfte. Nicht umsonst hatte er Takuto die letzten Tage tagsüber immer vom Haus ferngehalten, damit ihn kein ungebetener Gast oder noch schlimmer Anrufe erreichen konnten. Ihm stieg die Farbe ins Gesicht und er drehte sich schnell weg, bevor sein Izumi dahinter käme. „Kôji, was ist?“ „Liebst du sie?“ „Minako?“ „Gibt es noch eine? Du weißt doch das ich sie meine, also warum fragst du.“ „Ich weiß nicht. Minako und ich sind eigentlich nur gute Freunde. Unsere Eltern wollen, dass wir heiraten. Ich lernte sie kennen, als ich bei den Horiuchi’s lebte. Die beiden Familien sind schon lange miteinander befreundet. Du warst damals so plötzlich weg, und als dann die Sasaki’s zu Besuch waren und Minako sah wie traurig ich war, hat sie mich aufgeheitert. Sie konnte es sehr gut. Machte oft Späße, kann aber auch tierisch ernst sein. Eben ein prima Kumpel für alle Lebensbereiche.“ Trotz der kühlen Zurückhaltung die Takuto Kôji nach außen hin immer entgegengebracht hatte, spürte er innerlich sehr wohl, dass er von Kôji’s Nähe nicht so ganz unberührt blieb, wie er diesem immer versuchte weiszumachen. Ebenso wie sein Körper auf jeden Blick, auf jede Berührung jetzt von ihm ansprach. Sein Körper erzitterte leicht, trotz der Decke in die er eingehüllt war und als Kôji sich umdrehte und langsam auf Takuto’s Sessel zuging, konnte er die Zärtlichkeit die ihm dieser entgegen bringen wollte, bereits an seinen schmachtenden Augen, in welchen zugleich leidenschaftliche Glut lag, ablesen. Takuto zog die Decke höher und kuschelte sich tiefer in die Ecke des Sessels, so als ob er ihm Platz machen wollte, um sich neben ihn zu setzen. Doch Kôji ließ sich neben Takuto’s Sessel auf den Boden nieder und ergriff seine Hand. Der flackernde Schein des Kaminfeuers warf einen unruhigen Schatten in den Raum, doch zugleich auch Lichtreflexe in Takuto’s Gesicht und auf sein Haar. Kôji fiel es immer schwerer sich zu beherrschen und so streckte er die Hand aus und strich ihm über die Wange. Schon diese einfache Berührung von Kôji’s Hand war beinahe zu viel für Takuto. Es drängte ihn, sich ihm in die Arme zu werfen und es fiel ihm sichtlich schwer, die leidenschaftliche Erregung nicht deutlich zu zeigen, die Kôji’s Nähe inzwischen in ihm auslöste. ‚Ich darf es ihm nicht allzu leicht machen!’ Fragend sah Takuto ihn an. „Selbst wenn du schläfst, siehst du aus wie ein süßer kleiner Engel.“, sagte Kôji und drehte sich so, dass er sich an ihn lehnen konnte und schloss die Augen. „Um nichts auf der Welt möchte ich dich wieder verlieren, Izumi.“ Takuto strich ihm durch sein Haar; doch plötzlich konnte er nicht anders. Ihn übermannte es einfach und er umschlang Kôji mit beiden Armen. Eine ganze Weile saßen sie so da. Kôji traute sich nicht, sich zu bewegen. Es war einfach zu schön von ihm in den Arm genommen zu werden, seinen Kopf an Kôji’s Schulter ruhen zu fühlen. Er wollte diesen Augenblick nicht zerstören. Doch langsam wurde es unbequem. Seine Muskeln machten sich schmerzhaft bemerkbar und so sah er sich gezwungen aufzustehen. Lächelnd erhob er sich. Takuto’s Gesichtsausdruck ließ aber das Bedauern erkennen. Kôji reckte sich kurz, dann löschte er die Kerzen im Raum, warf einen Blick auf den Kamin, stellte das Kamingitter davor, damit keine Glut herausfallen konnte. Das Feuer würde bald wieder erlöschen. Takuto musterte ihn argwöhnisch, bei seinem Tun.
TEIL 16Doch als alles im Raum zu Kôji’s Zufriedenheit war, ging er auf Izumi’s Sessel zu, hob die Hand und legte sie Takuto sanft um den Nacken. Als er ihn dann behutsam aufhob, schlang Takuto ihm vertrauensvoll die Arme um den Hals. Liebevoll lächelte Kôji ihn an und doch sah Takuto dahinter das Verlangen, bemerkte das Feuer, das in Kôji’s Augen flackerte, mühsam verhalten, doch unmissverständlich. Takuto begriff jäh, was Kôji vorhatte. Kôji zog Takuto fest an sich. Er wehrte sich nicht, war wie gelähmt, als besäße er keinen eigenen Willen mehr. Die Wirklichkeit hörte auf zu existieren, sie war einfach nicht mehr da, als Takuto von Kôji behutsam in Kôji’s Armen in sein eigenes Zimmer getragen wurde. Dort legte er ihn sanft ab, um gleich darauf mit langen Schritten zur Tür zurückzukehren und sie vor unerwünschten Besuchern von innen zu verschließen. Er zog noch die kostbaren Vorhänge zu, nachdem er die kleine Lampe im Zimmer eingeschaltet hatte und streckte sich dann neben Takuto aus, welcher es sich in der Zwischenzeit in der Mitte des Bettes bequem gemacht hatte. Er zog seinen Izumi dichter an sich heran. Stumm starrten sie sich an. Kôji spürte Takuto’s Blick, fühlte, wie eine unbeschreibliche Hitze durch seine Adern flutete, wie das Blut sich in glühende Lava zu verwandeln schien und sein herz in lodernden Flammen zu versetzen drohte. Deutlich spürte Takuto, wie erregt Kôji schon war und bereitwillig lehnte er sich an seine Schulter. Er schien fast so, als lägen sie zum aller ersten Mal in den Armen des Anderen. Kôji’s Hand legte sich auf Izumi’s Wange und streichelte sie. Die Berührung dieser Hand, sanft und behutsam, war beruhigend und erregend zugleich. Takuto drückte seine Wange fester gegen die Handfläche. Und als Kôji sich zu ihm hinunter beugte, um ihn noch fester an sich drücken zu können, konnte Takuto auch Kôji’s Herzschlag, da wo er an seiner Brust ruhte, und seine Erregung spüren. Takuto schloss seine Augen. Doch Kôji nutze sogleich die Chance und küsste seine Augenlider innig und liebevoll. Sanft erst und schmeichelnd ließ er seine Zunge dann mit der von seinem geliebten Izumi spielen, immer darauf bedacht nicht allzu viel zu fordern. Wieder und wieder küsste er ihn, bis ihre Lippen brannten und ihre Körper eine Flut lustvoller Empfindungen durchströmte. Takuto stöhnte leise auf, und als Kôji seine Lippen das nächste Mal suchte, antwortete er mit aller Inbrunst. Heiße Wellen rannen durch ihre Leiber, überwältigt von seinem ungewohnt heftigen Verlangen, als Takuto’s Zunge die von Kôji fand. Zugleich schien alle Kraft aus ihm zu weichen und überrascht spürte er, wie sehr alles in ihm danach strebte, eins mit Kôji zu werden. Doch Kôji war diesmal besonders sachte. Er wollte eine Abweisung – egal in welcher Form – diesmal aus dem Wege gehen, wollte diesmal nicht so ungestüm bedrängen, also bezwang er seine wachsende Erregung.
Dann liebkoste Kôji mit seinen Lippen Takuto’s Nacken, während er mit einer Hand versuchte unter seine Kleidung zu kommen. Takuto’s Hände wanderten zu Kôji’s Haaren um sich darin zu vergraben, doch Kôji zog schnell seine Hände an seinen Mund und küsste Takuto’s Handgelenke. Dabei spürte er Takuto’s wilden Pulsschlag. Er wusste genau, dass auch er bereits erregt war, als er ihm sanft, aber bestimmt die Kleidung vom Körper hoch streifte. Sehr behutsam berührte Kôji die bronzene Haut dort, wo das T-Shirt sie freiließ, mit warmen, zärtlichen Lippen. Dabei streichelte er jedes Fleckchen seiner Schultern, seiner Arme. Selbst als er ihm nun die Kleidung über den Kopf streifte, ließ Takuto es widerstandslos geschehen. Takuto seufzte nur einmal ganz leise, regte sich aber nicht. Zärtlich strich Kôji mit seinen Fingerspitzen über Takuto’s Körper und genoss das leichte Beben seines Körpers. Als seine Finger am Hosenbund ankamen, beugte Kôji sich zu ihm herunter und während er und Takuto wieder in einem Liebesspiel ihrer Zungen versanken, öffnete er die Hose von ihm und streifte auch diese so weit er konnte ab. Als sich ihre Lippen lösten, ließ er seinen liebevollen Blick über Takuto’s Körper streifen. Sehr behutsam glitten seine Hände über die weiche Haut. Nicht länger verhüllt, betrachtete Kôji Takuto’s Formen, seine Hüfte, seine Schenkel. Kôji stockte der Atem. Sein Blut strömte brausend in den Lenden. Dennoch bezwang er sich, tastete sich nur langsam an Takuto heran, um ja nichts zu überstürzen, keine erneute Zurückweisung seinerseits zu erfahren. ‚Katsumi ist nicht da. Diesmal wird er uns nicht stören.’ Ein Grinsen legte sich kurz auf sein Gesicht, als er daran denken musste, welches Takuto mit einem fragenden Blick beantwortete. Kôji strich ihm zärtlich über die Wange und warf ihm sofort einen liebevollen Blick zu, welcher Takuto beruhigte. Obwohl nun selbst, in höchster Erregung, zwang sich Kôji zur Geduld. Noch durfte er sich nicht vergessen, nicht bevor er erreicht hatte, was er sich selbst vorgenommen hatte. Wieder wanderten seine Hände aufreizend über Takuto’s Oberkörper, während er selbst mit seinen Lippen den Weg von Takuto’s Mund, seinen Hals hinunter zu seiner linken Brustwarze nahm und diese mit seinen Lippen liebkoste und daran zu saugen begann. Dies entlockte Takuto stöhnende Aufseufzer des Entzückens und Schauder durchzuckten seinen Körper. Es war ihm nicht länger möglich die Erregung seiner Sinne zurückzuhalten. Jede Faser seines Körpers vibrierte unter Kôji’s Küssen und Liebkosungen. Takuto konnte die Wonne nicht fassen, die er empfand, und doch wollte etwas in ihm immer noch nicht frei werden, wartete gespannt darauf, dass sein Verstand sich wieder einschaltete und die Gegenwehr anknipste. Takuto lag atemlos da, konnte Kôji nicht abwehren und wollte es auch nicht… Er wusste … diesmal gab es kein zurück. Sein einziger Gedanke war, er wollte das Kôji nicht aufhörte, wollte ihm gehören, um endlich zu wissen, wie es war, in den Armen dessen aufzuwachen, den er liebte. Er wünschte sich sehnlichst, diese Erfahrung zu machen. Kôji indes saugte wollüstig an seiner Brustwarze und das feine Ziehen, brannte bis in die Tiefen seines Leibes. Diese Empfindung war etwas unsagbar Süßes. Er schlang die Arme um Kôji, hob den Kopf, als wollte er ihn nie wieder loslassen. Kôji hob nun ebenfalls den Kopf, ihre verschleierten Augen trafen sich, kurz bevor sich Kôji über Takuto’s andere Brust schob, um nun die andere Brustwarze mit seinen Lippen zu umschließen und zu verwöhnen. Takuto schrie entzückt auf. Er hielt sich mit beiden Händen an Kôji’s langen Haaren fest, bäumte sich ungeduldig auf. Kôji schaute auf, lächelte ihn liebevoll an und erneut streifte sein Blick bewundernd Takuto’s bronzenen Leib. Takuto erschien ihm hinreißend, wie ein Engel. Blitzschnell warf er seine eigene Kleidung zu Boden. Takuto kuschelte sich an Kôji’s nackte Brust und fühlte seine jetzt so empfindsame Haut, auf seiner. Er presste sich fester an ihn heran. Kôji entwand sich sanft seiner fieberhaften Umklammerung, um mit den Lippen wieder tiefer zu wandern. Auch das letzte Stückchen Stoff, mit dem Takuto jetzt noch bekleidet war, und das bis jetzt seine Männlichkeit verhüllte, wurde nun abgestreift, und Kôji’s Lippen suchten begierig nach dem, was bis eben noch vor seinen Blicken verborgen war. Takuto spürte heiß die Liebkosungen und jeder klare Gedanke schwand dahin, als er sich der wollüstigen Wonne hingab, in die Kôji ihn entführte. Kôji hingegen fühlte die warme Feuchtigkeit, welche sich tropfenweise von Izumi’s Spitze löste und seine brennende Begierde. Takuto indes glaubte vor Glück zu vergehen, unter Kôji’s behutsamen Zärtlichkeiten, die ihn fast bis zur Unerträglichkeit erregten und an den Rand des Wahnsinns trieben. Er wollte nur noch eines – ihm gehören – damit er ihn endlich davon erlöste, aber er war immer noch zu stolz es ihm zu sagen. Wild drängte er ihm seine heiße Männlichkeit entgegen und fühlte sich von unsäglichem Glück erfüllt, als Kôji seinem Drängen entgegen kam und seine Bemühungen so weit steigerte, bis Takuto in seinem Mund endlich die erwünschte Erlösung fand, und kam. Obwohl es Kôji mit aller Macht danach verlangte seinen unbändigen Trieb zu stillen, legte er sich noch eine Weile zu ihm, nahm ihn fest in die Arme und versenkte seine Lippen wieder auf die von Takuto, um ihn seinen eigenen ‚Lebenssaft’ kosten zu lassen. Eine Zeitlang blieben sie noch eng aneinander gekuschelt liegen. Kôji sog tief Izumi’s Duft ein. Er wollte ihm auch Zeit geben, seine Gedanken wieder zusammeln, bevor er die nächste Attacke auf ihn startete. Er hob leicht seinen Kopf, um einen Blick von Izumi zu erhaschen. Dieser drehte sich daraufhin zu ihm um. In Kôji sein Hochgefühl mischte sich wieder so etwas wie ein Schuldgefühl, so wie schon in der Höhle. ‚War es richtig, ihn so zu überfahren?’ Aber Izumi sah glücklich zu ihm auf, bevor er seine Augen schloss und sich fest an ihn kuschelte.
Ein Weilchen später, hob Kôji Izumi’s Kinn und küsste wieder und wieder Izumi’s Mund, wieder streichelte seine Hand einen kurzen Augenblick danach Izumi’s Körper. Und wieder bemerkte Takuto wie die Erregung zurückkam. Während Kôji sich erneut mit seinen Lippen, den Händen und seiner Zunge auf die Wanderschaft begab, streichelten Takuto’s Hände Kôji. Langsam wanderten seine Hände tiefer und tiefer, die sich anfangs wieder in Kôji’s Haare verkrallt hatten, nun dessen Rücken hinab, so weit es ihm möglich war. Kôji leckte ihm indes jetzt den Bauchnabel, was Takuto erneut ein Kribbeln durch den ganzen Körper jagte. Langsam wanderte sein Zunge wieder weiter hinab und während Kôji erneut mit seinen Lippen Izumi’s Männlichkeit aufreizend berührte, um sie dann in seinem Mund aufzunehmen, streichelte seine Hand sanft über seinen Rücken und massierte anschließend seine Pobacken. Plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, drang er mit einem Finger in Takuto’s kleine Öffnung ein. Schmerz durchfuhr ihn, aber Kôji sorgte dafür, dass er bald nachließ und sich erneut wollüstige Gefühle in ihm ausbreiteten. Ein zweiter Finger gesellte sich zum Ersten. Izumi biss die Zähne zusammen um nicht laut zu schreien… später ein Dritter. Diesmal hatte er schreien mögen vor Schmerz, aber Kôji verschloss ihm schnell den Mund. Dann drang er selbst in Takuto ein, blieb reglos in ihm und nahm mit steigender Erwartung wahr, wie Takuto in seinen Armen so nach und nach entspannte und nachgab. Dann erst begann er sich in ihm zu bewegen. Und Takuto kam ihm mit zärtlicher und zugleich auch drängender Leidenschaft entgegen. Sehr schnell, fast zu schnell wand Takuto sich und kreiste, hob sich den Stößen entgegen und stieß atemlos kleine wollüstige Schreie aus, die Musik in Kôji’s Ohren waren. Er führte seinen Geliebten auf den Gipfel der Erwartung, dann hielt er inne mit seinen Küssen und Liebkosen. Takuto presste ihm die Nägel in den Rücken, doch Kôji bewegte sich unbeirrt weiter und nichts hätte ihn nun davon noch abhalten können. Denn als Kôji sich wieder Izumi’s Männlichkeit zuwandte, begann Takuto laut zu stöhnen. Heiße zuckende Wellen liefen unaufhörlich durch Izumi’s Körper. Kurz darauf ließ sich Kôji von Izumi’s Leidenschaft mitreißen und nach dem letzten ungestümen Stoß, kam er tief in ihm, bevor er schwer atmend neben ihm sank, und seine Hand zum Mund führte, um sie von Izumi’s Erguss zu reinigen. Niemals zuvor hatte Takuto so eine berauschend, feurige Lust verspürt. Er löste sich langsam aus dem Bann, der ihn immer noch gefangen hielt. Im Stillen musste Takuto sich eingestehen, dass er Kôji inzwischen fast genau so brauchte, wie Kôji ihn. Glücklich und erschöpft, strich Takuto Kôji eine Strähne seiner langen Haare zurück, die sein Gesicht bedeckten, lächelte ihn an und hauchte dann ein „Danke, Kôji.“ „Nicht… Izumi.“ Seine Stimme zitterte immer noch nach diesen gewaltigen Empfindungen. „Ich liebe dich, Izumi. Mein Izumi.“ Dann lagen sie beide eng glücklich beieinander, erschöpft von der Kraft ihrer Gefühle, die sie erlebt hatten. Kôji legte einen Arm um Takuto’s Taille und zog ihn noch näher an sich heran und flüsterte ihm ins Ohr. „Du bist wunderbar, Izumi. Ich liebe dich.“ Takuto fühlte wie die tiefe Stimme in seinem Körper vibrierte und erneut heiße Wellen ihn durchströmten. Mit einem erstickten Laut drängte er sich noch dichter an ihn, fühlte seinen muskulösen, warmen Körper an dem Seinen. Kôji lächelte ihn mit strahlenden Augen an und streichelte zärtlich über seine Wange. Zugleich fühlte Kôji sich betroffen, dass es schon wieder in seinen Lenden zuckte und seine Männlichkeit erstarken ließ. Takuto war das jedoch nicht entgangen. Er rückte noch dichter an ihn heran und Takuto tastete mit beiden Händen nach den geheimsten Stellen von Kôji’s Körper. Kôji stöhnte auf, sein Atem ging stoßweise, seine Erregung wuchs, als könnte er so seine Leidenschaft noch steigern. Takuto war überwältigt von der sinnlichen Macht, die er über Kôji hatte. Er der einfache Junge, der bisher nichts so sehr liebte wie den Fußball, sich einzig und allein, voll und ganz während des Spiels sich verlor, konnte es gar nicht fassen, dass er bei jemandem wie Kôji Empfindungen erregen konnte, so dass dieser sich nicht mehr beherrschen konnte. Es war ein wunderbares Gefühl, diese neue Erkenntnis und er genoss es sehr. Gerne ließ er sich von Kôji berühren, hatte inzwischen alle Ängste und Vorurteile besiegt und ließ sich inzwischen gerne mal von ihm in die Arme nehmen oder verführen. Takuto schenkte ihm die gleiche Lust, die Kôji in ihm geweckt hatte und liebkoste ihn mit Lippen und Händen, bis Kôji sich nicht mehr zurückhalten konnte. „Izumi“, stöhnte er zwischen zwei endlos langen Küssen, „...du bringst mich um den Verstand.“ Eh Takuto sich versah, nahm Kôji ihn zum zweiten mal, aber diesmal wild und gewaltsam, was Takuto nun genoss und ergab sich ihm hin mit all der Begierde, die sich in der letzten Zeit bei ihm angestaut hatte. Und wieder vereinigten sich die beiden Körper zu höchsten Wonnen, bis Takuto keiner klaren Gedanken mehr fähig war. Nun kannten sie den Unterschied zwischen überwältigender sinnlicher Leidenschaft und hemmungslos, grausam abartiger Lust an der nackten Gewalt.
Als sie selig und ermattet, eng umschlungen nebeneinander lagen, wusste Takuto, dass er der Wahrheit nicht länger ausweichen könnte. Haltlos strömten die Tränen über seine Wangen. Er presste sein Gesicht gegen Kôji’s Schulter und spürte dabei wie die Röte in seine Wangen stieg. Es gab nur noch ein Hindernis aus dem Weg zu räumen, welches ihn von Kôji trennte. Eine unerfreuliche Angelegenheit, die er lieber vergessen hätte. Aber Kôji bekam von all dem nichts mehr mit. Völlig erledigt hatte ihn der Schlaf eingeholt.
TEIL 17Endlich war es so weit. Für den heutigen Tag hatten die beiden befreundeten Familien den großen Tag festgelegt. Endgültig sollte heute das Band zwischen den Familien gefestigt werden und für ewig miteinander verbunden. Und alle hofften, dass es für zwei Mitglieder ihrer Familie zum schönsten Tag ihres jungen Lebens werden sollte. Minako sah glücklich aus. Sie strahlte schon am frühen Morgen über das ganze Gesicht, obwohl sie vor Aufregung nicht hatte schlafen können. Ihre Mutter kam ins Zimmer, in dem sie gerade vor ihrem Hochzeitskleid stand. Sie gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Guten Morgen, mein Kind. Schon auf?“ „Ja Mama. Ich hielt es nicht mehr aus.“ „Freust du dich?“ „Ja, ich habe ihn schon so lange nicht mehr gesehen. Unsere Reise war zwar schön, aber ich habe Takuto doch sehr vermisst.“ „Glaub mir, dass war gut so. Du weißt, Vater hatte berufliche Verpflichtungen. Wir konnten dich nicht die ganze Zeit hier alleine lassen. Aber so wie du dich freust, ihn nach der langen Zeit wieder zu sehen... Was meinst du, wie schön da erst eure Hochzeitsnacht wird.“ „MA-MA...“ „Ach lass man Kind. Die lange Trennung hat euch bestimmt gut getan. Er wird dich genau so vermisst haben, wie du ihn. Ihr ward schon als Kinder unzertrennlich, dass ihr den heutigen Tag kaum erwarten konntet. Nach dem Frühstück helfe ich dir dich fertig zu machen. Wir haben noch Zeit. Doch nun komm.“ Sie lächelte ihr zu und schob ihre Tochter aus der Tür. *** Zur gleichen Zeit wachte Takuto auf und sah in ein strahlendes, engelsgleiches Gesicht, dessen Augen fest auf sein Gesicht geheftet waren. Plötzlich beugte sich dieses Gesicht zu ihm und ihre Lippen versanken in einen innigen langen Kuss. „Guten Morgen, Izumi. Gut geschlafen?“, lächelte Kôji ihn an. Doch dieser schmiegte sich an ihn, um die Wärme die von Kôji’s Körper ausging voll aufnehmen zu können. Und er schnurrte nur ein „Hm...“ Kôji strich ihm über die Wange. ‚Du gehörst jetzt mir... nach all der langen Zeit des Wartens und des Leidens. Oder doch nicht? Soll es nur dein Abschiedsgeschenk für mich gewesen sein? Heiratest du Minako trotzdem? Nein, dass darfst du nicht. Ich würde es nicht überleben. Nicht nach dieser Nacht. Nicht nachdem du endlich mir gehört hast...’ Bei diesen Gedanken drückte er Izumi fest an sich, so fest, dass Takuto schmerzhaft aufstöhnte. „Kôji, Kôji nicht so doll. Du tust mir weh...“ Doch Kôji hörte ihn nicht. Er hatte Angst ihn zu verlieren und wollte ihn nie mehr loslassen. „KÔ-JI!“ schrie Takuto ihn an. Das saß. Kôji’s Augen fanden wieder zurück. Die Leere, die eben noch in seinen Augen herrschte, füllte sich wieder und er sah Takuto mit fragendem Blick an. „Ich sagte, du tust mir weh. Willst du mir etwa die Rippen brechen?“ Augenblicklich ließ er seine Arme lockerer und ein gepresstes „Verzeih mir“ entkam leise flüsternd seinen Lippen. „Was verzeihen?“ „Verzeih mir... Ich hab Angst dich heute zu verlieren. Du und Minako...“ Schweigen. „Was ist mit Minako? Gestern hast du sie auch schon erwähnt!?“ „Häh? Hast du vergessen, was du heute wolltest?“ „Heute wollte? Du sprichst in Rätseln. Ich denke wir unternehmen was mit dem Auto? Aber was hat das mit Minako zu tun? Ich weiß echt nicht, was du sonst meinst.“ „TAKUTO!“ ‚Sollte er es tatsächlich nicht erfahren haben, dass der Tag um fast einen Monat vorverlegt wurde? Oder hatte er es vergessen? War das der einzige Brief in dem das gestanden haben soll, den ich abgefangen habe. Sollten die Horiuchi’s sich wirklich, wenn er auf Training war, nicht mit ihm verständigt haben? Unwahrscheinlich. Oder wolltest du den Tag einfach vergessen? Gehörst du jetzt wirklich mir? NUR MIR?’ Während Kôji mit seinen Gedanken im Zwiespalt lag, sah Takuto ihn mit großen fragenden Augen an. „Du kannst mir nicht sagen, dass du vergessen hast, was heute für ein Tag ist. In...“ Kôji sah auf die Uhr, „...in 3 1/2 Stunden wirst du vor dem Traualtar stehen, wenn du nicht vorher...“ Kôji brach mit einem gequälten Gesichtsausdruck ab. „OH NEIN! SHIT!“ Takuto sprang plötzlich auf, wobei er Kôji, der immer noch - bis dahin dicht an ihn geschmiegt - neben ihm gelegen hatte, einem starken Nasenstüber verpasste. Schnell warf sich Takuto was über und verschwand in ihr gemeinsames Bad, zu einer ausgiebigen Dusche. Kôji saß noch ganz durcheinander, aber allein in seinem großen - inzwischen kalten - Bett. ‚War’s das nun? Hat mich die Realität wieder einmal eingeholt? Ich verstehe nicht Izumi. Willst du sie nach dieser Nacht immer noch heiraten? War alles nur ein Spiel für dich. Kannst du wirklich so herzlos sein? Nein, das glaube ich nicht. Das WILL ich NICHT glauben. Das lasse ich nicht zu. Nein - niemals. Du gehörst mir. Nur mir. Sie hat kein Recht auf dich. Nicht mehr.’ Kôji seufzte tief auf. Doch das Rauschen es Wassers aus dem Bad verschluckte das Geräusch. Takuto hatte die Türe offen gelassen. ‚Seltsam. Sonst macht er sie immer zu.’ Langsam stand er auf, zog sich seinen Morgenmantel an und schlurfte langsam - mit schwerem Schritt - ins Bad. An der Tür blieb er stehen und beobachtete durch das leicht milchige geschliffene Glas der Duschkabine, den darin befindlichen Takuto. Eine ganze Zeit starrte er auf die Gestalt. Sein Blick hing sich fest. Er sah wie seinem Izumi das Wasser über seinen Körper lief, sah wie er sich mit den Händen durch die Haare fuhr, um den Schaum heraus zu waschen., sah wie er sich einseifte und dann mit geschlossenen Augen, und bei zurückgeworfenen Kopf, die Seife abspülte. Das Wasser lief ihm immer noch über das Gesicht und anschließend über den gestreckten Hals entlang. Immer noch hatte er die Augen zu und Kôji hatte nur einen Wunsch. Jetzt zu ihm in die Dusche zu steigen und ihn festzuhalten und nie wieder los... Auf einmal hörte Takuto hinter sich etwas fallen. Er steckte den Kopf aus der Dusche und blickte sich um. Neben dem Türrahmen zu Kôji’s Zimmer, lag dieser auf dem Boden. Ein Aufschrei! Takuto sprang aus der Dusche griff sich das Badelaken, wickelte es sich um die Hüfte, klemmte es ein und war mit einem Satz bei Kôji. „Kôji - was ist los? Red’ doch endlich. KÔ-JI!“ Er schlug ihn leicht mit dem Handrücken auf die Wange. „KOOO-JI!“ Langsam..... kam er wieder zu sich. „KÔJI - Was ist los?“ „Mir... mir...war...plötzlich...schwarz...“ „Schwarz vor den Augen?“ „Hm.“ „Wieso?“ „...“ Kôji zuckte mit den Schultern und sah ihn an, als ob er selbst nicht wusste, was da gerade passiert war. „Komm, stütz dich auf mich. Ich bring dich wieder ins Bett.“, sagte Takuto, legte ihm seinen Arm um den Körper und zog ihn hoch. Vorsichtig und langsam setzten sie sich Schritt für Schritt in Richtung Bett in Bewegung. Als sie es endlich erreicht hatten, plumpste Kôji schwer darauf. „Geht gleich wieder. Bestimmt.“ Doch Takuto war sich da nicht so sicher. Er griff ihm an die Stirn und bemerkte, wie heiß sie war. Schnell deckte er ihn zu, kleidete sich an und lief zu Katsumi runter.
„Tja, dass war wohl die Aufregung. Er hat nix weiter. Was war denn vorgefallen? Ist es weil du heute...“ ‚Heiratest’ wollte er sagen, verschluckte das Wort dann aber, wie er Takuto’s Gesicht ansah. „Die Horiuchi’s sind von den Sasaki’s schon rüber gekommen. Sie sitzen unten und warten auf dich.“ „Ich kann jetzt nicht runter gehen.“, sagte Takuto mit einem Blick auf Kôji. Katsumi sah ihn mit erschrockenen Augen an. ‚Warum?’ Takuto zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben das Bett, in dem er die letzte Nacht verbracht hatte. „Takuto, ich will dir nicht zu nahe treten, aber... ich glaube es wird langsam Zeit..., dass du dich fertig machst... oder...“ Ein leichtes Kopfnicken war alles, was Katsumi von ihm bekam. Seine Augen blieben an Kôji’s heften. Ach mach doch was du willst.“ Mit diesen Worten verließ er Kôji’s Schlafzimmer. Takuto sah auf die Uhr. ‚Ja er hat Recht, es wird Zeit. Ich muss mich fertig machen.’ Wie in Trance stand er auf und ging auf sein Zimmer zu, sein Blick dabei rückwärts gewand, auf den im Bett liegenden Kôji.
Seine Eltern hatten ihn als er die Treppe in seinem Anzug herunterkam nur bewundernd angelächelt. Herr Horiuchi hatte ihm kurz zugenickt und als er unten war, gefragt: „Lampenfieber?“ Takuto nickte und die Drei verließen mit Katsumi das Haus.
Indes war Kôji wieder wach. Er sah sich um und ein Blick auf die Uhr verriet ihn, dass er ganz allein im Haus war. Takuto und Katsumi waren sicher schon dort. Dort... wo jetzt sein Leben beendet wurde. Er konnte es nicht fassen. Sein Izumi, den er über alles auf der Welt liebte, war gegangen. Gegangen um in den Armen eines Mädchens, dass er heute zu seiner Frau nahm, glücklich zu werden. Glücklich? Konnte er das überhaupt werden? Für Kôji stand eines fest, nach dieser - IHRER - Nacht, könnte er es nicht. Oder doch? Wieder nagten Zweifel an ihm. Wieder fragte er sich, wer ihn wohl glücklicher machen konnte. Minako oder er. Für ihn gab es nur IZUMI. Ohne ihn würde er nie glücklich sein können, dass wusste er. Doch galt das Gleiche auch für seinen Izumi? So plötzlich wie das Fieber gekommen war, war es weg. Oder wirkte etwa schon das, was Katsumi ihm eingeflösst hatte? Er stand auf und zog seinen Anzug an, band sich die Krawatte um und nach einem Blick in den Spiegel, der ihm bestätigte, dass er zwar noch etwas blass um die Nase herum aussah, aber ansonsten man ihm die morgendliche Schwäche nicht ansehen konnte, verließ er das Haus, um bei der Hochzeit dabei zu sein. Er wollte sich selbst davon überzeugen, dass sein Izumi wirklich vor hatte... ihn zu verlassen.
Leise öffnete er die Tür. Es war noch nicht zu spät. Man munkelte die Braut sei noch nicht fertig. Kôji ging an den vielen geladenen Leuten vorbei, grüßte die Horiuchi’s und Izumi’s Geschwister und setzte sich neben Serika, die gleich darauf stark errötete und ihren Blick, auf die im Schoß liegenden Hände, senkte. Kôji sah sich im Saal um. Sein Herz schlug schneller als er vorne Katsumi und Takuto miteinander reden sah. Plötzlich setzte die Musik ein, die Tür öffnete sich und die Braut in einem ganz zarten cremefarbenen langen Kleid, betrat am Arm ihres Vaters den Raum. Der Vater geleitete sie zu Takuto und lächelte ihn an, bevor er zurücktrat und sich neben seiner Frau niederließ, die in der Zwischenzeit vor Rührung das Taschentuch an ihre Augen drückte. ‚Endlich würden die beiden befreundeten Familien durch ihre Kinder miteinander verbunden werden.’ Die Rede war sehr schön. Viele hatten inzwischen feuchte Augen, nur Kôji starrte wie gebannt auf Izumi’s Rücken. Er wollte immer noch nicht glauben, was er sah. Die Braut lächelte, als sie gefragt wurde und antwortete strahlend mit „JA - Ich WILL“. Dann wandte er sich an Takuto, der die ganze Zeit wie versteinert daneben gestanden hatte und gar nicht mehr mitbekam, was hier überhaupt stattfand. Der Mann wiederholte die an ihn gerichtete Frage, nachdem Minako ihm kurz mit dem Ellbogen in die Seite gestippt hatte, um ihn aus seiner Trance aufzuscheuchen. Doch statt zu antworten „Ja - ich will.“, schaute er sie nur flehend an, und sagte leise, dass nur sie es verstehen konnte: „Verzeih mir, Minako. Ich kann nicht.“ Dann drehte er sich um und schritt auf die Tür zu, den Gang zwischen den Sitzreihen mit all den Gästen hindurch, eine raunende Menge hinter sich lassend. Aber er nahm das alles nicht wirklich wahr. Die sitzen gelassene Braut stand noch immer senkrecht mit riesigen Augen da. Eine Träne hatte sich gelöst und lief ihr die linke Wange hinunter, doch ihr Blick war starr auf die Tür geheftet, hinter der Takuto verschwunden war und wusste nicht, wie ihr geschah. ‚Er ging einfach? Er wollte sie nicht mehr?’ Ihre bis eben noch heile Welt zerbrach. Kôji indes starrte ebenfalls auf die Tür hinter der Takuto so eben verschwunden war und nur ein Gedanke raste ihm durch den Kopf. ‚Er hat sie nicht geheiratet.’ Er sprang auf und eilte ebenfalls hinaus. Lief ihm nach, wollte ihn einholen und fest in beide Arme schließen. Wie er aber draußen war, sah er nur noch sein Taxi abfahren. Schnell lief er zu seinem Wagen und folgte ihnen, während erst jetzt, so nach und nach, die anderen Gäste das Haus verließen. *** Nachdem Takuto mit dem Taxi wieder bei Katsumi ankam, wunderte er sich, dass ihm niemand auf machte. Schnell schloss er auf. ‚Wozu hat man schließlich als Dauergast einen Wohnungsschlüssel.’, dachte er sich und stürzte so schnell er konnte in Kôji’s Zimmer. Aber es war leer. Er sah sich um und bemerkte, dass sein Anzug fehlte. ‚Also ist er doch noch hingekommen? Ich hab gar nicht darauf geachtet, als ich raus ging...’ Plötzlich wurde die Türe aufgerissen und Kôji stand im Türrahmen. Sie starrten sich einen Moment beide an, doch dann stürzte Takuto sich Kôji in die Arme. „Wie geht es Dir, Kôji?“ „Es ist wieder alles in Ordnung… Aber… ich müsste eigentlich dich fragen, wie es dir geht.“ „Danke… noch nie besser. Endlich ist alles geklärt“ „Alles?... Ich denke noch nicht. Die Horiuchi’s werden davon nicht begeistert sein. Und sie sah auch nicht gerade glücklich aus…“ „Hmm…… Aber das stört mich im Moment nicht.“ „Aber du wohnst noch bei den Horiuchi’s…“ „Ja und…?, die reißen mir nicht den Kopf ab. Ich sage ihnen eben einfach, was ich dir gesagt habe. Sie ist ein prima Kumpel, aber lieben tue ich sie nicht… Was wollen sie dagegen tun. Die Freundschaft der Familien wird darunter nicht leiden. Dann wäre es schließlich keine Freundschaft, oder?“
TEIL 18Zwei Tage später verabschiedete sich Takuto von Katsumi und ging die Treppe hinunter, wo Kôji ihn an der Eingangstüre erwartete. Den Wagen hatte er schon vor der Tür geparkt und so stiegen sie ein. Trotz Takuto’s Protest brachte er ihn bis zur Bahn, zog ihn in der Dunkelheit einer Nische zu sich heran und küsste ihn lang und zärtlich. In seinen Augen lag Abschiedsschmerz. Takuto erwiderte diesen Kuss mit fast schmerzlicher Heftigkeit. Plötzlich riss er sich los und sprang schnell in die Bahn, welche gerade die Türen öffnete. Er suchte sich einen Platz am Fenster und warf Kôji noch einen Blick zu, der inzwischen nah an das Fenster trat. ‚Seine Augen sind so unendlich traurig.’, schoss es ihm durch den Kopf. Die Bahn fuhr ab und bald sah Kôji nur noch die Schlusslichter in der Dunkelheit verschwinden. Lange stand er noch da, mit dem Blick in die Richtung. Obwohl dort schon nichts mehr zu erkennen war. Nur schwarze Nacht. ‚Ich hätte ihn nicht fortlassen dürfen’, durchzuckte es ihn. ‚Wer weiß was jetzt zu Hause auf ihn einstürzt…’ *** Das sie Beide nun endlich zueinander gefunden hatten, blieb natürlich nicht lange unentdeckt, egal welche Mühe sie sich auch gaben. Schon das strahlende Gesicht, das funkelnde Aufleuchten in Takuto’s Augen, wenn er Kôji begegnete, verriet ihn. Er konnte eben seine Gefühle nicht so gut verstecken, wie Kôji. Wo immer sie gemeinsam auftauchten, fanden sich auch Leute die hinter ihrem Rücken tuschelten. Aber die Anspielungen prallten an Kôji ab. Ihm war es egal, was die Leute über ihn dachten. Er hatte schon vor vielen, vielen Jahren aufgehört, sich Gedanken über die anderen Leute zu machen. Izumi würde lernen müssen damit umzugehen, doch bis dahin wollte er ihn von all diesem dämlichen Geschwätz so gut es ging fern halten. Doch für Takuto sahen die Dinge völlig anders aus. Obwohl er sich bemühte kühl und gleichgültig diesbezüglich nach Außen hin zu erscheinen, so fühlte er sich doch ziemlich verletzt. Dazu kam, dass scheinbar jemand aus seinem Team hinter sein Geheimnis gekommen war und ihn seither so eigenartig ansah. Da er aber nichts im Team verlauten ließ, beruhigte sich Takuto wieder und dachte es sei nur Einbildung. *** Es war wieder so weit. Drei spiel- und trainingsfreie Tage... Endlich konnte er Kôji wieder sehen. Sein Gepäck hatte er auch heute, so wie bereits die ganze letzte Zeit zum Training mitgenommen, damit er anschließend nicht noch einmal nach Hause musste. Als Takuto mit samt seinem Gepäck, auf dem Weg vom Platz zum Bus war, mit welchem er immer zum Bahnhof fuhr, bot sich dieser Teamkollege an, ihn im Auto mitzunehmen, da Takuto so das Fahrgeld sparen könnte und es so doch auch lustiger sei. Er meinte, er sei in der Nähe von Freunden eingeladen, die Tage dort zu verbringen. Nach kurzem Zögern willigte er ein, legte seine Tasche auf die Rückbank und stieg ein. Eine ganze Weile fuhren sie schon, plauderten nebenbei über ihre letzten Fußballspiele und auch darüber wie ihre Chancen bei den kommenden Spielen sein könnten. Immer wieder versuchte der andere ihn auf das Themen Mädchen und Partner anzusprechen, aber außer Serika hier und Minako da, bekam er nicht das zu hören, was er bestätigt haben wollte. *** Kôji indes, hatte den Einfall und wollte Takuto mit dem Jeep abholen und musste ihn hierzu am Bahnhof abfangen. Er wusste mit welchem Zug er sonst fuhr und war bereits auf dem Weg zu ihm. Er fuhr viel zu früh los, da er es einfach nicht mehr zu Hause aushielt, und so ließ er sich Zeit beim Fahren. Sah nach rechts und links aus dem Fenster und beobachtet die anderen Wagen. Meistens aber die auf der Gegenfahrbahn. Wie er die Straße so lang fuhr, glaubte er im ersten Moment nicht richtig zu sehen. Sein Izumi saß bei einem anderen Jungen auf der Gegenfahrbahn im Auto? Sollte er es wirklich gewesen sein? Schnell orientierte er sich wo die nächste Möglichkeit zum Wenden war und wollte dem hellblauen Fahrzeug hinterher. ‚Irres Auto - wo steckst du? - So ein kitschiges Hellblau, kann man doch gar nicht übersehen’, ging es ihm durch den Kopf. ‚Und wer lässt sich daran heutzutage noch regenbogenfarbene Streifen schräg anbringen?’ Kôji schüttelte den Kopf. ‚Wie konnte sein Izumi nur überhaupt in so einen Wagen einsteigen?’ Eine Weile musste er noch geradeaus fahren, dann konnte er endlich wenden. Natürlich verlor er den Wagen bei seiner Weiterfahrt aus den Augen. Das Letzte, was er im Rückspiegel erkannt hatte war, dass der ‚kitschige’ Wagen geblinkt hatte. Also konnten sie nicht mehr sehr weit geradeaus gefahren sein und so suchte er die Abfahrten in der näheren Umgebung erst einmal ab. ‚Aber wieso fuhren sie an so einer Stelle überhaupt von der Straße herunter’, schoss es Kôji plötzlich durch den Kopf. Außer wenn einer von Beiden dringend seine Notdurft verrichten musste, gab es hierzu keinen Anlass, denn hier gab es keinerlei Ortschaft in der Nähe. Nur Felder und ein bisschen Wald. Kôji wurde unruhig und durchsuchte jede in Frage kommende Abfahrt und hoffte auf die Beiden zu stoßen. *** „Halt! Was machst du denn?“, rief Takuto plötzlich. „Du hast die falsche Ausfahrt genommen, wir sind noch nicht da.“ Takuto zeigte auf eine günstige Stelle. „Wende da vorne, wir müssen zurück zur Straße.“ Diesmal antwortete Matsu jedoch nicht. Er presste stattdessen seine Lippen fest zusammen und starrte verbissen geradeaus. Er dachte gar nicht daran halt zu machen und zu wenden, obwohl dies bestimmt nicht schwierig gewesen wäre. Der Waldweg, den sie nun entlang fuhren, war breit genug gewesen, da hier sonst auch Holz- und Erntefahrzeuge lang fuhren. Stattdessen bog er noch mal ab und brachte den Wagen an einem Feldrand, ruckartig zum Stehen. Wieder kam keine Äußerung seinerseits und dieses plötzliche Verstummen war Takuto unheimlich. Das ungute Gefühl vor dem Einsteigen, hatte ihn nicht betrogen. Er hätte darauf hören sollen. Matsu hatte inzwischen den Motor abgestellt und sogleich wandte er sich Takuto, mit einer heftigen Bewegung zu. Er riss ihn in seine Arme und beugte sich über ihn. „Ich weiß, dass du mit diesem langhaarigen Kerl zusammen bist. Ich hab euch Beide gesehen.“ Mit diesem Worten drückte er ihn fest an sich und begann ihn wild zu küssen. Damit hatte Takuto nicht gerechnet. Ihm war nie aufgefallen, dass einer seiner Teamkollegen sich anders benahm, als die anderen. Auch er hatte immer großartig mit seinen Mädcheneroberungen geprahlt. Takuto wehrte sich jetzt, so gut er konnte, wich mit seinem Kopf aus und presste seine Hände gegen die Brust des Anderen. Aber dieser war viel stärker als er und hielt ihn eisern fest. Immer wieder glitten die feuchten, heißen Lippen über Takuto’s Gesicht, während er es abzuwenden suchte. Endlich gelang es ihm eine Hand frei zu bekommen, und ehe Matsu sich versah, hatte Takuto diese zur Faust geballt und mitten in dem Gesicht seines Gegenübers platziert. Da der Schlag wohlgesetzt war, setzten kurz darauf Nasenbluten und tränende Augen bei ihm ein. ... stieß vor Wut einen zischenden Laut aus und führte eine Hand zum Gesicht, um sich das Blut abzuwischen. Diesen Moment nutzte Takuto dazu, um sich auch von der 2. Hand zu befreien, den Gurt zu lösen, zugleich die Wagentür aufzureißen und hinaus zu springen. Dann rannte er was das Zeug hielt, und ohne Nachzudenken - statt wieder zur Straße - ausgerechnet zwischen Ward und Feld den Weg entlang, nach dem Motto: irgendwo wird er schon zu Ende sein. Als Matsu sich von dem Schreck erholt hatte und erkannte, dass Takuto floh, sprang er ebenfalls aus dem Auto, lief um das Auto herum, um auf die andere Seite zu kommen und lief Takuto hinterher. Etwas hatte Takuto nicht gewusst, Feld und ward endeten zwar, aber er kam plötzlich nicht mehr weiter geradeaus, denn ein tiefer breiter Graben in dem ein Rinnsal dahin floss, versperrte ihm den Weg und zwang ihn entweder einen rechten Haken zu schlagen und zu hoffen, dass dann der Graben in die entgegen gesetzte Richtung irgendwo abbog oder aber wieder zurückzugehen. Doch bevor er sich entschieden hatte, hatte Matsu ihn fast erreicht. Mit der einen Hand ergriff er Takuto’s Kleidung, mit der anderen Hand versetzte er ihm einen heftigen Stoß vor die Brust, so dass er fast zu Boden ging, hätte er ihn nicht immer noch an der Kleidung fest im Griff. Takuto torkelte rückwärts, doch Matsu hielt ihn immer noch mit einer Hand fest. „Was ist in dich gefahren, Matsu?“ „Ich will dich... Ich habe mich schon vor einiger Zeit in dich verliebt. Dachte immer, du bist mit dem Mädchen zusammen..., von dem du erzählt hast..., diese Minako Sasaki... Dann sah ich dich mit ihm...diesem Langhaarigen am Strand..., bei seinem protzigen Auto...“ Sein Atem ging immer noch sehr schnell. „Ach und da dachtest du, du kannst dir mir Gewalt nehmen, was du willst, ja? Sehr nobel!“, Takuto lachte laut auf. „Lass mich endlich los. Ich gehör dir nicht. Ich muss mir dass nicht von dir bieten lassen. „ Doch Matsu schüttelte nur den Kopf, zog ihn wieder fest in die Arme und versuchte Takuto erneut zu küssen. Aber diesmal war Takuto geistesgegenwärtiger. Er zog sein Knie an und versetzte ihm damit einen Tritt in ein bestimmtes Körperteil. Matsu krümmte sich vor Schmerz zusammen, ließ ihn erneut los und fiel ins Feld. Dort krümmte er sich wie ein Kleinkind zusammen. Takuto wollte erst erneut weglaufen, dann fiel ihm aber ein, dass er gar nicht wusste wie von da wegkommen. Er hätte Matsu zwar die Autoschlüssel entwenden können, aber er war noch nie selbst gefahren und hatte auch keinen Führerschein. Mit sicherem Abstand ging er auf ihn zu. „Bist du wieder vernünftig?“ Vergessen wir das Ganze und du fährst mich nach Hause?“ *** In der Zwischenzeit hatte Kôji den gesuchten Wagen gefunden. Er stellte den Jeep daneben ab und sah in die Runde. Niemand war zu sehen. Also stieg er aus, schloss die Tür ab und ging den Weg weiter entlang. Plötzlich war ihm, als ob der Wind ihm Izumi’s Stimme zutrug. Er horchte auf. Seine Schritte wurden schneller. Er eilte den schmalen Weg entlang und dann sah er sie. Takuto stand nach Atem ringend, während der andere sich am Boden wälzte. Als ob im Flügel wuchsen eilten er nun zu ihm. „Was ist hier los!“ Takuto drehte sich um. „KÔ-JI? Du hier?“ „Was dagegen, ich wollte dich vom Bahnhof abholen, dann sah ich dich in dem komischen kleinen Auto…“ Kôji ging näher an ihn heran, strich über sein dunkles, kurzes Haar, was er so liebte, streichelte sanft seine Wange und ließ seine Hände dann auf Takuto’s Schulter ruhen. Takuto zitterte noch spürbar. Seine Stimme überschlug sich, als er ihm sagte, was vorgefallen war. Verständnisvoll nickte Kôji, zog ihn dicht an sich heran und gemeinsam gingen sie zum Jeep, stiegen ein und fuhren davon. Takuto’s Teamkollege lag noch immer gekrümmt auf dem Boden und starrte den Beiden hinterher. „Das wirst du noch bereuen, Takuto Izumi. Das schwör’ ich dir.“ Langsam rappelte er sich hoch, dabei immer noch mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen Unterleib haltend und schlurfte in Richtung seines Wagens. In seinem Kopf arbeitete es unaufhörlich und er schmiedete einen gemeinen Plan.
TEIL 19Die Zeit bei Kôji und Katsumi verlief wie üblich. Er erzählte den Beiden wie die Horiuchi reagiert hatten. Das er mit Minako ein langes Gespräch geführt hatte, und dass die Sasaki’s im Moment bei seiner Familie für ein paar Tage auf Besuch wären, weil sie nun versuchen würden, Yuugo mit ihrer zweiten Tochter zu verkuppeln. „Der arme Junge“, kam es nur von Kôji dazu, dann war die Sache vergessen. Als Takuto ihm allerdings sagte, dass er das nächste Mal erst in etwa zehn Tagen kommen könne, da sie für sieben Tage in ein Trainingslager fuhren, sah man Kôji an, dass es ihm nicht gerade leicht fiel.. Die Tage vergingen wie im Flug…
Takuto war inzwischen ins Trainingslager gefahren. Doch dieses Mal wurde er nicht glücklich dort. Der erste Tag lief noch wie gewohnt, doch schon am Abend des Zweiten merkte er, dass hinter seinem Rücken gemunkelt wurde. Ging er an Mitgliedern seines Teams vorbei, taten sie so als ob nichts wäre, aber beim Abendbrot wurde er sichtbar geschnitten. Als sein Trainer ihn nach dem Abendbrot dann auch noch mitteilte, dass er bis auf Widerruf Spielverbot hätte, rastete er aus. Er schrie den Trainer an und wollte wissen wieso. Als er erfuhr, welches GERÜCHT über ihm im Umkreis war, schoss ihm nur ein Gedanke durch den Kopf: ‚MATSU!!!’ Er flehte den Trainer an, ihn doch wenigstens trainieren zu lassen, aber dieser hatte die strikte Anweisung, ihn auszuschließen, bis der Ausschuss das Urteil über ihn gefällt hatte. Nichts half, der Trainer blieb hart. Also ging Takuto auf sein Zimmer. Ein Blick in die Runde zeigte ihm, dass sein Zimmergenosse ausgezogen war. ‚Kein Wunder dieser gehörte zu den engsten Freunden von Matsu. Aber wenigstens bin ich jetzt allein hier.’ Er haute sich auf das Bett und weinte in die Kissen. Als er sich beruhigt hatte, griff er zum Telefon und wählte Kôji’s Nummer. Noch völlig aufgelöst, erzählte er ihm von dem Vorfall, allerdings bekam Kôji von den immer wieder in Tränen untergehenden Wörtern nur die Hälfte mit. Aber er wusste was zu tun war. Zuerst beruhigte er ihn wieder und versprach mit Katsumi zu reden. Als Takuto dann noch sagte er würde am liebsten abreisen, hätte aber nicht genug Geld mitgenommen, sagte Kôji er solle nichts unüberlegtes tun. Erst einmal solle er versuchen zu schlafen. Er selbst würde morgen ganz früh da sein und ihn abholen. Etwas beruhigt legte Takuto auf.
Kôji indes stürzte so schnell er konnte zu Katsumi’s Zimmer. Er teilte ihm mit, dass Takuto vom Training bis auf weiteres ausgeschlossen sei, da Matsu von ihrem Verhältnis im Team erzählt hatte. Der Presse sei wohl auch was zu Ohren gekommen. Katsumi’s Augen weiteten sich. „MIST! Ich hab’s geahnt…. Aber ich werde versuchen zuretten, was zu retten ist. Was machst du jetzt?“ „Ich hole ihn ab. Er hat nicht genug Geld mitgenommen und will so schnell wie möglich von dort weg.“ „Mach es nicht noch schlimmer. Halt dich von der Presse fern. Okay?“ „So weit ich’s kann… Izumi geht vor.“, damit drehte er sich um, schnappte sich einen weiten Mantel und die Autoschlüssel von Katsumi’s Wagen und machte sich auf den Weg zum Flugplatz. Etwas hatte er in der Eile allerdings übersehen. Der Tank war fast leer. Er kam noch bis außerhalb der Stadt, die halbe Strecke zum Flughafen hatte er schon hinter sich gebracht, da blieb der Wagen auf einmal liegen. „SCHEI*E!!!“ Wütend sprang er aus dem Wagen, den er noch mit Müh und Not an den Straßenrand schieben konnte, dann sah er sich um. Seit einer ganzen Zeit hatte er schon kein anderes Fahrzeug gesehen. Er schloss den Wagen ab und sah sich nochmals um. „Hoffentlich kommt bald einer.“ Während er sich zu Fuß weiter in Richtung Flughafen aufmachte, sah er sich von Zeit zu Zeit hinter sich. Endlich nach etwa zwanzig Minuten, sah er am Horizont einen Sportwagen auftauchen. Er winkte und der Wagen fuhr langsam an ihn heran, hielt neben ihm. „Vielen Dank, würde sie mich bitte bis zum Flughafen mitnehmen? Ich hatte leider eine Panne.“ „Aber gerne doch“ Die Türe wurde von innen geöffnet und Kôji stieg ein.“ Die junge Frau versuchte immer wieder Kôji in ein Gespräch zu verwickeln, aber seine Gedanken weilten ganz wo anders. So hörte er nur mit halbem Ohr zu, was sie sagte, und warf hin und wieder mal ein „Hmm…“ ein. Während dessen sah er nur stur die Landschaft an sich vorbei ziehen. Plötzlich stippte sie ihn an. Er schrak auf und sah ihr erstaunt in die Augen. „Da wären wir. Dort drüben ist der Flughafen.“ Erst jetzt schaltete er was los was. „Vielen Dank fürs mitnehmen.“ Dann sprang Kôji so schnell als möglich aus dem Auto. „Sie können gerne noch weiter mitfahren.“, meinte die Frau hinter dem Steuer und betrachtete ihn ungeniert von Kopf bis Fuß. Unwillkürlich leckte sie sich ein wenig die Lippen. Kôji’s schlanke Gestalt, die silbernen langen Haare und die Augen gefielen ihr ausnehmend gut. „Nein, danke. Ich bin genau da wo ich hinwollte.“, lehne er ab. „Nochmals vielen Dank fürs Herbringen.“ Die Frau zögerte noch einen Augenblick, da sie noch nicht jegliche Hoffnung auf ein kleines Abenteuer aufgeben wollte. „Sind sie sicher, dass ich sie nicht weiter mitnehmen kann. Um diese Zeit geht von hier kein Flieger mehr ab.“ Kôji zog den Mantel fester um sich und warf ihr einen Blick zu, der mehr als eindeutig war. „Ja ich bin mir sicher, dass ich hier bleibe.“ Damit drehte er sich um und ging. Er hatte Glück. Katsumi hatte in der Zwischenzeit geregelt, dass er mit einem kleinen Privatflieger mitfliegen konnte. Er wurde bereits erwartet.
Der Flug verging sehr schnell. Er hatte vor lauter Sorgen die er sich gemacht hatte, gar nicht mitbekommen, dass er in der Zwischenzeit kurz eingenickt war. Ein kurzer, unruhiger und wenig erholsamer Schlaf war es gewesen. Und ehe er sich versah, landeten sie. Schnell verabschiedete er sich und sagte sie würden mit dem regulären Flug zurückfliegen, da der 2. Passagier der noch mit in der Maschine saß, noch ein Stück weiter musste. Dann drängte es ihn zum Ausgang.
Als er mit dem Taxi vor dem Hotel ankam, wurde dieses schon belagert. Schnell wickelte er den Mantel enger um sich, stellte den Kragen auf und bat den Fahrer zu warten, da er gleich wieder käme. Es könne allerdings sein, dass er kurz den Eingang wechseln müsse. Der Fahrer nickte verstehend und versprach das Hotel im Auge zu behalten. Dann schlich Kôji sich an der Presse vorbei und traf bereits in der Hotelhalle auf Takuto. Dieser saß in Gedanken versunken in einem Sessel. Der Hoteleigner hielt mit seinen Leuten die Presse aus seinem Hotel fern, deshalb konnte er sich hier unten aufhalten. Bei dem Geräusch von Schritten schrak er jedoch aus seinen Gedanken auf. Kôji näherte sich ihm. Dann trafen sich ihre Blicke. Der eine in sich zusammen gesunken, wie ein Häufchen Elend, der andere groß und stattlich, strahlte soviel Selbstbewusstsein und Stärke aus, dass man glauben konnte, er habe alles im Griff. Takuto schloss wieder die Augen. Mit einem Blick in die Runde ging Kôji zum Portier und fragte nach einem zweiten Ausgang. Dieser nickte. Takuto war inzwischen langsam aufgestanden und hatte, während Kôji sich mit dem Mann unterhielt, sich zu ihnen gesellt. Dieser verließ nun seinen Posten und führte sie nach hinten. Kôji gab Takuto kurz vor dem Ausgang noch seinen Mantel, damit er ihn überziehen konnte. Dann steckte er den Kopf aus dem Hinterausgang und winkte das Taxi dichter. Als es endlich da war und sie auch schon in ihm Platz genommen hatten und gerade abfahren wollte, hatte jemand aus der Meute Takuto erkannt und versperrt dem Taxi den Weg. In wenigen Augenblicken war das Taxi von der Presse eingekreist. Sie wollten eigentlich gleich zum Flughafen, doch mit dem Taxi kamen sie erst mal nicht weiter. Nachdem endlich - nach fast einstündigem Bedrängen - ein mitleidiger Polizist dafür sorgte, dass das Taxi mit seinen beiden Passagieren seine Fahrt fortsetzen konnte, mussten sie am Flughafen feststellen, dass sie ihren Flieger verpasst hatten. Also beschloss Kôji, dass sie weiter zum Hafen fuhren, um mit einem Schiff von dort zu verschwinden und um dann zu einem der größeren Flughafen zu kommen, von welchem aus sie vielleicht morgen noch nach Hause fliegen konnten, denn von diesem Flughafen aus – das wusste er noch von Katsumi -, wäre es erst in einer Sondermaschine oder in 3 Tagen wieder möglich gewesen.
Nach einiger Suche mussten sie jedoch feststellen, dass so spät am Abend kaum noch ein Schiff auslief. Das nächste Passagierschiff fuhr auch erst in zwei Tagen. ‚Mein Gott, in was für einer verlassenen Ecke sind die hier bloß zum Training gefahren.’, schoss es Kôji durch den Kopf. Hilflos sah er sich um, bis ihm einfiel, auf den kleineren Frachtschiffen nachzufragen, ob einer von denen in die gewünschte Richtung fuhr und sie vielleicht mitnimmt. Endlich erfuhr er von einem Kapitän, auf welchem Liegeplatz er ein entsprechendes Schiff finden konnte. Aber als Kôji eilig von Bord ging, rief der ihm noch hinterher, dass der Kapitän sicher keine Passagiere an Bord nimmt.
‚Das einzige Schiff, welches in etwa einer Stunde auslaufen sollte, war also ein kleines schon etwas älter aussehendes Frachtschiff, welches normalerweise keine Passagiere an Bord nahm.’, überlegte Kôji. ‚Egal wie, wir müssen da mit.’ Deshalb ließ Kôji Takuto erst einmal am Ufer zurück und betrat alleine den Frachtkahn, um mit dem Kapitän zu verhandeln. Gerade wurden die letzten Stücke der Ladung, mit einem Kran auf das Schiff gehievt. Takuto stand am Kai und beobachtete das. Nachdem Kôji dem Kapitän ihre Lage erklärt und ihm ein paar Scheinchen zugeschoben hatte, zeigte sich dieser dann doch endlich geneigt, die Beiden mitzunehmen, machte ihm aber auch gleich klar, dass sie nicht mit Luxus zu rechnen hätten. Kôji warf Takuto über die Reling einen schnellen Blick zu, sah wie niedergeschlagen, traurig und müde er war und nickte dann. Also ging er ihn holen. „Wir können mit, aber es sind sehr einfache Kabinen, wirklich nur zum schlafen. Kein Luxus.“ Dann lächelte er Takuto an, der ihm einen erschöpften Blick zu warf. „Es wird schon wieder. Wir müssen nur so schnell wie möglich zurück sein. Schneller als das Team, damit wir unseren Gegenangriff starten können.“ Zu zweit betraten sie nun das Schiff und der Kapitän zeigte ihnen sogleich zwei der kleinen Quartiere, welche sonst, bei größeren Fahrten, eigentlich von Matrosen bewohnt wurden. Die Räume lagen nebeneinander. Kôji besah sie sich genauer. Sie waren zwar sehr sauber, aber da die beide Räumen unterhalb der Wasseroberfläche lagen, hatten sie natürlich auch keine Bullaugen. Die Luft war warm und etwas stickig. Außerdem waren sie ziemlich winzig, also nicht groß genug, als dass sie eine zweite Koje hätten aufnehmen können und die Pritschen selbst viel zu schmal, als dass eine zweite Person darauf Platz gehabt hätte. Trotzdem beschlossen sie, dass es für die Überfahrt reichen würde. Der Kapitän sagte ihnen noch, dass sie in 30 Minuten ablegen würden und gegen 5.30 Uhr morgens an ihrem Ziel ankämen. Er würde sie gegen 5 Uhr wecken kommen. Dann wünschte er ihnen eine „Gute Nacht“ und verließ sie.
Erst jetzt sah Takuto sich um. Er hatte noch nie in einem Raum ohne Fenster geschlafen. Schnell warf er einen Blick auf Kôji und sah nur seine weit aufgerissenen Augen. Als er Takuto’s Blick auf sich fühlte, fasste er sich sofort wieder und lächelte ihn an. „Alles in Ordnung, Kôji?“ „Ja, für eine Nacht wird’s schon gehen. Und bei dir?“ „Hm…“ Takuto und Kôji einigten sich schnell, wer welche Kabine nahm und Takuto stellte seine Tasche aufs Bett. Dann drehte er sich um, und ging auf Kôji zu, der immer noch in der Türe stand. „Kôji, ich muss jetzt allein sein.“ Damit schob er ihn sanft aber nachdrücklich hinaus und verriegelte seine Tür. Wie ein wildes Tier lief er drinnen hin und her… her und hin… Eine ganze Zeit war inzwischen verstrichen, die er so in seinen Gedanken versunken war, da hielt er es nicht mehr aus. Leise verließ er die Kabine und ging zu Kôji’s. Unschlüssig stand er vor der Kabinentür und starrte sie an. Dann nahm er seine ganze Kraft zusammen und öffnete sie leise. Als er in die Kabine trat, lag Kôji mit geschlossenen Augen auf dem Bett. Langsam schritt er durch den Raum und sah sich um. Plötzlich… ganz unerwartet… drehte sich zu ihm um und wie gebannt sah er in die dunklen, gleichzeitig unergründlich tief wirkenden Augen, die ihm bei seinem Tun nicht aus den Augen gelassen hatten. Wie unter einem Zwang wanderte sein Blick tiefer und Takuto starrte auf die weichen geschwungenen Lippen. Er stellte sich vor, wie er mit seinem Zeigefinger die sanften Lippen nachzeichnen, sich zu ihnen hinunterbeugen und seinen Mund mit seinen Lippen streicheln würde. In seiner Phantasie spürte er, wie Kôji erzitterte und ihn dann fest an sich drücken würde, als sich ihre Lippen berührten. ‚Doch halt, das ist Wahnsinn’, rief er sich still zur Ordnung. ‚Ist es nicht gerade das, was man ihm vorwarf? Hatte er sich tatsächlich in ihn verliebt, so dass er ihn inzwischen genau so brauchte, wie dieser ihn?’ Takuto schüttelte leicht den Kopf und verließ dann wieder den Raum. Er spürte den salzigen Geschmack von Tränen. Solange er bei Kôji gewesen war, hatte er sich mit Macht beherrscht, aber nun… Er merkte wie seine Gefühle die Oberhand nahmen. In ein paar Minuten würde das Schiff auslaufen. Was wird passieren, wenn sie wieder zu Hause sind? Ob er je wieder spielen durfte? Oder ob Matsu inzwischen alle aufgestachelt hatte, wie das Team. Er ertrug die Blicke nicht, die man ihm zugeworfen hatte. Er hatte gesehen wie die anderen hinter seinem Rücken getuschelt hatten. Takuto ließ sich da wo er stand plötzlich zu Boden fallen, zog die Beine dicht an den Körper und hielt sich die Ohren zu. Aber es half nichts – diese Stimmen waren in seinem Kopf und blieben dort. Also schloss er die Augen und versuchte die Stimmen mit schöneren Erinnerungen zu vertreiben. Eine ganze Zeit lang ließen die Stimmen es jedoch nicht zu, dass sich andere Bilder vor seinen Augen auftaten. Doch endlich formten sich die Bilder: Er und Kôji waren etwa acht Jahre alt. Sie waren mit seinen Eltern unterwegs, bei einem ihrer gemeinsamen Ausflüge, welche das ganze Wochenende dauerten. Sie waren auf eine kleinere Insel gefahren, auf welcher die Natur noch intakt und welche bei Ebbe mit einer größeren verbunden war. Er sah Rehe, die sie beobachteten. Sie folgten diversen Tierspuren. Kôji und er sahen sich an, lachten. Sein Blick blieb plötzlich an Kôji hängen, denn dieser war plötzlich still geworden und sah ihn nachdenklich an. Takuto fiel dieser Gesichtsausdruck auf. ‚Was war das? Kann es sein, dass er damals schon seine Gefühle für mich entdeckt hatte? Aber sie waren Kinder?! Wussten noch nicht, was auf sie zukommt, welche Wege das Schicksal für sie bestimmt hatte, das es sie trennen und nach Jahren wieder zusammenführen würde, was sie heute füreinander bedeuteten.’ Plötzlich schrak er auf. Kôji kniete vor ihm, nahm ihm die Hände von den Ohren und sah ihm tief in die traurigen Augen. „Izumi, es wird alles wieder gut.“ „Kann es das überhaupt? Kann ich je wieder spielen?“ „Wir werden sehen was passiert, wenn dein Team wieder zu Hause ist. Vielleicht nimmt die Presse das ja nicht so ernst. Wir werden sehen… Außerdem… es gibt keinen besseren Spieler als dich. Sie können nicht auf dich verzichten, wenn sie gewinnen wollen. Das weißt du doch, oder? Außerdem haben wir noch einen Trumpf. Wir schildern der Presse Matsu’s Angriff auf dich und drehen den Spieß um. Dann wird sich die Presse erst einmal auf ihn stürzen.“ Er lächelte ihn an, während er ihm vorsichtig eine Träne wegwischte, welche ihm gerade über die rechte Wange lief und zog ihn dann sanft hoch. „Komm, lass uns erst einmal nach Hause fahren und dann sehen wir weiter.“ „Nach… Hau…se?“, kam es gedehnt. „Ich… ich kann nicht… nicht zu den Horiuchi’s… Nicht jetzt…“ „Nein, du kommst mit zu uns. Du hast doch immer noch dein Zimmer bei Katsumi, und den Horiuchi’s sagen wir wo du dich aufhältst, damit sie dich erreichen können, wenn du wieder rehabilitiert bist. Okay?“ „Ja… Danke Kôji.“ „So und nun komm.“ Kôji zog ihn sanft auf die Beine und brachte ihn noch bis zur Kabinentür. „Jetzt legst du dich hin und versuchst ein paar Stunden zu schlafen. Wenn was ist… ich bin nebenan.“ Takuto nickte. Kôji strich ihm noch mal leicht über die Haare, bevor er sich mit einen Lächeln umdrehte und zur Tür hinausging. Takuto setzte sich aufs Bett, stellte seine Tasche runter, legte sich hin und starrte noch eine Weile an die Decke. Dann hörte er wie Kôji die Kabine neben seiner betrat. Kôji’s Koje stand auf der anderen Seite der Wand. Nur ein paar dünne Planken trennten ihre Körper voneinander. Takuto wagte nicht sich zu bewegen. Und atmete lautlos ein und aus. Wie gerne würde er jetzt in Kôji’s Armen liegen und sich von ihm trösten lassen, aber sie waren eben nicht auf einem Passagierschiff. Innerhalb weniger Minuten konnte Takuto an den Geräuschen der gleichmäßigen Atemzüge erkennen, welche durch die dünnen Wände drangen, dass Kôji tief und fest schlief. Nach einer Weile fiel ihm auf, dass er selbst nicht mehr so beunruhigt war. Kôji war nicht weit weg. Im Gegenteil er war jederzeit für ihn da und sie hatten Freunde. Was nun kommt, würde er mit ihrer Hilfe schon durchstehen. ‚Hoffentlich.’, dachte er, ‚…wird es nicht das Ende für mich auf dem Fußballplatz. Und wenn doch…?’ Lange lauschte Takuto noch auf die Laute, die durch die dünne Wand zu ihm drangen. Unwillkürlich passte er seinen Rhythmus Kôji’s Atemzügen an. Es war gut zu wissen, dass er so nah war. ‚Schöner wär’s jedoch, jetzt in seinen Armen zu liegen. Eine leichte brennende Röte stieg ihm in die Wangen, doch da er inzwischen das Licht gelöscht hatte, wurde sie durch die Dunkelheit verschluckt.
Das Schiff glitt inzwischen ruhig durch die Wellen und an Bord war es still geworden. Takuto drehte sich mit dem Gesicht zur Wand und wollte gerade ins Traumland entschwinden, als er auf einmal wieder hellwach war…. Er hörte wie Kôji sich auf seiner Pritsche ungestüm hin und her warf und dabei ununterbrochen stöhnte. ‚Träumte er schlecht?’, fuhr es ihm durch den Kopf. „Kôji ist alles in Ordnung mit dir?“, flüsterte Takuto mehr als er es sprach und stützte sich auf den Ellbogen auf, den Blick in Richtung Wand. Kôji jedoch gab keine Antwort. Aber Takuto spürte Angst und Schmerz in seiner Stimme. „Kôji!“ Takuto schlug mit seiner Faust gegen die Planken. „Kô-ji! Was ist Kôji?“ Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Takuto wollte gerade aufspringen und zu Kôji’s Kabine hinüber eilen, als er ihn hörte: „Es ist nichts. Schlaf nur wieder Izumi!“ Takuto ließ den Kopf wieder auf das Kissen sinken und lauschte noch angestrengt nach nebenan. Aber es blieb ruhig. Kôji hingegen lag mit offenen Augen, den Kopf auf dem linken Unterarm gelegt, in seiner Koje und starrte die Decke an. Die Ausstattung dieser Kabine hatte ihn an das Kellerloch erinnert, in dem er Jahre seines Lebens verbracht hatte. Dadurch war auch dieser Albtraum hervorgerufen worden. Sein Herz raste noch. Entschlossen zog er sich die Decke fester um die Schultern, rollte sich auf die Seite und zwang sich die Augen zu schließen. Nach einer Weile war Takuto eingeschlafen, Kôji jedoch konnte es noch nicht gleich wieder.
Früh am Morgen – oder besser gesagt, es war noch mitten in der Nacht, gegen 1.45 Uhr – telefonierte Kôji dann mit dem Handy mit Katsumi. Er erklärte ihm was vorgefallen war und erzählte ihm auch noch mal das was Matsu Izumi damals antun wollte und dass dieser höchstwahrscheinlich hinter allem steckte. Katsumi, selbst noch mit Schlaf in den Augen, machte sich ein paar Notizen und noch bevor Kôji und Izumi um 5.30 Uhr dass Schiff verließen, war die Gegenaktion geplant, welche Katsumi auch sofort in die Tat umsetzte. Nachdem Kôji das Gespräch beendet hatte, legte er sich wieder hin und schloss die Augen. Er stellte sich Izumi vor und schlief langsam ein. Ein Traum jagte den anderen, die Szenen wechselten öfter als ihm lieb war... Auf einmal befand er sich mitten im Wald wieder, wo goldenes Sonnenlicht durch das Blätterdach fiel. Plötzlich sah er Izumi, wie er nackt im Moos neben einem See lag. Er ging auf ihn zu und legte sich zu ihm. Sein Körper fühlte sich fest und warm an. Aber sie waren beide erst etwa acht. ‚Eine Erinnerung aus der Kindheit.’, fuhr es in seine Gedanken. Trotzdem fühlte Kôji einen schnelleren Herzschlag in seiner Brust. Dann waren sie plötzlich erwachsen. Er sah die gleiche Gegend, aber irgendwie war sie es auch nicht. Sie hatte sich verändert, wie die Personen, die sich dort aufhielten. Er barg sein Gesicht in Izumi’s Halsbeuge und presste die Lippen auf die Stelle, wo sein Pulsschlag sichtbar war. Seine Haut schmeckte ein wenig nach Salz und Sonne und der Duft seiner Haut stieg Kôji verführerisch in die Nase. Er strich mit beiden Händen über die nackte Haut, presste Takuto’s Hüften an seine. Dann neigte er den Kopf um seinen Körper zu liebkosen. Er spielte mit seinen Lippen auf Izumi’s Körper. Ihre Lippen fanden sich immer wieder. Die Erregung wuchs – Kôji dachte sein Herz müsse vor Lust und Begierde zerspringen – und er zog Takuto mit sich in das hohe Gras. Scheu doch mit unverkennbarer Leidenschaft und bereitwillig öffnete er sich ihm, schlang ihm beide Arme um den Nacken. Kôji zog seinen Kopf zu Izumi’s Gesicht um ihn hingebungsvoll zu küssen. Er spürte Izumi’s Zunge in seinem Mund, es füllte sich an wie ein Tanz von kleinen Flammen, die plötzlich in seinen Mund schossen… Er schloss die Augen,… in dem Moment bewegte Izumi sich ungestüm unter ihm. Er kämpfte plötzlich mit ihm und bevor er wusste wie ihm geschah, war Takuto verschwunden. Erneut wachte er auf. Sein Herz raste wieder wie wild. Was hatte das zu bedeuten? Bedeutete es überhaupt was? Leise horchte er in die Stille der Nacht. Er setzte sich auf der Koje auf und starrte auf die Wand hinter der er Izumi wusste. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es 3.05 Uhr war. Sie waren schon seit einigen Stunden auf See. Takuto schlief bestimmt noch tief und fest. Stören wollte er ihn nicht, also legte er sich wieder hin und blieb erst einmal still liegen. ‚Noch etwa 2 1/2 Stunde...’, dachte er sich. ,…dann sind wir auf dem Weg zum Flughafen.’ Kôji schloss erneut die Augen und atmete dieses Mal tief ein und aus. Was für ein Traum. Sollten das etwa schon Entzugserscheinungen sein? War er inzwischen so auf Izumi fixiert, dass selbst wenn sie sich ein paar Tage nicht sahen oder miteinander verbrachten, dass solche Träume in ihm auslösten. Aber er hatte ihn doch in den vergangenen Stunden gesehen, seinen Kummer versucht zu vertreiben… Oder war es einfach nur dieser für ihn ungewöhnliche Ort? So in Gedanken versunken, schlief er erneut ein. Doch auch dieses Mal sollte es nicht traumlos geschehen. Denn in einem anderen Traum lag er selbst nur mit einer silbernen Badehose bekleidet auf einer von Sonnenlicht überflutenden Wiese, mitten in einem Meer aus weißen Blüten. Nach und nach wurde ihm bewusst, dass er nicht alleine dort war, sondern dass jemand neben ihm liegen musste. Er setzte sich auf, drehte den Kopf und sah wie ihn ein paar braune Augen anlächelten. Izumi’s Augen. Sein Körper war ganz und gar von weißen Orchideen eingehüllt, so dass nur der Kopf herausragte. Er sah, wie er selbst eine Hand ausstreckte und langsam Blüte für Blüte von seinem Körper nahm, dabei von jeder den Geruch tief ein sog und dann die Stelle küsste an der sie Izumi’s Körper berührt hatte. Anschließend bedeckte er die Stelle an Izumi’s Körper, die er gerade freigelegt hatte, mit heißen Küssen. Langsam arbeitete er sich von unten nach oben vor – von den Zehenspitzen zum Hals... Er bemerkte wie Izumi’s Atem schneller ging, als er die letzte der Blumen von seinem Herzen herunternahm. Doch auf einmal verwandelte sich die eben noch strahlend weiße Orchidee in eine wunderschöne, eben erst halb erblühte, dunkelrote Rose. In eine Rose ohne Dornen. Izumi stöhne unterdrückt auf, als Kôji sie aus der Hand legte und seine Hand nun tiefer wandern ließ, kurz seinen Bauchnabel berührte und sich dann in tiefere Regionen vortastete. Immer wieder entlockte er Izumi durch sein sanftes Streicheln stöhnende Laute und steigerte so auch seine eigene Erregung ins beinahe unerträgliche. Unwillkürlich breitete sich in seinen Lenden eine prickelnde Wärme aus. Kôji spürte wie wildes Verlangen ihn schmerzhaft durchschoss, als er ihn so verführerisch da liegen sah. Izumi bewegte seine Hüfte, seine Schenkel Kôji entgegen, rief flehend Kôji’s Namen. Letztendlich konnte er sich nicht länger beherrschen, drückte Izumi’s Beine auseinander und drang in ihn ein… Plötzlich war ihm, als fiele er. Er fiel und fiel und fiel und landete plötzlich unsanft wie auf hartem Stein. Wieder wachte er auf. Er bemerkte, dass dieser Traum nicht ganz ohne Folgen geblieben war. Leise stand er auf, um die verräterischen Zeichen zu entfernen. Immer noch schwer atmend überlegte er, ob er zu seinem Izumi rüber gehen sollte. Aber er hätte ihn wecken müssen, damit er die Türe aufriegelte. Also legte er sich wieder hin, drückte sich ganz dicht an die Holzplanken und lauschte seiner gleichmäßigen Atmung. Plötzlich schüttelte Kôji dem Kopf und dann sagte er leise vor sich hin: „So kann es nicht weiter gehen. Oder… ich werde noch dabei verrückt.“ Das Schiff glitt unterdessen fast lautlos durch die Wellen dahin, ihrem eigentlichen Ziel dabei immer näher kommender. Plötzlich hörte Kôji ein Geräusch von nebenan. Leise klopfte er an die dünne Wand. „Hmmm… ? Kôji?“, antwortete es von dort. „Ja, Izumi.“ „Was ist? Wir haben noch Zeit. Es ist doch noch sehr früh.“ „Izumi?“ „…Hm?...“ „Izumi, kann ich rüberkommen?“ Takuto riss die Augen auf und guckte ungläubig. Plötzlich war er hellwach. ‚Was hat er?’ Leise stand er auf, zog sich was über, entriegelte die Tür und schloss sie hinter sich. Dann ging er die fünf Schritte zu Kôji’s Tür. Der Gang war dunkel, aber als er gerade an seine Türe klopfen wollte, wurde sie aufgerissen und er hineingezogen. Kôji zog ihn in seine Arme und hielt ihn ganz fest an sich gepresst, während er mit einem leichten Fußstoß die Türe wieder zustieß. Takuto schloss die Augen, kuschelte sich an ihn und umarmte Kôji nun ebenfalls. Eine ganze Weile standen sie so im Raum, eng umschlungen. Sie vergaßen total die Zeit. Irgendwann klopfte der Kapitän an Kôji’s Kabine und rief dann, dass das Frühstück bereit sei. Sie sahen sich an und nach einem langen Kuss lösten sie sich voneinander. Der Kapitän war schon wieder verschwunden, als Takuto in seine Kabine zurückging, um sich fertig zu machen.
Als sie dann im Speiseraum ankamen, kam ihnen der Kapitän mit einem Zettel in der Hand entgegen, welchen er Kôji reichte. „Sie hatten wohl ihr Handy ausgeschaltet?“, grinste er ihn an. „Da hat vor einer Stunde jemand krampfhaft versucht sie zu erreichen. Tja, zum Glück gibt’s auf diesem Schiff Funk…“ Kôji las den Zettel und warf Takuto einen lächelnden Blick zu, der ihn fragend ansah. „Von Katsumi. Unser Flieger geht um 8.40 Uhr nach Tokyo. Katsumi hat schon alles arrangiert und bezahlt. Er holt uns dort dann ab.“ Der Kapitän nickte. „Wir legen pünktlich an. Einer meiner Leute begleitet sie. Essen sie schnell noch was, dann machen sie sich bitte fertig, im Beiboot das Schiff zu verlassen. Er bringt sie beide rüber und kümmert sich dann um sie. Er hat seinen Wagen hier und bringt sie gleich zum Flughafen. Dann sind sie schneller da, als wenn wir hier erst einen Liegeplatz zugewiesen bekommen. Sonst könnte es sein, dass sie wieder den Flieger verpassen. Man weiß nie wie lange das dauert. Und Taxen sind hier schlecht zu bekommen.“ Kôji nickte verstehend, bedankte sich dann bei dem Kapitän und während Takuto sich das Frühstück schmecken ließ, holte Kôji schon mal ihre Sachen. Was er Takuto nicht gesagt hatte war, dass Katsumi auch schrieb, dass bereits etwas über Takuto in der Zeitung stand und das Kôji dafür sorgen sollte, dass er diese Ausgabe nicht in die Hand bekam, das hieß so viel wie ihn im Flughafen und im Flieger von Tageszeitungen fernzuhalten. Nachdem er in seiner Kabine ankam, rief er Katsumi gleich noch mal mit dem Handy an. Der befreundete Reporter saß bereits neben Katsumi und nahm das Gespräch gleich auf. Kôji erzählte nochmals, was er Katsumi bereits über diesen Matsu erzählt hatte und wie aufgelöst er Izumi damals fand, als er ihn abholen wollte. Der Reporter würde dafür sorgen, dass die Geschichte so schnell wie möglich an die Öffentlichkeit käme, um Matsu als Verleumder darzustellen, der von Takuto abgewiesen worden war. Sie hofften, dass sie so Izumi’s Ruf wieder herstellen konnten. Das sich die Presse damit auf Matsu stürzen und das bisherige Opfer Takuto vergessen würden. Das Spiel war riskant, aber etwas anderes fiel ihnen auf die Schnelle nicht ein. Zwar könnte es sein, dass dieser Matsu dann ausgeschlossen wird, aber das war Kôji herzlich egal. Er hatte es nicht anders verdient. Man soll eben nie mit dem Feuer spielen, an dem man sich selbst verbrennen könnte und das hatte er eindeutig getan. Kôji hatte nur einen Gedanken: Er wollte seinen Izumi beschützen, ihn wieder lächeln sehen. Und wenn lächeln nur in Frage kam, wenn er spielen konnte, so sollte er auf seinen Fußball eben nicht verzichten müssen. Jeder Weg war ihm dazu Recht. Als er das Gespräch beendet hatte, kehrte er mit ihrer beider Sachen zu Takuto zurück, welcher sich in der Zwischenzeit recht angeregt mit dem Kapitän über Fußball unterhalten hatte.
Einige Stunden später waren sie endlich wieder zu Hause. Katsumi hatte sorgsam alle Zeitungen entfernt. Kôji sorgte dafür das Takuto an diesem Tag erst einmal nur Aufzeichnungen im Fernsehen zusehen bekam, wenn sie sich im Haus aufhielten. Trotzdem ließ er ihn keinen Augenblick alleine. Am nächsten Tag klingelte schon seit dem frühen Morgen in einer Tour das Telefon und alle möglichen Reporter, Pressefritzen und auch Leute von Takuto’s Fußballverein riefen an, um von ihm Stellungnahmen zu bekommen. Doch Katsumi wimmelte alle ab, in dem er auf den Reporter verwies, der die offizielle Geschichte als Exklusivstory herausgebracht hatte.
TEIL 20Takuto und Kôji wurde erst einmal so gut es ging, von allem was Presse betraf, ferngehalten. Katsumi hielt die Fäden in der Hand und es sah so aus, als ob die Presse Takuto anfing zu vergessen…
Endlich war der Tag des großen Konzertes… Kôji hatte schon den ganzen Tag Lampenfieber und lief nur wie ein Nervenbündel durch die Gegend. Da er zu nichts zu gebrauchen war, hatte Katsumi Takuto geben sich seiner anzunehmen und so sah man die Beiden den ganzen Tag zusammen. So fuhren sie auch gemeinsam hin und Takuto hielt sich während des Umkleidens in Kôji’s Kabine auf. *** Ein Gekreische… ein Gejohle… Die Mädchen flippten förmlich aus, als Kôji endlich die Bühne betrat. Einige weinten vor Freude, doch andere fielen auch einfach um, und mussten von Ordnern heraus getragen werden. Langsam ließ Kôji sein Blick über die Massen streifen, bis er an einer Loge hängen blieb. Bis jetzt saß nur ein Mädchen darin – Serika. Plötzlich ging die Tür auf und Takuto erschien, hinter ihm Katsumi. Er setzte sich neben seine Schwester und Katsumi sich auf seine andere Seite. Als Kôji seinen Blick eingefangen hatte, nickte er kurz und mit einer herrischen Handbewegung brachte er die Massen zum Verstummen. Welch ein Wunder! Als er das Mikrofon zum Mund führte, war es so leise im Saal, dass man eine Nadel zu Boden hätte fallen hören können. Es war als ob keiner auch nur ein Wort oder einen Ton überhören wollte. So still. Fast schon unheimlich. Die Musik setzte ein und Kôji stellte so nach und nach seine Band vor. Jeder gab eine kleine Einlage an seinem Instrument, und als das überstanden war, richtete er seine Augen wieder in Richtung Loge und begann sein Konzert mit einem zuherzen gehenden Liebeslied. Eben diesem Lied, welches er geschrieben hatte, als er seinen Izumi schlafend am Kaminfeuer beobachtet hatte. Der Beifall war tosend, kaum zu bremsen. Ein Lied folgte dem Nächsten, zwischendurch verschwand er 2 – 3 Mal und ließ die Mietglieder seiner Band ihre Einlagen bringen. Die ganze Zeit über, wo er seiner Stimme eine kleine Erholung gönnte, stand er aber so, dass er die Loge genau im Blickwinkel hatte. Endlich… nach 68 min war Pause. Man merkte Kôji an, das er gar nicht schnell genug in seine Garderobe kommen konnte. Katsumi brachte Takuto wenige Minuten später hin. „Puuh, dass sind ja Massen. Das ist ja schon ein kräftiger Spießrutenlauf, um hierher zu kommen.“, sagte Takuto mit grinsendem Gesicht als er Kôji sah. „Ich gratuliere dir und den anderen zu eurem Erfolg.“ Ohne Rücksicht auf die Anderen sich im Raum befindlichen Leute zu nehmen, stürzte er auf Takuto zu und umarmte ihn. „Danke“ „He, he nicht so stürmisch. Du tust ja so, als ob wir uns schon ewig nicht gesehen haben. Hast du vergessen, ich sitz da mit im Raum.“ „Eben weil du da mit sitzt, ist der Erfolg so groß. Wenn du nicht da wärst, könnte ich nicht so singen“, sagte Kôji und lockerte seinen Griff. „Wahnsinn, wie du die Massen beherrscht… ich staunte… ein Bewegung und alles war mucksmäuschenstill.“ Kôji nahm einen Schluck aus seinem Glas, bevor er sich wieder Izumi zuwandte. „Tja, gekonnt ist gekonnt.“ So gab ein Wort das andere, während Kôji verzweifelt versuchte sei Kostüm abzulegen. „Ich will ja nicht stören“, mischte sich nach einiger Zeit Katsumi ein, „aber ich glaube wir sollten langsam zurückgehen, schließlich ist die Pause gleich um, und Kôji muss sich noch zu Ende umziehen.“ „Okay, guck schon mal ob du Luft rein ist.“ Katsumi ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt, sah aber das die Massen gerade alle in den Saal zurückkehrten, schnell zog er Takuto hinter sich her aus der Tür, um wenig später die Treppe zu den Logen zu erreichen. Als Kôji sich umgezogen hatte, und zur Loge schielte, saßen die Beiden schon wieder auf ihren Plätzen. Die Musiker hatten ihre Plätze schon eingenommen, als Kôji mit einem letzten Blick in Richtung Spiegel, durch den Vorhang trat, und die kreischenden Mädchen, wie beim ersten Mal, auf einmal still wurden.
Stille herrschte im ganzen Raum. Spannung lag in der Luft. Noch auf dem Weg zu seiner Band, erfolgte die Ansage für das nächste Lied. Die Musik setzt ein, als er auf seinem Platz ankam. Seinen Blick hatte er dabei fest auf Takuto’s strahlendes Antlitz in der Loge geheftet. Kôji beugte sich kurz vor, während er das Mikrofon wieder zum Mund führte … Doch da… Plötzlich hallte ein Schuss durch den Saal. Kôji verzog sein Gesicht, faste sich an die linke Schulter, dann stürzte er zu Boden. Für Sekunden herrschte Schweigen. Takuto sprang von seinem Platz auf. Mit weit aufgerissenen Augen stützte er sich mit beiden Händen am Geländer ab. Sein Oberkörper weit darüber vorgebeugt. Er starrte auf das Geschehen. Blitzschnell war Kôji von Sicherheitsleuten umgeben, die ihm jede Sicht nahmen. Unerwartet spürte er zwei brennende Augen, die auf ihn gerichtet waren. Der Blick kam von unten – aus dem Saal. Sein Blick irrte umher, auf der Suche nach etwas Ungewöhnlichem. ‚War der Attentäter noch da? Machte er sich etwa lustig über ihn?’ Die Massen waren noch geschockt, saßen noch immer wie erstarrt da. Doch in der Luft lag etwas Bedrohliches. Es brodelte. Sie brannte gleich. Nur noch wenige Augenblicke und dann… Doch da… da war ein Gesicht ihm zugewandt - zwei brennende lachende Augen und ein entstellter Mund, verzerrt zu einem höhnisch fiesen Grinsen. Kurz verschwamm seine Sicht, tauchte die anderen Personen um jenen herum ins Dunkel. Nur diese eine Person stand doch klar und deutlich da unten. ‚M.A.T.S.U! – Ob er? Nein. Dann würden die Mädchen um ihn herum nicht mehr so starr sitzen. Die hätten ihn sicher schon in der Luft zerrissen. Doch warum starrt er mich so triumphierend an? Wieso ist ER eigentlich hier? Hat er gewusst, was hier passieren soll?’ Takuto starrte ihn immer noch mit großen Augen an. Doch jetzt formte dieser Mund Silben. Silben so deutlich, das Takuto sie lesen konnte. >R.A.C.H.E< ‚Rache? Weil ich…? Ach Quatsch! Aber wer hat geschossen.’ Wieder wanderte sein Blick durch den Saal. Dort war inzwischen die Panik ausgebrochen. Schreiend rannte alles durcheinander. Die einen versuchten so schnell als möglich den Ausgang zu erreichen, die Anderen, Mutigeren - da kein weiterer Schuss erfolgt war -, versuchten Kôji zu erreichen. Die Sicherheitsleute hatten alle Hände voll zu tun, die Massen zurückzuhalten und dabei nicht auch noch zerquetscht zu werden. Es war gar nicht so einfach für sie, den Ansturm abzuwehren. Trotz der Panik die unter den Zuschauern ausgebrochen war, erregte noch etwas anderes Takuto’s Aufmerksamkeit. Er sah wie Männer einen anderen verfolgten. Die Verfolger trugen die Uniform der Sicherheitskräfte, also musste der Verfolgte der Attentäter sein... Doch wer war er?
Takuto wollte hinausstürmen, doch erst da bemerkte er, dass Katsumi seinen rechten Arm krampfhaft festhielt. Er hörte, wie ihn jemand rief… Verstand aber nicht den Sinn der Worte… Er wollte sich von ihm losreißen, doch dieser schüttelte nur den Kopf. Ein stechender Blick fiel auf Katsumi, dann auf Takuto’s Arm, wo dieser ihn festhielt. Doch der nütze nichts. Katsumi lockerte den Griff nicht. Als dieser merkte das Takuto kurz davor war, den Verstand zu verlieren, sich loszureißen und hinauszustürzen, riss Katsumi ihn in seine Arme, hielt den schwer atmenden Takuto an sich gedrückt, während er immer wieder auf ihn einredet. Erst laut, fast schreiend, später immer leiser. „Ihm ist nichts Schlimmes passiert.“ Immer wieder… „Es ist alles in Ordnung mit ihm, sonst wüste ich es… …Du kannst jetzt nichts tun. Wir warten, bis sich die Massen beruhigt haben oder raus sind, und fahren dann ins Krankenhaus. … Oder willst du dich von denen etwa noch tot trampeln lassen? Kôji würde mich dann umbringen.“ „Tot trampeln?... Umbringen?... Nein… Wieso?“ „Guck mal da runter. Die merken gar nix mehr. Wer da hinfällt, der hat keine Chance.“ Mit diesen Worten zeigte Katsumi auf mehre Stellen. Takuto folgte seiner Hand und sah, dass dort auf dem Boden bereits einige Fans lagen, die von anderen nicht beachtet wurden. In dem Gewühle, was da unten nun herrschte, trampelte einer auf dem anderen herum. Er schüttelte nur den Kopf. Plötzlich merkte er, dass auch seine Schwester Tränen vergießend neben ihm stand. Tröstend nahm er sie in den Arm, obwohl er Trost jetzt selbst nötig hatte. Als er Serika in den Arm nahm, lockerte Katsumi seinen Griff. Pausenlos hämmerten Gedanken auf Takuto ein. ‚Was mag nur sein? Ob Kôji schwer verletzt ist?’ Wieder warf er, wie schon so oft in den letzten Sekunden, seit dieser Schuss gefallen war, seinen Blick zur Bühne. Noch immer schotteten die Sicherheitskräfte die Sicht ab. Sie hielten eine große dunkle Plane in die Luft, damit nicht irgendwelche Pressefritzen Aufnahmen machen konnten. ‚Doch was war das? War das nicht eine Trage?’ Es sieht verdächtig danach aus. ‚KÔJI!’ Sein Herz tat ihm weh. Es schrie förmlich nach Kôji. Er wollte unbedingt wissen, wie es ihm ging. Plötzlich riss er sich von seiner Schwester los und stürmte Richtung Tür. Geistesgegenwärtig verbarrikadierte Katsumi den Ausgang, in dem er sich blitzschnell davor stellte. Auch Serika klammerte sich nun an seinen Arm. „Lass mich zu ihm!“ Leise, aber bedrohlich klangen diese Worte. Katsumi wich jedoch nicht zurück. „Setz dich hin, sobald die Luft rein ist, kannst du gehen.“ „KATSUMI SHIBUYA!“, drohend klang es, seine Augen sprühten fast Funken. „Ich weiß, dass ich so heiß.“, versuchte Katsumi der brennenden Luft die Nahrung zu nehmen. Wieder funkelten Takuto’s Augen ihn böse an. Seine Schwester ignorierte er total. Doch auch sie stellte sich nun neben Katsumi, um ihm zu zeigen, dass dieser mit seinem Tun Recht hätte. „Du auch?“ Resignierend und ohne eine Antwort abzuwarten, drehte Takuto sich um, um wieder einen Blick auf die Bühne zu werfen. Doch diese war inzwischen leer. Die Sicherheitskräfte hatten Kôji weggebracht und er wusste nicht wohin. Konnte nun nicht bei ihm sein. Sein Schmerz wurde so groß, dass er glaubte, jeden Moment die Kontrolle zu verlieren. Doch er verlor etwas anderes. Denn unerwartet verließen ihn seine Kräfte. Er konnte gerade noch nach der Lehne vom nächsten Stuhl greifen, als er bemerkte wie die Schwärze ihn umfing. Langsam senkte sie sich nieder. Der Schmerz und die Ungewissheit waren einfach zu groß. *** In der Zwischenzeit, verfolgten die Sicherheitskräfte den Attentäter. Dieser jedoch schien sich in dem Haus bestens auszukennen, was darauf hinwies, dass er wohl schon öfter hier gewesen sein musste. Blitzschnell rannte er die Gänge entlang, nahm die Treppenstufen mit Leichtigkeit und erreichte die Ausgangstür. Als die Sicherheitskräfte gerade an der großen Glastür ankamen, konnten sie noch erkennen, wie ein Wagen vor dem Haus hielt, der Attentäter die Tür aufriss, hineinsprang und noch während er die Tür zu schlug, fuhr der Wagen schon wieder an, beschleunigte und raste davon... „SHIT!“, sagte der eine zu seinem eben durch die Tür hinausstürmenden Kollegen. „Hast Du die Nummer noch sehen können? „Ja - …“ „Okay, Gib ne Meldung nach dem Mercedes raus und sag, dass die Flüchtigen wahrscheinlich bewaffnet sind.“ „Okay, Chef!“ Damit verschwand er, während der andere sich nun schnellen Fußes zu seinem Wagen begab, um von dort aus die Verfolgung über Sprechfunk weiterzuleiten. Schon sehr bald wurden sie mittels Autokennzeichen, ausgemacht, und die Polizei und die von Katsumi angeheuerten Sicherheitskräfte, nahmen die Verfolgung wieder auf. ‚Was der Name Shibuya doch alles so auslöst?’ Der Chef grinste vor sich hin, während er seinen Dienstwagen durch die Tokyoter Innenstand fuhr. Durch den Funk hatte er schon mitbekommen, dass die Polizei im Null Komma Nix alles was kreuchen und fleuchen konnte, auf die Beine gestellt hatte, um die Täter zu fassen. Auch Straßensperren waren bereits an mehreren Orten errichtet worden. Trotzdem lief die Verfolgungsjagd bereits seit eineinhalb Stunden, quer durch Tokyo. Der Fahrer des flüchtigen Fahrzeuges kannte keine roten Ampeln. Überall erzwang er sich die Vorfahrt, in dem er gekonnt, den am Verkehr beteiligten Wagen auswich. Auch einige der Straßensperren konnten sie – zwar mit starken Beulen am Auto – aber selbst unbeschadet überstehen. Aber die beiden Attentäter sollten nicht mehr sehr lange auf freien Fuß bleiben, denn etwas nicht Einkalkuliertes kreuzte ihren Weg. Als der Fahrer des flüchtigen Fahrzeugs wieder einmal einer Straßensperre auswich, in dem er kurz die Richtung wechselte, schnitt er an einer unübersichtlichen großen Kreuzung abermals diverse Fahrzeuge. Wie er dann jedoch einem Pkw aus der angrenzenden Seitenstraße die Vorfahrt nehmen wollte, in dem er einfach über die rote Ampel fuhr, wurde ihm jedoch die Sicht auf das dahinter - durch die davor stehenden Häuserblocks - verwehrt. So konnte er nicht, beziehungsweise erst viel zu sät, den riesigen Track mit Hänger erkennen. Noch bevor der Fahrer auf die Bremse gehen konnte, prallte er mit einem mächtigen Knall mit dem Track zusammen Dieser hielt zwar sofort an, aber zu spät. Die Fahrerseite des Pkws wurde total zusammen gepresst. Der Fahrer selbst erlitt keine Qualen mehr, er war sofort tot. Der Mann auf der Beifahrerseite war total eingeklemmt worden. Der Trackfahrer versuchte noch ihn herauszuholen, aber die Tür war ebenfalls verzogen. Wenige Augenblicke später wimmelte es am Unfallort nur so von mehreren Polizeifahrzeugen. Die Polizisten holten unter großen Anstrengungen den stark verletzten Attentäter aus dem Fahrzeug und stellten mit großem Entsetzen die Personalien fest. *** Als Takuto einige Augenblicke später wieder zu sich kam, kniete seine Schwester neben ihm, während Katsumi - mit dem Handy - mit irgendjemandem telefonierte. Fragend sah Takuto ihn an. Doch er wurde aus dem, was er hörte nicht schlau. „…. Hmm………. Ja….. ist in Ordnung………. Wo?……. Hmm….. Weiß man schon wer? ………. Aaa… Okay. Danke für deinen Anruf.“ Er machte es aus, steckte es ein. „UND? WAR DAS WEGEN KÔJI?“, fragte Takuto. „Ja.“, kam es kurz und knapp. „Spann mich nicht auf die Folter. Was ist los? Geht es ihm gut?“ „Den Umständen entsprechend.“, sagte Katsumi. „WAS heißt das?“ „Glatter Durchschuss, unterhalb der linken Schulter. Er ist im Krankenhaus und Taka ist bei ihm, konnte aber noch nicht mit ihm sprechen. Aber er sagte, dass sie den Attentäter und seinen Helfer wohl gefasst haben.“ „Namen?“ – Stille. „Nein... Er sagte keine.“ Mit diesen Worten drehte er sich um, öffnete die Tür und warf einen Blick hinaus auf den Flur. Dort war es inzwischen ruhiger geworden. Nur noch einzelne Nachzügler verließen langsam das Haus und die Pfleger der inzwischen gerufenen Krankenwagen – zur Bergung der Verletzten – liefen geschäftig hin und her. Er schloss die Tür wieder, drehte sich zu Takuto um und sagte: „Wenn du dich kräftig genug fühlst könnten wir jetzt gehen.“ Takuto nickte, doch dann bemerkte er, dass er doch noch ziemlich wacklig auf den Beinen war. Serika stützte ihn während er aufstand und auch Katsumi eilte ihm hilfreich zur Seite. So verließen sie zu dritt, die kleine Loge und steuerten den Parkplatz an. Katsumi setzte sich hinters Lenkrad, Takuto neben ihn, Serika stieg hinten ein. Dann fuhren sie los. Zuerst wurde Serika bei ihrer Freundin noch abgesetzt, bei der sie übernachten wollte, dann fuhren sie zum Krankenhaus.
Doch Kôji war noch immer im OP. Die Schwestern führten die Beiden, in das Zimmer, welches für den neuen Patienten vorbereitet worden war. Auskünfte konnte sie ihnen allerdings keine geben. Also hieß es warten…. warten… warten… Wie lange er so am Fenster stand und hinaus starrte, konnte Takuto später nicht mehr sagen. Ihm fiel nicht auf, dass Katsumi in der Zwischenzeit hinausgegangen war, mit Taka den er anschließend nach Hause schickte sich kurz unterhalten hatte und nun schon seit geraumer Zeit auf dem Stuhl neben der Tür saß. Er bemerkte nicht wie die Minuten verrannen, wie sie zu Stunden wurden. Achtete nicht darauf, dass in der Zwischenzeit die Sonne untergegangen war, dass die letzen Sonnenstrahlen den Horizont blutrot verlassen hatten und die Nacht sich anschickte, ihre Herrschaft zu übernehmen. Die ersten Sterne zeigten sich am Himmel, und noch immer stand er dort und hielt seinen Blick durch die Dunkelheit hindurch auf einen Punkt im Park gerichtet, der scheinbar seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Sein Herz klopfte wild. Er hörte das Pochen in seinen Ohren, spürte die Kälte die sich seines Körpers inzwischen bemächtigt hatte, aber nicht. Er starrte weiter nur hinaus. Endlich war es so weit. Die Türe öffnete sich, Katsumi ging ihnen aus dem Weg und stellte sich neben Takuto und ein Pfleger und eine Schwester schoben Kôji’s Bett in den Raum. Beide beobachteten sie, wie die Schwester, nachdem der Pfleger wieder den Raum verließ, den Tropf legte. Mit „Aber bleiben sie bitte nicht so lang, der Patient braucht jetzt Ruhe.“, verließ sie anschließend auch den Raum. Takuto stürzte sich sofort zu Kôji ans Bett, doch dieser hatte die Augenlider noch geschlossen. Aber er bemerkte das Kôji ruhig atmete.
Takuto spürte wie es ihm heiß in die Wangen kroch. Aber er spürte noch etwas anderes: er spürte das unbeschreibliche Glück von Kôji’s Nähe, die Erleichterung, dass ihm nichts Schlimmeres geschehen war. Als ob eine fremde Macht, ihm die Worte auf die Lippen legte, flüsterte er: „Mir war fast das Herz stehen geblieben. Ich hatte solche Angst um dich gehabt.“ Plötzlich öffnete Kôji die Augen und sah ihn an. |